Dominic und Ann-Christin wollen nicht mehr Geld, sondern bessere Bedingungen.

Dominic und Ann-Christin wollen nicht mehr Geld, sondern bessere Bedingungen.

Foto: Fatima Talalini

Dominic Breß' Patienten sind oft schwere Fälle. Ein junger Mann ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Nach einem Autounfall lag er im Koma, hatte eine Hirnblutung, seine Lunge versagte. „Aber er hat ums Überleben gekämpft und nach und nach hat sich sein Zustand gebessert. Er ist ohne neurologische Schäden entlassen worden. Solche Erfolgserlebnisse motivieren mich, auch weiterhin mein Bestes zu geben.“

Dominic, 25, arbeitet seit 3 Jahren als Krankenpfleger auf einer neurochirurgischen Intensivstation im Ruhrgebiet. Gut, dass er diese Motivation spürt. Denn finanziell reizvoll ist sein Job – wie so viele soziale Berufe – nicht.

Gerade macht er eine Fachweiterbildung zum Anästhesie- und Intensivpfleger. Er ist stolz auf seine Arbeit: „Das ist ein Beruf, in dem man jeden Tag für die Menschen etwas Gutes tut. Dafür bekommen wir Anerkennung von den Patienten und ihren Angehörigen.“

Annerkennung ist schön, zahlt aber keine Miete. Dominic verdient weniger als der Bundesdurchschnitt – obwohl man seine Arbeit wohl als überdurchschnittlich wichtig bezeichnen könnte.

Er trägt viel Verantwortung, gerade auf einer Intensivstation sind die pflegerischen Tätigkeiten mit denen der Ärzte noch enger verzahnt. Er setzt das um, was die Ärzte anweisen. Die Pflegekräfte beraten zusammen mit den Ärzten über die Medikation und die Sedierungstiefe. Dominic überwacht den Puls, den Blutdruck, die Sauerstoffsättigung im Blut. Er kontrolliert die Beatmungsmaschinen, die Werte der Hirndrucksonde und die Verbände. Das alles zusätzlich zu seinen klassischen pflegerischen Tätigkeiten, wie die Mobilisation und Lagerung der Patienten und das tägliche Waschen. Auf 20 Betten kommen auf seiner Station ein bis zwei Ärzte. Wo die Ärzte nicht sind, da sind die Pflegekräfte. Dominics Beruf verlangt ihm nicht nur körperlich viel ab, er trägt auch eine große Verantwortung für die Gesundheit und das Leben anderer Menschen.

In der dreijährigen Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger hat Dominic im ersten Jahr circa 850 Euro im Monat brutto verdient, davon blieben 673 Euro netto. Im zweiten Jahr gibt es für Auszubildende circa 50 Euro mehr, im dritten rund 100 Euro. Mit abgeschlossener Ausbildung und drei Jahren Berufserfahrung sind es jetzt 2877,66 Brutto für die Arbeit auf der Intensivstation, das sind 1800,49 Euro netto. Auf einer „normalen“ Station wäre es etwas weniger. Wenn er nachts arbeitet oder an Feiertagen gibt es Zuschläge. Deswegen bekommt er in manchen Monaten bis zu 300 Euro mehr.

Das bundesweite Durchschnittseinkommen lag 2017 bei 3209 Euro brutto. Ohne oder mit sehr wenigen Zuschlägen für die Nacht verdient Dominic also unter dem Bundesdurchschnitt. Mit vielen Zuschlägen liegt er leicht darüber. Dominic ist ganz zufrieden mit seinem Gehalt. Er teilt sich die Kosten für die Mietwohnung mit seiner Freundin, kann mit Freunden ins Fußballstadion gehen und in den Urlaub fahren, ohne exzessiv dafür sparen zu müssen. „Ein normales Leben eben“, sagt er. Oft bekomme er zu hören: „Was du machst, das könnte ich nicht.“

„Irgendjemand muss es aber machen, es geht nun mal um Menschenleben“, sagt er. Trotz Freude am Beruf – die Arbeit im Krankenhaus zehrt. Dominic arbeitet acht bis zehn Nächte im Monat. „Am Tag danach schafft man nicht mehr viel“, sagt er. Er habe jetzt schon Schlafstörungen – wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen.

Was ist uns Fürsorgearbeit wert?

Dass Dominic trotzdem nicht das Gefühl hat zu wenig zu verdienen, ändert nichts daran, dass soziale Berufe in der deutschen Gesellschaft finanziell benachteiligt sind. Die Soziologin Nadiya Kelle ist stellvertretende Leiterin des Deutschen Freiwilligensurveys (FWS) am Deutschen Zentrum für Altersfragen. 2016 ist sie am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung der Frage nachgegangen, wie die Bezahlung der sozialen Berufe in Deutschland im Länder- und Berufsvergleich aussieht. „Es ist sehr subjektiv, ob ich das Einkommen für einträglich halte, oder nicht“, sagt sie. „Letztlich kommt es auch darauf an, ob ich einen Partner habe oder Kinder, ob ich noch meine Eltern unterstützen muss und so weiter. Die eigentliche Frage stellt sich auf gesellschaftlicher Ebene: Was ist uns die Fürsorgearbeit wert? Wie viel sind wir bereit auszugeben?“

Eine wichtige Erkenntnis der Forscherin: Professionelle Fürsorgearbeit wird schlecht entlohnt. Besonders die Bezahlung in den Gesundheits- und Pflegeberufen schneidet im Vergleich mit anderen Ländern und anderen Berufsgruppen schlecht ab.

Aber woran liegt es, dass soziale Berufe in Deutschland schlechter bezahlt werden als andere? Laut Nadiya Kelle gibt es drei wissenschaftliche Erklärungsansätze. Zum einen sind 85 Prozent der Beschäftigten in sozialen Berufen Frauen. Frauen haben aber auf dem Arbeitsmarkt immer noch einen niedrigeren Status als Männer. Fürsorgearbeit wie Pflege oder Kinderbetreuung galt lange Zeit als Arbeit, die keine Qualifikationen braucht. „Diese Haltung hat sich mit der Zeit gewandelt. In den letzten Jahren hat sich die gesellschaftliche Wertschätzung enorm entwickelt – die finanzielle Wertschätzung aber nicht“, sagt Kelle.

Dominic würde auf mehr Geld verzichten, wenn mehr Personal eingestellt werden würde

„Der zweite Grund hängt mit dem Gemeinwohlcharakter der Fürsorgeberufe zusammen“, sagt sie. „Die finanzielle Hauptlast liegt beim Staat und der Solidargemeinschaft, deswegen sind die Tätigkeiten strukturell unterfinanziert. Es ist außerdem schwierig, die Leistung wirtschaftlich zu messen. Soziale Berufe produzieren keine klassischen Güter, die man zählen kann.“ Klar: Wo keine Verkaufszahlen und Gewinne, da kein fetter Bonus.

Der dritte Grund liege in der so genannten Zuneigungsgefangenschaft, erklärt die Forscherin. Die Arbeit sei durch einen hohen Abhängigkeitsgrad ausgezeichnet. Pflegebedürftige oder Kinder seien von ihren Betreuenden abhängig. „Deshalb fällt es Leuten in diesen Berufen schwer zu sagen: ,Ich lege meine Arbeit nieder und streike für bessere Bedingungen.‘“

Dominic jedenfalls würde auf mehr Geld verzichten, wenn mehr Personal eingestellt werden würde. „Wenn es bessere Arbeitsbedingungen und Dienstpläne gäbe, wäre das viel hilfreicher“, sagt er.

Auch Erzieherin Ann-Christin Haeser hat nicht das Gefühl, zu wenig zu verdienen. Die 24-Jährige teilt sich die Miete für die Wohnung mit ihrem Freund; Kinder oder die Rente sind noch kein Thema. „Wir können in den Urlaub fahren und etwas unternehmen in der Freizeit. Natürlich gehen wir nicht in gehobene Restaurants oder so etwas, aber das machen unsere Freunde auch nicht. Schwierig wird es wahrscheinlich erst, wenn man mal Kinder bekommt und dann nur noch einer verdient. Dann werde ich mein Kind aus finanziellen Gründen auch schnell in die Betreuung geben müssen, um wieder zu arbeiten.“ Die Erzieherausbildung dauert in der Regel drei Jahre. Zwei davon sind schulisch – in der Zeit verdienen die Auszubildenden kein Geld. Erst im anschließenden Anerkennungsjahr bekam Ann-Christin knapp 1000 Euro im Monat raus. Nach dem Anerkennungsjahr bekam sie rund 600 Euro mehr. Inzwischen sind es 2.700 Euro brutto. „Das ist im Vergleich noch relativ gut“, sagt Ann-Christin, die bei einem kirchlichen Träger angestellt ist. „Bei anderen Trägern kann das auch weniger sein.“ Eine ihrer Kolleginnen ist keine Erzieherin, sondern Kinderpflegerin, da sei die Situation anders, sie verdiene rund 300 Euro weniger. „Und das, obwohl wir im Alltag die gleiche Arbeit machen“, sagt Ann-Christin und schüttelt den Kopf. Sie selbst verdient damit rund 500 Euro weniger als der Bundesdurchschnitt.

„Je mehr wir die Kinder fördern können, desto mehr profitieren sie später in der Schule davon“

Trotzdem geht es auch ihr in erster Linie um den Personalmangel. „Das Problem ist, dass nie alle Kolleginnen da sind. In der Kita ist immer irgendwer krank oder im Urlaub.“ Zu zweit oder gar alleine auf 20 bis 25 Kinder aufzupassen, da steigt der Stress. „Die Kinder sollen ja nicht nur betreut, sondern auch beschäftigt und gefördert werden. Das geht aber nicht, wenn man dann die andere Kollegin mit dem Rest der Gruppe alleine lassen müsste.“ Ann-Christin arbeitet in einer Kita in einem einkommensschwachen Viertel im Ruhrgebiet. In ihre Gruppen kommen viele Kinder mit Migrationshintergrund, einige haben sprachlichen Förderbedarf. Ann-Christin hat in ihrer Ausbildung gelernt, wie sie die Kinder fördern kann, aber im Alltag kann sie den eigenen Ansprüchen oft nicht gerecht werden. Es sei eben oft keine Zeit dafür da. Obwohl die Arbeit mit den Kindern so wichtig wäre: „Wir legen den Grundstein für das gesamte spätere Leben. Je mehr wir die Kinder fördern können, desto mehr profitieren sie später in der Schule davon“, sagt Ann-Christin.

Fortschritte miterleben, Menschen begleiten, im Team arbeiten – Ann-Christin arbeitet gerne in ihrem Beruf.

Genauso wie Dominic. Er könne sich nicht vorstellen, sein Geld mit etwas anderem zu verdienen, sagt er. „Aber bei der hohen Arbeitsbelastung muss man sich nicht wundern, dass Fachkräfte in die Schweiz oder nach Skandinavien abgeworben werden.“

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