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Bis zu 3.000 Euro brutto für die Poledance-Trainerin

Nicole, 24, arbeitet bis zu 90 Stunden pro Woche - ist aber trotzdem sehr froh, keinen Bürojob zu haben.
Protokoll von Liza Marie Niesmak
Nicole besitzt ihr eigenes Studio.

Nicole besitzt ihr eigenes Studio.

Foto: Mica Zeitz / Collage: jetzt.de

Der Weg

 

Als Ausgleich zur Schule hatte ich immer Sport gemacht, zu jener Zeit Kung-Fu und Tricking, so eine Art Akrobatik ohne Choreografie. Also habe ich geschaut, was man in dem Bereich machen kann und eine Ausbildung als Fitnesskauffrau begonnen, die ich nach zwei Monaten wieder abbrach. Ich war unzufrieden, weil ich das Gefühl hatte nicht ernst genommen zu werden und weil die Ausbildung nicht in die Tiefe ging. Ich wollte mehr wissen. Also arbeitete ich mit meiner B-Lizenz, die ich bereits als Fitnesstrainerin hatte, in diversen Studios und von meinem gesparten Geld machte ich Weiterbildungen. Als erstes ein anatomisches Grundseminar. Inzwischen habe 75 Lizenzen in diversen Bereichen: Fitness, Sportmedizin, Ernährung, Tanz, Kommunikation, Psychologie, Naturheilkunde...

Jedes mal, wenn ich wieder Geld verdient hatte, investierte ich es in neue Lizenzen – das mache ich bis heute so. Derzeit absolviere ich neben meiner Arbeit als Studiobesitzerin eine dreijährige Ausbildung zur Heilpraktikerin. Wenn ich damit fertig bin, mache ich eine fünfjährige Osteopathie-Ausbildung. Ich will immer weiter dazulernen. Mit dreißig habe ich dann wahrscheinlich ein Burnout, aber hoffentlich viel mehr Geld.

 

Das Studio

Als Fitnesstrainerin zu arbeiten ist hart. Du bekommst nur selten eine Festanstellung, denn die Studios müssten dann im Fall einer Verletzung weiterhin dein Gehalt zahlen und das Verletzungsrisiko ist natürlich hoch. Rund acht Jahre lang habe ich in fast alle Fitnessstudios Münchens gearbeitet, mit begrenzten Verträgen als sogenannter Flächentrainer und nebenbei jedes Wochenende meine Weiterbildung gemacht. 2014 habe ich dann mein letztes Geld in die Hand genommen, fünf Poledance-Stangen für rund 300 Euro pro Stück gekauft und in einem gemieteten Raum unterrichtet. Aus einem wurden mehrere Kurse und zwei Jahre später steckte ich 15.000 Euro in die Renovierung eines Raumes, um dort im Alter von 22 mein erstes eigenes Studio zu eröffnen, dass ich grade für eine andere Location wieder abgegeben habe. Jetzt miete ich ein Haus mit zwei Stockwerken in einem Münchner Hinterhof, wo mein Freund, mein Hund und ich oben wohnen können und unten ist das Studio.

Neben Poledance biete ich auch verschiedene Fitness- und Tanzkurse, Yoga, Meditation und Junggesellenabschiede an. Zum Poledance bin ich über eine Art Mutprobe in meiner damaligen Mädchenclique gekommen. Wir hatten uns alle für eine Probestunde angemeldet, am Ende ging ich aber als Einzige hin, weil die anderen sich schämten und Angst vor den Schmerzen hatten. Ich war durch das Tricking ja bereits abgehärtet. Beim Pole habe ich dann außerdem viel schneller Erfolge gesehen als bei den schwierigen Tricking-Stunts - das hat mir gefallen. Ich habe dann in Hamburg eine Ausbildung zur Pole-Dance-Trainerin gemacht. Nele, meine damalige Ausbilderin, ist heute meine beste Freundin und Mentorin.

Ganz wichtig beim Training ist mir, dass die Gesundheit Priorität hat. Deswegen steht das “Health” im Namen des Studios “Health & Shape” auch vorne. Natürlich sollen meine Kundinnen sich über ihren geilen Body freuen können, wenn sie bei mir trainiert haben, aber sie sollen auch Achtsamkeit lernen. Ich selbst versuche mich in dem Bereich Anatomie und Medizin immer stärker weiterzubilden. Wenn jemand mit Fersensporn oder Bandscheibenvorfall zu mir kommt, muss ich das erkennen und damit umgehen können.

 

Das Geld

Mein Verdienst liegt bei monatlich 1.500 bis 3.000 Euro brutto. Für meine Lizenzen habe ich insgesamt mindestens 10.000 Euro ausgegeben. Hinzu kommen die Kosten für den Umbau des ersten und zweiten Studios. Für das Zweite habe ich noch gar nicht nachgerechnet, aber es werden wohl mindestens 30.000 Euro sein. Wenn du erfolgreich werden willst, musst du investieren. Und du musst den Mut haben es durchzuziehen.

 

Der Aufwand

Ich arbeite seit acht Jahren zwischen 70 und 90 Stunden pro Woche, oft von 9 bis 23 Uhr. Wenn ich nicht unterrichte, konzipiere ich neue Workouts, beantworte Mails, mache Rechnungen oder absolviere Weiterbildungen. Selbst wenn ich mit meinem Hund gehe, erledige ich berufliche Anrufe oder höre mir Musik für neue Choreos an. Gedanklich bin ich immer beim Unterricht. Zusätzlich trainiere ich noch an drei bis vier Tagen pro Woche. Man muss allerdings in dem Beruf sehr aufpassen, nicht ins Übertraining zu verfallen und viel zu schlafen, sonst packt der Körper das nicht und du wirst müde und antriebslos. An guten Tagen komme ich auf acht Stunden Schlaf, an schlechten auf fünf.

Natürlich leidet mein Privatleben darunter. Meinen Freund, der tagsüber arbeitet, sehe ich kaum. Manchmal endet meine letzte Stunde um 22 Uhr. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, weil ich Termine vergesse oder Nachrichten von Familie und Freunden tagelang unbeantwortet lasse. Seit einer Weile zwinge ich mich, mein Handy regelmäßig abzuschalten, um zur Ruhe zu kommen. Urlaub mache ich maximal zwei Wochen pro Jahr.

Die Berufskrankheit

Ich kann kaum noch Musik hören, ohne dabei an die Arbeit zu denken. Zu vielen Liedern habe ich schon mal eine Choreo gemacht oder ich denke daran, was man dazu machen könnte. In Clubs zu gehen, wo Charts oder Hip-Hop laufen, würde mich daher quälen. Stattdessen gehe ich lieber in Elektroläden, denn zu Elektro habe ich noch nie eine Choreo gemacht.

 

Was ich auf Partys immer gefragt werde

Im Grunde zwei Dinge: „Poledance – ist das nicht voll anstrengend?” Und von denen, die etwas mehr Ahnung haben: „Kannst Du eine menschliche Flagge”? Ja, ich kann eine menschliche Flagge und nein, Poledance ist nicht besonders kraftaufwendig, denn die Technik beruht vor allem auf Hebelgesetzen. Ich wette, dass ich jedem Menschen Pole beibringen könnte. Man muss nur den Schmerz aushalten können, der vor allem durch die Reibung an der Stange entsteht.

Drei Mal in meinem Leben wurde ich von Männern gefragt, ob ich ihnen eine Privatvorstellung als Stripperin geben könnte. Zwei von ihnen waren kaum volljährig, der dritte ziemlich alt. Ich glaube, ich bekomme das eher selten zu hören, weil ich es nicht ausstrahle und meine Oberarme mehr an Bodybuilding erinnern als an eine Stripperin.

Die Voraussetzungen

Um den Job zu machen, muss man es mögen, sich mit Menschen sehr stark auseinanderzusetzen. Man muss Empathie und Geduld haben, logisch denken können und kommunikativ sein. Die Leute sollen bei mir ihren Job vergessen, sich nicht verstellen und die Sau raus lassen. Ich mache meinen Unterricht daher mit sehr viel, oft dreckigem Humor.

Mein Vater hätte mich lieber in der Pharmaindustrie gesehen, wo er auch arbeitet. Meine Mutter sagte nur: „Mach was du willst, aber werde nicht Stripperin. Wenn du Stripperin wirst, geh nicht in den Ostblock. Wenn du als Stripperin in den Ostblock gehst, geh nicht ohne Security”. Das war’s.

Das Frustrationspotential

Die Poledance-Szene in Deutschland ist rund zwanzig Jahre alt, manche betreiben es als Hochleistungssport. Trotzdem ist Poledance-Trainer in Deutschland kein geschützter Begriff, das kann im Grunde jeder unterrichten, der mal einen Kurs gemacht hat. Viele machen das auch, um damit schnell Geld zu verdienen, was für die Kunden nachteilig sein kann. Als Poledance-Trainer sollte die Funktionsweisen des Körpers genau kennen um dementsprechend beraten und unterrichten zu können. Wenn jemand sich in meinem Kurs das Genick bricht, trage ich die Verantwortung. Indem ich riskante Übungen im Unterricht meide, gehe ich nur meiner Sorgfaltspflicht nach.

Was ich in meiner Zeit als reine Fitnesstrainerin kaum ertragen habe, waren die Leute, die sich wegen fünf Kilo Übergewicht fertiggemacht haben. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis habe ich viele schlimme Krankheitsfälle erlebt. Eine Kindheitsfreundin von mir, die wie eine Schwester für mich ist, erhielt mit Anfang zwanzig die Diagnose, dass sie Multiple Sklerose hat. Mein Vater leidet an der Bluterkrankheit und hatte vor einer Weile einen Schlaganfall. Diese Erfahrungen waren für mich ein wesentlicher Grund, mich mit Anatomie, Psychologie und Gesundheitsthemen zu beschäftigen. Ich möchte, dass meine Schülerinnen die Übungen gescheit machen und generell auf sich achten.

 

Die Erfolgserlebnisse

Für mich ist es wahnsinnig schön und spannend zu sehen, wie sich meine Schülerinnen bei Poledance-Blockkursen vom ersten bis zum letzten Training verbessern. Da schießen mir oft sogar Tränen in die Augen. Besonders hier in Deutschland merkt man, wie streng und selbstkritisch alle mit sich sind. Zudem leben viele Frauen ihre Weiblichkeit nicht aus und sind in einer eher harten, männlichen Energie. Ich versuche niemanden unter Druck zu setzen und gebe immer Optionen für alles. Keiner muss High Heels oder Tanga tragen, an einer Silikonstange kann man ebenso gut mit langer Hose tanzen.

Sobald ich runter ins Studio gehe und meine Mädels sehe, habe ich Lust zu unterrichten. An schlechten Tagen geben sie mir Energie, an guten Tagen ist es andersrum. Ich glaube ich habe einen guten Job, denn ich muss nicht in einer Fabrik stehen oder im Büro sitzen. Was nützt es mir zu wissen, wie Excel funktioniert – ich will lieber wissen, wie mein Körper und Geist funktionieren. Durch meine Fortbildungen im medizinischen Bereich bin ich zudem gut abgesichert, denn die Medizin ist recht krisensicher, glaube ich. 

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