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Christopher liebt die russische Gastfreundschaft.

Foto: privat Bearbeitung: jetzt

Der Weg

Ich wollte schon immer reisen und in die Ferne. Bereits mit 14 bin ich nach China gereist, habe mit 18 in London gekellnert und bin mit 23 von Berlin nach Istanbul getrampt. Mein Interesse für Russland hat ebenfalls früh angefangen. Ich habe in der Schule Russisch gelernt und während meines Bachelors in Politik und Wirtschaft eine Sommerschule in St. Petersburg besucht. Meine Verbindung nach Moskau entstand zunächst über russische Kontakte aus London, die ich dann besucht habe. Die Stadt hat mich sofort fasziniert – die Kontraste zwischen Arm und Reich, die unendliche Weite, die Gastfreundlichkeit. Seit damals bin ich immer wieder zurückgekommen und habe meine Verbindung nach Russland aufrechterhalten.

In meinem Master habe ich mich auf Osteuropa spezialisiert und auch ein Auslandssemester in St. Petersburg gemacht. Nach Moskau kam ich dann 2016 erst durch ein Praktikum bei der Handelskammer, anschließend habe ich eine Stelle als Redakteur bei der Moskauer Deutschen Zeitung bekommen. Da kam dann auch die E-Mail, ob ich nicht einen Reiseführer für Marco Polo schreiben möchte. Ich habe zwar schon damals beruflich viel über das Leben in Moskau berichtet, aber Reiseführer zu schreiben hatte ich noch nicht auf dem Schirm. Ich habe seit Schulzeiten frei für diverse Tageszeitungen gearbeitet und Praktika bei internatioanlen Organisationen absolviert, etwa bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Usbekistan. Bei der Märkischen Oderzeitung absolviere ich nun auch ein multimediales Volontariat.

Das Buch

Zunächst einmal schreibe ich die Führer nicht komplett neu. Bei den meisten Ausgaben, die es so zu kaufen gibt, handelt es sich um Wiederauflagen mit Aktualisierungen. Das heißt aber nicht, dass da nicht viel Arbeit drinsteckt. Einige Teile schreibe ich auch gänzlich neu. Denn gerade eine Stadt wie Moskau verändert sich wahnsinnig schnell. Die erste Auflage habe ich 2017 überarbeitet und nun bin ich schon bei der nächsten Aktualisierung für 2020. Auch bin ich nicht die ganze Zeit in Moskau unterwegs. Tatsächlich finden 80 Prozent meiner Arbeit für dieses Buch am Schreibtisch statt. Denn es gibt ganz genaue Vorgaben vom Verlag, was die Kategorien und ihre Länge betreffen. Schließlich sind Reiseführer auch einheitliche Produkte. Das erfordert enormes Zeitmanagement. Zurzeit stehe ich immer sehr früh auf, um vor der Arbeit noch zwei Stunden schreiben zu können. Zum Glück arbeite ich mit einer sehr guten Lektorin und Redaktion im Reisebuchverlag zusammen. 

Die Reise

Den klassischen Tag als Reisebuchautor stellt man sich aufregend vor, immer unterwegs und da wo was los ist – aber die Realität sieht anders aus. Der Verlag macht mir genaue Vorgaben und gibt an, welche Kategorien er aktualisiert haben möchte. Oft liegt der Fokus dann auf neuen Klubs und Bars, praktischen Hinweisen, ungewöhnlichen Erlebnissen oder exotischen Restaurants. Ich bereite mich deswegen auch immer sehr genau vor und lese dazu alles in deutschen, englischen und russischen Medien mit Basis in Moskau. Eine weitere wichtige Quelle sind neben spontanen Bekanntschaften in Bars, Taxis, auf der Straße oder gar im Flugzeug meine Freunde vor Ort, die mir ihre aktuellen Lieblingsplätze zeigen. So komme ich auch an Orte, die ich sonst nie besuchen würde: Eine Freundin geht zum Beispiel gerne shoppen, ein anderer Freund ist Barkeeper und zeigt mir immer, was gerade so los ist in der Szene, ein anderer ist Vegetarier und hasst elektronische Musik – er hat mir dadurch verschiedene andere Einblicke gegeben. Auch mit Besuch aus Deutschland ist es immer wieder spannend unterwegs zu sein, da schließlich auch diese Perspektive und die Wünsche von Touristen wichtig sind. Es ist wichtig, immer kommunikativ zu sein und nicht zu zögern, neue Menschen anzusprechen. So lernt man Orte immer von neuen Seiten kennen und kommt raus aus seiner Komfortzone.

Als ich mit der ersten Überarbeitung angefangen habe, habe ich noch in Moskau gewohnt. Das ist natürlich viel praktischer, da man sowieso jeden Tag in der Stadt unterwegs ist, Orte flexibel besuchen kann und ihre derzeitige Entwicklung miterlebt. Aber jetzt, da ich nicht mehr dort lebe, muss ich meine Besuche sehr genau takten, um viele Orte und Erlebnisse unterzubringen.  Deswegen ist es wichtig, sich mal ein paar Stunden zu entspannen oder etwas Ruhiges zwischendurch zu machen – wie zum Beispiel ein orthodoxes Kloster zu besuchen.

Die Motivation

Ich liebe es zu reisen und neue Dinge zu entdecken. Am schönsten ist das, wenn man längere Zeit an einem Ort ist und nicht nur ein paar Tage. Gleichzeitig ist es mir wichtig, mit Vorurteilen zu brechen. Für viele Menschen in Deutschland ist Russland ein absolut fremdes Land, das sie vor allem mit der jetzigen politischen Situation in Verbindung bringen. Aber Russland und Moskau sind so viel mehr. Es gibt so viele andere Seiten zu entdecken – wie zum Beispiel eine Vielzahl von kreativen Apps (das Internet ist in Osteuropa schneller und günstiger als in Deutschland) oder im Westen fremde Formate wie Anticafés, in denen man eine Stunde bezahlt und so viel Kaffee trinkt, wie man möchte. Ich mag auch die offene Art und Weise, wie die Moskauer Touristen begegnen. Mich nervt das Klischee über den kalten, trinkenden Russen. Besonders viele junge Leute trinken überhaupt nicht, gerade weil vorherige Generationen es teilweise übertrieben haben. Und ich habe auch viele tolle Menschen kennengelernt, die zu treuen Freunden geworden sind, auch wenn das Kennenlernen im nordischen Land länger dauern kann.

Das Geld

Es ist ein Nebenjob. An der jetzigen Auflage arbeite ich ungefähr drei Monate und bekomme dafür 3500 Euro brutto Honorar. Hier sind auch schon die Kosten der Reise inklusive. Beteiligung am Verkauf habe ich nicht. Vieles an Vorbereitungszeit zähle ich hier gar nicht mit hinein, weil ich mich schließlich auch so für Russland und Moskau interessiere. Daher verdiene ich ungefähr 1000 Euro brutto im Monat. Tatsächlich ist diese Arbeit für mich aus finanzieller Sicht eine schöne Nebeneinkunft, aber nicht der Hauptberuf. Finanziell wäre das auch schwer möglich, da man für ein komplett neues Buch zwar mit 7000 Euro brutto rechnen kann, aber daran auch mehrere Monate bis zu einem Jahr schreibt. Die allermeisten Reisebuchautoren haben deswegen auch noch andere Jobs. Viele leben bereits vor Ort und sind Auslandsjournalisten oder für das Goethe-Institut oder andere Organisationen tätig. Ich verwende dagegen nun meinen persönlichen Urlaub und andere Gelegenheiten für die Reisen nach Moskau. Zum Beispiel war ich auf einem deutsch-russischen Medienforum und als Korrespondent während der Fußball-WM 2018 in Moskau und mehreren russischen Städten unterwegs.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Erstmal sind die Leute meistens überrascht und beeindruckt, aber dann kommt oft gar nicht eine Frage, sondern irgendein Kommentar zur Annektierung der Krim. Ich begegne vielen jungen Menschen, die sehr voreingenommen sind, das ist schade. Dabei ist Russland so ein riesiges, vielfältiges und interessantes Land, das man nicht nur auf die Politik reduzieren sollte. Das beweisen auch die liebenswerten Menschen, die alles für ihre Gäste tun.