Was die Kameras aus Somalia nicht zeigen

Neben Bürgerkrieg, Piraterie und Terror gibt es in Somalia auch: ziemlich viel Einfallsreichtum.
Von Haroun Mahmud/JournAfrica!

Was, wenn wir vor lauter Krieg den Hai nicht mehr sehen? Der somalische Fotograf Feisal Omar hat diese Szene festgehalten.

Bild: Feisal Omar / feisalomar.com

Somalia, das sind für die Kameras internationaler Nachrichtenagenturen oft nur die vom Kugelhagel durchsiebten Fassaden der Hauptstadt, die verhungernden Kinder auf dem Land oder die Not der zum Teil bettelarmen Bevölkerung. Somalia, das ist für die Kameras in Hollywood das Gemetzel in "Black Hawk Down" oder die brutale Piraterie in "Captain Phillips".  Das Land muss seit 25 Jahren als Synonym für die zerstörerischen Kräfte von Bürgerkrieg und Chaos herhalten. 

Es gibt aber viel mehr Geschichten zu erzählen und Bilder zu zeigen aus dem Land im äußersten Osten Afrikas. Geschichten und Bilder von Abenteuerlust, Erfindungsgeist, feinsinnigem Gespür und Aufbruchstimmung. So wie die Geschichte eines dreizehnjährigen Jungen aus dem kleinen Ort Buhoodle an der somalisch-äthiopischen Grenze.

Vom Müll-Erfinder zum richtigen Autobauer

Anfang diesen Jahres berichtete die BBC über ihn: Guled Adan Abdi. Der Junge, der seitdem weit über die Grenzen Buhoodles bekannt ist. Weil er sich in seiner Neugier und Kreativität nie hat einschränken lassen - und anfing, aus Müll elektronische Geräte zu basteln. 

Guled erzählt in der Dokumentation, wie er anfing, Teile weggeworfener Gegenstände zusammenzusetzen. Dass er Spielzeug-Autos baute, die er später sogar motorisierte. „Irgendwann dachte ich mir, dass es doch viel besser sei, wenn das Spielzeug beweglich wäre. Ich sah mir also die Autos in der Stadt an und entwickelte Spielzeug mit demselben Design. Da ich niemanden kenne, der solche Dinge anfertigt, brachte ich mir alles selbst bei. Auch, wie die Räder eines Wagens angetrieben werden.“

Was er baut, ist hauptsächlich aus Speiseölkanistern zusammengesetzt. Er hat Trucks und Flugzeuge gebastelt, oder auch einen Ventilator, der nachts als Lichtquelle dient. Um sein Spielzeug in Bewegung zu setzen, schließt Guled es an ein batteriebetriebenes Steuergerät an, das mit einem Plus- und Minuszeichen versehen ist. „Wenn ich auf Minus umschalte, dann fährt das Auto rückwärts, auf Plus fährt es vorwärts.“ 

Vielleicht klingt Guleds Geschichte unbedeutend und gewöhnlich, die Umstände ihrer Entstehung sind es aber so gar nicht. Er lebt mit seiner Mutter, einem Bruder und einer Schwester zusammen; sein Vater verschwand vor 14 Jahren spurlos. Wahrscheinlich ist er tot. Auf beschwerlichem Weg muss die Mutter seitdem den Lebensunterhalt der Familie bestreiten, indem sie anjeera (somalische Pfannkuchen) verkauft. Wenn die finanzielle Situation kritisch wird, muss die Familie zu Verwandten in eine abgelegene Region ziehen, wo Guled nicht zur Schule gehen kann.

In "Peace Garden", einem öffentlichen Park von Mogadishu, verbringen Somalier ihre Freizeit.

Foto: Fara Habdi Warsameh/AP

An einem normalen Schultag verbringt Guled meist die kompletten Nachmittage mit seinen Tüfteleien. Aufgrund seiner wachsenden Bekanntheit schauen immer mehr Besucher vorbei, die ihn anspornen und ihm zusehen wollen. 

Jüngst wurde er ins 270 Kilometer weit entfernte Garowe eingeladen, die Hauptstadt der semi-autonomen Puntland-Region. Bei einem Treffen mit Puntlands Präsident Abdiweli Mohamed Ali wurde ihm versprochen, dass die Regierung seine Ausbildung bezahlen würde. Der Teenager selbst blickt schon voller Vorfreude in die Zukunft, in der er „langsam lernen möchte, richtige Autos zu bauen.“ 

Einfallsreichtum wird zur somalischen Tugend

Guleds Geschichte und seine grenzenlose Kreativität geben einen Eindruck von der Alltags-Normalität in Somalia. Es gibt inzwischen weitere Beispiele von Somaliern, die es auf der ganzen Welt und im großen Stil geschafft haben, ihrer scheibar hoffnungslosen Heimat zum Trotz Erfolg zu haben. Vom Trödler auf Mogadischus belebten Bakara Markt bis hin zum Geschäftsführer eines internationalen Geldübermittlungsinstituts. 

Eastleigh, ein Stadtteil von Nairobi, Kenia, trägt schon lange den Beinamen "Little Mogadishu".

Foto: Thomas Mukoya/AFP

In Eastleigh, einem ehemals eher verkommenen Außenbezirk im Osten der kenianischen Hauptstadt Nairobi, haben somalische Geschäftsleute den dringend erforderlichen Aufschwung gebracht – Verkaufsstände, Shopping Malls und Night Lodges sind entstanden. Die angebotenen Produkte decken die ganze Bandbreite ab: von Lebensmitteln über Designerkleidung hin zu Schmuck und exklusiven Gütern aus Dubai, die über die Stadt Eldoret im Westen Kenias zollfrei ins Land eingeführt werden können. Die Gegend wird fast ausschließlich von Somaliern bewohnt, was ihr den Beinamen „Little Mogadishu“ eingebracht hat.

Der kommerzielle Sektor wird stark von Somaliern beeinflusst – ihr Anteil an den dortigen Steuereinnahmen macht 1,5 Milliarden US-Dollar aus. Im September 2015 war Eastleigh für mehr als ein Viertel der gesamten Steuereinnahmen Nairobis verantwortlich. Folgt man den Aussagen Hassan Guleids, dem Vorsitzenden des Geschäftsverbandes Eastleigh, setzt der Stadtteil etwa 100 Millionen US-Dollar pro Monat um. 

Somalische Finanztransferunternehmen sind auf der ganzen Welt tätig und helfen Menschen dabei, Geld zurück in ihre Heimat zu senden. Das größte ist Dahabshiil (somalisch für “Goldschmelze”) mit weltweit 24.000 Standorten und einer über 40 Jahre währenden Tradition. In 126 Ländern zählt das Unternehmen rund 2.000 Angestellte. Im Zuge der Bankenkrise um die skandalgeschüttelte britische Großbank Barclays hob der damalige Premierminister David Cameron Dahabshiil für seine Zuverlässigkeit und ihren guten Ruf hervor.

Die meisten internationalen Entwicklungsorganisationen, die auch in Somalia aktiv sind (UN, WHO, Weltbank, Oxfam, Save the Children und Care International) nutzen diesen Service. Der anhaltende Erfolg erlaubte es dem Unternehmen, seine Angebote auszuweiten. So wurde 2009 eine islamische Bank ins Leben gerufen, die ihren Kunden eine Scharia-konforme Finanzierung anbietet. Für einen gesunden Wettbewerb sorgen neun andere Geldübermittlungsinstitute.

Der Einfallsreichtum ist unter den Somaliern weit verbreitet, ganz egal ob sie aus Buhoodle, Mogadishu oder aus den als selbstständig deklarierten Gebieten im Somaliland oder Puntland stammen. Gerade wurde Ismail Ahmed, CEO und Gründer des Geldübermittlungsinstitutes WorldRemit, von Ernst & Young, eine der vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt, als Londoner Unternehmer des Jahres ausgezeichnet. Die Firma verzeichnete 2015 Gewinne in Höhe von 35,8 Millionen US-Dollar und kann ein signifikantes Wachstum in der nahen Zukunft erwarten, vor allem aufgrund der starken Expansion des amerikanischen Marktes. 

„Der Immobiliensektor boomt in Mogadishu“

Es gibt zudem unzählige Geschichten von Somaliern, die in ihre Heimat zurückkehren, um dort ihr Fachwissen und ihre Expertise der Wiederbelebung ihres dulka Hooyo (ihres Mutterlandes) zukommen zu lassen, nachdem sie jahrzehntelang in der Diaspora studiert und gearbeitet haben. Die Situation vieler Somalier Ende des 20. Jahrhunderts erinnerte an die Massenflucht der osteuropäischen Juden vor Kriegsverwüstungen und politischer Verfolgung. In London und anderen europäischen Großstädten fanden sie zwar Asyl, blieben jedoch vom Großteil der Industrie ausgeschlossen und sahen sich zudem einer tiefgreifenden Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. In dieser Situation besannen sie sich ihrer eigenen Geschichte als unternehmerische Zwischenhändler, nutzten die finanziellen Möglichkeiten, die ihnen allen Widrigkeiten zum Trotz in ihrer neuen Heimat geboten wurden, und schafften es somit, Gewinn aus der neuen Situation zu schlagen. Als viele Somalier Ende des 20. Jahrhunderts vor dem Bürgerkrieg flohen, befanden sie sich in einer ähnlichen Situation. In der neuen Heimat wurde ihnen oft der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt, meist aufgrund von Sprachbarrieren oder nicht anerkannten Qualifikationen. Also wendeten sie sich in großer Zahl dem zu, was sie am besten kannten – dem Unternehmertum.

 

Durch die daraus entstandene neuerliche Kapitalsicherheit übersteigt die Nachfrage nach Immobilien und Unterkunftsmöglichkeiten mittlerweile das Angebot. Das hat die Mietpreise in den besten Lagen teilweise verdreifacht. Hochhäuser ersetzen langsam die vom Kugelhagel gezeichneten und verkommenen Gebäude. „Der Immobiliensektor boomt in Mogadishu“, sagt Mak, ein britisch-somalischer Bauunternehmer, der nach 22 Jahren in England nach Somalia zurückkehrte. „Heute Abend hatte ich ein Meeting mit einem Kunden, der zu mir meinte, dass sich die Stadt auf dem besten Weg befände, in die Riege um Manhattan oder London aufzusteigen. Als ich 2009 hierher kam, habe ich ein Objekt mit einem Wert von rund 600.000 US-Dollar für 300 US-Dollar im Monat gemietet. Heute beträgt die Miete für dasselbe Gebäude etwa 4.500 US-Dollar.“

 

Omar Osman, der über 20 Jahre lang in den USA lebte, ist ebenfalls zurückgekehrt. Zusammen mit einem Geschäftspartner gründete er die Geschäftsbank First Somali Bank. Mit den Gewinnen eröffneten sie im Anschluss das Internetunternehmen Somalia Wireless, da sie in der wachsenden Nachfrage des privaten Sektors nach mehr Konnektivität die Entstehung eines ganzen Marktes vermuteten. „Als ich zum ersten Mal nach Mogadishu kam, lag die Internetversorgungsrate unter einem Prozent“, sagt Osman. „Mittlerweile ist die ganze Stadt abgedeckt. Einzige Ausnahme bleiben einige Gebiete, in denen die Verbindung noch lückenhaft ist. Aber daran arbeiten wir bereits.“

 

Die explodierenden Grundstückspreise und Kapitalflüsse verhelfen auch dem Gaststättengewerbe zu einem unvorhergesehenen Aufschwung. Im Sommer 2008 verließ der 42-jährige Koch Ahmed Jama seine Wahlheimat London, um in seine Geburtsstadt Mogadishu zurückzukehren. Nachdem er in den 1980er Jahren an einem Kochkurs in Birmingham teilgenommen hatte, wurde er von seiner Vermieterin angestellt, die sein kulinarisches Talent erkannte. Später eröffnete er eine Reihe von Restaurants, um tausende Somalier in London mit Speisen ihrer heimischen Küche zu versorgen. Sein Franchiseunternehmen Village restaurant gibt es mittlerweile auch in Mogadishu. Sein Erfolg hat ihm sogar einen Auftritt bei einem der bekannten TEDx talks eingebracht – der Titel seiner Rede lautete „Warum ich London den Rücken kehre, um Restaurants in Mogadishu zu eröffnen“. Mittlerweile ist die gehobene Gaststätte in der Makkah-al-Mukarramah-Straße ansässig, einer der bestgesichertsten Straßen der Stadt (obwohl es auch dort noch gelegentlich zu Bombenanschlägen kommt). Neben soor (Hirsepüree) mit Kamelfleisch serviert er dort zum Beispiel Filets vom fangfrischen Königsfisch, der über Holzkohle gegrillt und mit einer leichten, grünen Chilisauce verfeinert wird.

Er ließ sogar eine 100 Kilo schwere Espressomaschine aus Europa einfliegen, stellte aber beim Anblick der nächsten Stromrechnung erschrocken fest, dass deren Verbrauch ein Vermögen kostete. Kurzerhand ersetzte er die elektronische Energiezufuhr durch Verbrennung von Kohle.

 

Diese zahlreichen Geschichten wie die des jungen Guled in Buhoodle mit seinen innovativen Spielzeug-Erfindungen, des Gründers einer exklusiven Restaurantkette oder den millionenschweren Geldüberweisungsinstituten zeugen vom ungebrochenen Erfindungsgeist der Somalier. Man kann nur hoffen, dass aus den anstehenden Wahlen eine Regierung hervorgehen wird, die in gleicher Weise die Kühnheit und Findigkeit an den Tag legt, die ihrem Volk zu eigen ist – und somit den ehemals gescheiterten Staat in eine Erfolgsgeschichte mit Signalwirkung für die ganze Welt transformieren kann. Getreu den oft zitierten Worten der Nationalhymne Somalias: „Soomaaliyeey toosoo“ – „Oh Somalia, erwache und wachse“! 

 

Dieser Artikel ist zuerst bei unserem Partnerblog JournAfrica! erschienen. JournAfrica! ist eine Nachrichtenplattform, die Inhalte aus den und über die mehr als 50 Ländern Afrika publiziert. Die meisten Beiträge werden von afrikanischen Journalisten verfasst und von der Redaktion  ins Deutsche übertragen. Das Ziel des Portals: eine vielfältige und hintergründige Afrikaberichterstattung.

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