Was junge Azubis zum geplanten Mindestlohn sagen

Gerecht? Notwendig? Genug Geld? Wir haben vier Auszubildende gefragt.
Protokolle von Dariusch Rimkus und Laura Hornberger

Auszubildende sollen in Zukunft eine Mindestvergütung während ihrer Lehre bekommen – ähnlich dem Mindestlohn. Das hat das Bundeskabinett heute beschlossen. Ab 2020 wären das im ersten Lehrjahr zum Beispiel 515 Euro und im zweiten und dritten je hundert Euro mehr. Doch ist das überhaupt sinnvoll und gerecht? Wir haben mit vier Azubis gesprochen, die dazu klare Meinungen haben.

„Ich kenne niemand, der mit unserem Lohn alleine wohnt“

Foto: privat; Collage: Jessy Asmus

Maileen, 20, wird zur Friseurin ausgebildet

„Ich verdiene zwischen 500 und 600 Euro im Monat. Damit fühle ich mich nicht wirklich eingeschränkt, weil ich noch bei meinen Eltern daheim wohne. Ich bin gerne zuhause, aber ich könnte auch nicht ausziehen, da ich ein Auto habe. Wenn ich Miete zahlen müsste, könnte ich mir das Auto nicht mehr leisten. Eigentlich könnte ich mir nicht einmal die Miete für eine eigene Wohnung leisten.

Geld ist schon ein Thema in meiner Klasse. In den Dienstleistung- und Handwerksberufe verdient man ja deutlich weniger als alle anderen. Wegen des niedrigen Lohns entscheiden sich auch viele gegen eine Ausbildung zur Friseurin. Ich kenne niemand, der mit unserem Lohn alleine wohnt. Es ist schon öfters mal finanziell schwierig. Auf ein Handy oder größere Dinge muss ich zum Beispiel eine längere Zeit sparen, das geht halt nicht einfach mal so.

Ich bin jetzt im dritten Lehrjahr und im August fertig. Falls das Gesetz nächstes Jahr kommt, würde es mich leider nicht mehr betreffen. Mit dem Mindestlohn hätte ich mir in meiner Freizeit weniger Gedanken machen müssen, wie ich mein Geld ausgebe. Dann hätte ich mir mehr gönnen können, ohne nachzudenken, ob es diesen Monat geht oder nicht. Zum Beispiel Essen gehen, ohne sich die Auswirkungen zu überlegen.“

„Man sollte Leuten, die entschlossen sind, in jungen Jahren anzufangen zu arbeiten, auch entsprechendes Gehalt bezahlen“

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

Tim, 17, macht eine Ausbildung zum Chemikant

„Ich bin im ersten Lehrjahr und wohne noch bei meinen Eltern. Ich bekomme genug Geld und verdiene mehr als 515 Euro pro Monat. Damit komme ich ganz gut hin und muss zum Glück auch nichts an meine Eltern abgeben. Jeden Monat kann ich mir 300 Euro für meinen Führerschein zur Seite legen und mir auch mal neue Schuhe, Klamotten oder Videospiele gönnen.

Die meisten meiner Freunde machen noch keine Ausbildung oder liegen ebenfalls über der Mindestvergütung. Ich habe aber einen Kumpel, der eine Ausbildung zum Mechatroniker mach. Er verdient deutlich weniger. Ihm würde die Reform helfen.

Deshalb finde ich den Plan auch nicht schlecht. Man sollte Leute, die entschlossen sind, in jungen Jahren anzufangen zu arbeiten, auch entsprechendes Gehalt bezahlen. Und es gibt ja tatsächlich viele, die deutlich unter den geplanten 515 bzw. 615 und 715 Euro verdienen. Für die wäre eine Mindestvergütung wichtig.“

„Manche konnten oft nicht mit uns feiern gehen“

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

Kyra, 19, hat bereits eine Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht und wird nun an einer privaten Schule zur Erzieherin ausgebildet

„In meiner Kinderpfleger-Ausbildung war mein Gehalt so hoch, dass er über dem geplanten Mindestsatz lag. Aber einige Mitschülerinnen haben weniger verdient. Sie konnten oft nicht mit feiern gehen und haben beinahe täglich in der Pause Fünf-Minuten-Terrinen gegessen. Viele von ihnen haben nebenbei noch am Wochenende gearbeitet.

Mittlerweile mache ich eine Ausbildung zur Erzieherin an einer privaten Schule, weil es bei uns im Umkreis keine staatlichen Schulen gibt. In den zwei Jahren Theorieausbildung verdienen wir überhaupt nichts. Ich bekomme 290 Euro Meister-BAföG. Zudem habe ich das Glück, dass ich das Kindergeld von meinen Eltern bekomme, obwohl ich noch bei ihnen wohne. Sonntags arbeite ich nebenbei noch vier bis sieben Stunden, obwohl ich allein 39 Unterrichtsstunden die Woche habe und mich oft auch auf Übungen im Unterricht zu Hause vorbereiten muss. Shoppen ist schon seit einiger Zeit nicht mehr drin, in den Urlaub fahren kann ich dieses Jahr auch nicht.

Eine Mindestvergütung für Auszubildende fände ich daher auch jeden Fall gut. Es gibt viele Branchen, wo Leute in den ersten Jahren in der Ausbildung viel zu wenig verdienen dafür, dass sie hart arbeiten. Gerade in den sozialen Berufen oder auch im Handwerk.“

„Es ist unfair, dass ich mehr verdiene als Freunde, die genauso viel arbeiten“

Foto: privat; Illustration: Jessy Asmus

Daniel, 20, macht eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik 

„Ich bin im zweiten Lehrjahr und bekomme monatlich um die 900 Euro raus. Gerade wohne ich noch bei meinen Eltern. Ich könnte schon ausziehen, aber dann müsste ich auf einiges verzichten. Aktuell kann ich einen Teil meines Gehalts auf die Seite legen, zwei Mal im Jahr in den Urlaub fahren, mit Freunden essen gehen und mein Auto selbst finanzieren.

Für mich ist das Geld, das ich verdiene, voll okay. Aber ich habe Freunde, die nicht so viel verdienen und die von der Mindestvergütung dann auch betroffen wären. Eine Freundin von mir macht eine Ausbildung zur Friseurin. Sie bekam im ersten Lehrjahr nur ein paar hundert Euro.

Es ist unfair, dass ich mehr verdiene als Freunde, die genauso viel arbeiten. Die machen eben etwas anderes, aber sie arbeiten auch acht Stunden am Tag. Ihre Arbeit sollte mehr wertgeschätzt werden und sie sollten eine gerechtere Vergütung bekommen. Wenn man zum Beispiel Auszubildende in den Handwerksberufen ordentlich bezahlen würde, dann würden sich bestimmt auch wieder mehr Jugendliche für diese Branche entscheiden. In vielen Berufen wird ja gerade nach Azubis gesucht.“

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