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Nana ist KaLeu, also Kapitänleutnant. 

Collage: Daniel Hofer

Der Weg

Ich war neugierig auf die Bundeswehr, bin da aber sehr ergebnisoffen rangegangen. Das Assessment-Center ist anspruchsvoll, das wäre auch einfach ein gutes Bewerbungstraining gewesen. Erst als ich die Zusage wirklich bekam, habe ich mich stärker mit dem Arbeitgeber und dem Dienst in der Bundeswehr beschäftigt. Und es hat mich gereizt, für etwas zu arbeiten, wo ich einen Sinn dahinter sehen kann. Die Bundeswehr macht das, wozu uns das Parlament beauftragt, das bei uns zum Glück demokratisch gewählt wurde. Das ist eine Aufgabe, der ich gerne nachkomme und an der ich Spaß habe.

Also bin ich eine Woche nach dem Abi eingestiegen. Mein Onkel war auch bei der Bundeswehr und ich wollte mir das Mal angucken. Meine Mutter hat das vollkommen unterstützt. Im Rest der Familie war die Begeisterung nicht so groß. Viele fragende Gesichter, ob ich das als Mädchen wirklich machen will, weil es ja eher ein Job für Männer wäre.

Das erste Jahr hatte ich die klassische Grundausbildung. Durch den Schlamm robben, schießen. Aber ich bekam auch Navigationsgrundlagen und nautische Gesetzeskunde beigebracht. Ich bin sechs Wochen auf der Gorch Fock mitgefahren, das ist ein Segelschulschiff.  Später ging es für vier Jahre an die Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, eine Bundeswehr-Uni. Dort absolvierte ich meinen Bachelor und Master in Politikwissenschaften. Wir waren nur acht Leute im Master, hatten aber ganz normale, zivile Professoren. Danach hatte ich noch einmal zwei Jahre Lehrgänge. Insgesamt hat die Ausbildung sechseinhalb Jahre gedauert.

Am Ende steht eine zwei- bis dreiwöchige Schülerfahrt. Das ist eine Live-Prüfung. Alle Kandidaten für das Jahr werden in ein U-Boot gepackt und müssen Prüfungen absolvieren. Man bekommt wenig Schlaf, der Druck ist hoch. Bei uns im Jahr haben acht mit der Ausbildung angefangen und drei am Ende die Prüfung bestanden. Am U-Boot-Fahren hat mich gereizt, dass es ein bisschen exklusiv ist. Ich wollte gucken, ob ich das kann. Ich bin auch erst die dritte Frau in der deutschen Marine, die als Wachoffizier U-Boot fährt – und damit auf dem Weg ist, Kapitän zu werden.

 

Der Job

Mein Dienstgrad ist Kapitänleutnant, kurz KaLeu genannt. Zurzeit bin ich vierter Wachoffizier auf dem U-Boot U31 – das gilt als eines der modernsten, nicht-nuklearen U-Boote der Welt. Die deutsche Marine betreibt mehrere  U-Boote dieser Klasse, die mit Brennstoffzellen Außenluft unabhängig Energie erzeugen können. Mein Job gliedert sich in Zeit im Büro und Zeit auf dem U-Boot. Es ist also abwechslungsreich, das gefällt mir sehr gut.

Wenn ich im Büro bin, komme ich morgens um sieben Uhr, ziehe meine Uniform an. Eine Viertelstunde später machen wir eine Musterung, das heißt, wir treten alle einmal an. Der erste Wachoffizier gibt den Plan für den Tag vor und dann gehe ich in mein Büro und beschäftige mich zum Beispiel mit Personaldaten, mit logistischen Sachen oder mit Bestellungen für die nächste Seefahrt, wie zum Beispiel Kraftstoff.

Es gibt aber auch Tage oder Wochen, da trainieren wir im Simulator. Oder wir haben Lehrgänge. Ich mache zum Beispiel gerade eine Fortbildung zum Presseoffizier.

Und natürlich fahre ich auch zur See. Dieses Jahr habe ich 75 Seetage. Das sind zum Beispiel Ausbildungsfahrten wie die Schülerfahrt oder nationale und internationale Manöver. Zuletzt war das Norwegen-Manöver groß in der Berichterstattung. Da bin ich zwar nicht mitgefahren, aber bei ähnlichen Übungen mit NATO-Partnern. 

Unsere Missionen sind zum Beispiel im Bereich Aufklärung. Das heißt, wir finden Dinge verdeckt raus, die andere nicht möchten, dass man rausfindet. Wir können uns zum Beispiel angucken, welche Schiffe in einen Hafen einfahren, ohne dass es jemand mitbekommt.

Der Alltag im U-Boot

Auf See ist alles durch den Wachrhythmus bestimmt. Wir haben zwei Wachen, die sich alle sechs Stunden ablösen. Insgesamt fahren wir mit 29 Mann zur See, jeder ist ein Spezialist. Es macht Spaß, mit einem so professionellen Team zu arbeiten. Es gibt vier Wachoffiziere, die für den Kommandanten das Boot fahren, da gehöre ich dazu. Ich sitze nicht direkt am Steuerrad, sondern führe die Wache. Das heißt, ich lege fest, wie hoch oder tief und in welche Richtung das U-Boot fährt. Ich befehle also, was in dem Moment auf dem U-Boot passiert.

Das ganze Leben spielt sich in zwei Räumen ab, wir teilen uns sogar die Betten. Es gibt einen Smut, der für alle kocht, besser als meine Mama würde ich sagen. Zwischen den Wachdiesten schauen wir öfter zusammen einen Film, spielen Karten, lesen Bücher. Es gibt mehr Raucher bei uns, als man vielleicht erwarten würde. Wenn wir tauchen, müssen die das ohne Zigaretten aushalten. Sind wir aufgetaucht, kann man oben auf der Brücke rauchen. Meine längste Zeit unter Wasser war deutlich länger als zwei Wochen. Es ist aber nicht so, dass man danach die Tür aufmacht und alle rausströmen. Viele sind ganz gerne drinnen, da ist zumindest kein schlechtes Wetter. Ich merke immer, wenn ich wieder die Sonne sehe, wie sehr ich sie vermisst habe. Aber während ich im U-Boot bin, merke ich das nicht.

Auf dem Boot lebt man enger zusammen als in der Familie, dementsprechend gut kennen wir uns. Wir wissen mehr als andere über private Verhältnisse. Und ich weiß, ich kann mich auf alle hier verlassen. Ich würde jedem von den Jungs in jeder Sekunde mein Leben anvertrauen. Muss ich auch, weil ich fachlich von ihnen abhängig bin. Ich brauche jeden von denen, um mit dem Boot zur See zu fahren.

Wenn wir unter Wasser sind, haben wir keine Kommunikation zur Außenwelt, auch über Wochen. Wir sind in unserer eigenen kleinen Welt, wir wissen auch nicht, was zuhause passiert. Wenn es etwas Dramatisches wäre, würden wir es schon erfahren, aber was nicht notwendig ist, wird auch nicht kommuniziert. Ich bin einmal abgetaucht und in einer Welt aufgetaucht, in der Donald Trump seit zwei Wochen gewählter US-Präsident war.

Das Privatleben

Einen festen Partner habe ich zur Zeit nicht, weil das schwierig ist. Ich bin viel weg, auch über die Wochenenden. Und für viele Männer ist es merkwürdig, dass ich in so einem extrem männlichen Umfeld arbeite. Aber ich bin nicht unglücklich mit meiner Situation.

Irgendwann möchte ich aber eine Familie haben. Ich werde als Berufsoffizier bei der Bundeswehr bleiben und ich will auch weiter zur See fahren. Damit das mit einer Familie klappt, müssen die Lasten in einer Familie gleichberechtigt verteilt werden. Eine Freundin von mir ist zum Beispiel Kommandantin auf einem Minenjagdboot. Das funktioniert nur, weil ihr Mann Elternzeit genommen hat. Das ist aber noch immer keine Selbstverständlichkeit für die meisten Männer.

Zu meinen Freunden aus der Schulzeit habe ich eigentlich nur noch an Weihnachten Kontakt. Viele sind in den Süden gegangen. Ich hatte auch einige Freunde, die politisch eher links oder grün waren. Die haben wenig Verständnis für das gehabt, was ich mache. Im Nachhinein habe ich mich dann gefragt, ob das wirklich Freundschaften waren oder doch nur Bekanntschaften. Aber ich habe auch viele Freunde dazu gewonnen durch den Dienst.

 

Die Männerwelt

Ich bin auf unserem Boot die einzige Frau. Das ist im Alltag kein Problem. Ich habe da nie ein Thema draus gemacht und die Jungs auch nicht. Das ist für mich die Art, wie ich am besten damit klarkomme, ich möchte ja auch keine Sonderrolle haben. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, man merkt es gar nicht. Auf der letzten Fahrt hatte ich eine zweite Frau dabei. Davor war mir das nicht so bewusst, aber seit sie dabei war, vermisse ich es schon, mit ihr mal über die ganzen Jungs lästern zu können. Ich verstehe mich aber auch mit den meisten Burschen hier.

 

Das Geld

In vielen Punkten habe ich es einfacher als eine Frau in der zivilen Welt, zum Beispiel gibt es für mich keinen Gender Pay Gap. Mein Dienstposten und mein Dienstgrad sagen aus, wie viel ich verdiene, nicht mein Geschlecht. Da muss ich auch nicht verhandeln. Ich verdiene 3675 Euro brutto Grundgehalt. Es sind noch ein paar Hundert Euro mehr, weil ich Zulagen bekomme, zum Beispiel für die Tage, an denen ich zur See fahre. Das ist aber jeden Monat unterschiedlich. Außerdem steigt das Gehalt, mit mehr Erfahrung bekomme ich mehr Geld. Während der Ausbildung wurde ich auch schon bezahlt, auch für das Studium. Da habe ich zwischen 2300 und 2800 Euro brutto bekommen.

 

Die Frage, die auf Partys immer wieder kommt

„Wie machst du das als Frau mit dem Badezimmer?“ Dann sage ich: „Das ist wie bei uns Zuhause, da teilen sich auch Männer und Frauen ein Bad. Ich mach die Tür zu und setz mich hin.“

Die meisten Leute sind überrascht, wenn sie mitbekommen, dass ich U-Boot fahre. Sie sagen, ich sehe nicht aus, wie ein U-Boot-Fahrer. Wie ein U-Boot-Fahrer aussieht, kann mir dann aber auch keiner sagen.

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