Man sieht es nicht so oft, dass homosexuelle Paare in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen.

Man sieht es nicht so oft, dass homosexuelle Paare in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen.

foto: freepik

Liebe schwule Jungs,

öffentlich rummachende Paare spalten die U-Bahn: Ein paar freuen sich beim Anblick offensichtlich frisch Verliebter über das sogenannte junge Glück, bei anderen geht der Alarm los, sie starren betont fassungslos und vielleicht, wenn sie sehr verbittert sind, raunen sie ihrem Sitznachbarn irgendwas von Privatsphäre und Öffentlichkeit zu. Das ist aber auch das Maximum – zumindest dann, wenn es sich um ein heterosexuelles Paar handelt.

Ich fürchte, die Reaktionen fielen wesentlich heftiger aus, würden in einer U-Bahn zwei Männer oder zwei Frauen übereinander herfallen. Ich kann mir gut vorstellen, dass dann auch 2018 der eben noch niedliche Rentner mit dem Rollwagen sein homophobes Gesicht zeigt, oder die biertrinkende Jungstruppe gegenüber, möglicherweise sogar in Form von körperlicher Gewalt.

Ich schreibe hier bewusst im Konjunktiv, denn: Ich sehe erstaunlich selten homosexuelle Paare, die alle Formen von Zuneigung, die über Händchenhalten hinausgehen, in die Öffentlichkeit tragen. Klar, die Gründe liegen wahrscheinlich in den oben prophezeiten Konsequenzen. Eure Zuneigung bremst ihr aber nicht nur in der U-Bahn unter Fremden, sondern auch bei Familienfeiern, in Bars unter Freunden, also im fast schon privaten Umfeld: Selbst ein kurzer Kuss auf den Mund, ein offensichtlich mehr als freundschaftliches In-den-Armen-liegen, all diese Dinge scheinen für euch – und das will ich hier auch überhaupt nicht in Frage stellen – ein gewisses Risiko zu bergen.

Daher nun meine Frage: Wie entscheidet ihr, ob zur Schau gestellte Zuneigung gerade „riskiert” werden kann? Welche Orte sind da sicher? Muss man als schwules Paar ständig einen Radar für blöde Kommentare oder Gefahren mit sich herumtragen? Und ist das nicht ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft? Hat man auch manchmal den Anspruch, genau deswegen mit ein bisschen Knutschen ein Zeichen zu setzen? Gerade, weil Homosexuelle uns zwar inzwischen scheinbar gleichberechtigt in Filmen, auf Bühnen und in Bundestagen ständig über den Weg laufen, wir sie aber so gut wie nie knutschend zu sehen bekommen?

Erklärt doch mal!

Eure Jungs

Jungs-Antwort

Liebe Hetero-Jungs,

Erst vor ein paar Tagen habe ich kurz überlegt, ob ich einem Pärchen auf der Rolltreppe gegenüber gratulieren soll. Und zwar zur vielleicht weltweit ersten parallel durchgeführten HNO-, uro- und gynäkologische Volluntersuchung in Rekordzeit. Dann dachte ich über eure Fragen nach. Könnte ich mit einem Jungen so offen und freizügig rummachen? Die Antwort ist: Auf keinen Fall.

Klar, ich habe schon im öffentlichen Raum geknutscht – aber nur, wenn ich wirklich sicher war, dass es niemand sieht oder nichts passieren kann. Öffentlich also, aber eigentlich doch unbeobachtet. Ich persönlich muss mich auch immer wieder überwinden, am Bahnhof einen kurzen Abschiedskuss zu geben, und habe ein riesengroßes Problem, mit einem Mann Hand in Hand zu laufen. Obwohl das eigentlich genau das wunderschöne Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Liebe auslösen soll, bekomme ich Panik und fürchterliche Angst, die alles einnimmt. Ich vermeide Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit also fast komplett.

Ein Bekannter wollte mit seinem Freund Hand in Hand nach Hause laufen. Stattdessen sind die Beiden auf der Intensivstation aufgewacht

Ich bin dabei zwar kein Einzelfall, aber natürlich geht es da auch jedem Schwulen anders. Freunden von mir zum Beispiel: Einer geht gerne Hand in Hand mit seinem Freund durch die Stadt, in der sie wohnen. Sie geben sich auch mal einen Kuss. Aber im Bundesland, aus dem er eigentlich kommt, hat er das genau ein Mal probiert und wurde innerhalb von zehn Minuten mehrmals aus Autos heraus angeschrien und bedroht. Seitdem traut er sich das dort nicht mehr. Ein anderer meint, er überlege sich genau, in welchen Stadtteilen und in welcher Straße er Zärtlichkeiten austauscht. Das  subjektives Sicherheitsgefühl muss stimmen. Und dann habe ich noch den Bekannten, der mit seinem Freund nach dem Feiern einfach nur Hand in Hand nach Hause laufen wollte. Stattdessen sind die Beiden auf der Intensivstation aufgewacht. Also ja, ein Radar für Kommentare und Gefahren empfiehlt sich.

Dieses Radar müssen viele von uns aber schon als Einzelperson entwickeln und zwar lange, bevor wir eine Beziehung führen. Das addiert sich als Paar. Die küchenpsychologischen Eckpfeiler meines Radars: Erzkatholisches, tendenziell homophobes Umfeld als Kind und Teenager, Bullying seit der Grundschule bis zur Uni, und von dummen Sprüchen bis zur Gehirnerschütterung habe ich alles abbekommen. Auf bundesweiter Ebene nimmt Hasskriminalität zu, selbst in traditionellen Regenbogenvierteln, die AfD plant gerade, die Ehe für alle wieder abzuschaffen, und das Denkmal für verfolgte Homosexuelle wird regelmäßig beschädigt. Unsere Gesellschaft zeigt uns zwar meistens ihre weltoffene Seite, aber ganz sorglos geht es eben (noch) nicht. Es ist eben nicht immer Pride Parade und wir sind aus Erfahrung vorsichtig.

Wir machen nichts, was Heteros nicht auch machen, aber bekommen das Gefühl vermittelt, wir würden einen Hardcore-Porno performen

Wie ihr schon sagt, es sind nicht nur die Situationen auf der Straße. Es ist spannend, wer seine Kinder auf Familienfeiern merkwürdig abschirmt, sobald zwei Männer Hand in Hand den Raum betreten. Oder wer auf einer durchschnittlichen Studenten-WG-Party überhaupt nichts gegen Schwule hat, solange man sie nicht küssen sehen muss. Wir machen nichts, was Heteros nicht auch machen, aber bekommen das Gefühl vermittelt, wir würden einen Hardcore-Porno in fünf Akten auf einer goldenen Hochzeit performen.

Ich kenne schwule Paare, die ihre Zuneigung sehr offen und selbstbewusst zeigen. Ich bin ihr größter Cheerleader – und auch ein klein wenig neidisch, weil ich es einfach nicht kann. Aber wenn Leute über sie reden, fällt immer und immer wieder der Satz: „Müssen die das denn immer allen so auf die Nase binden!?“ Es ist so ermüdend, immer wieder zu erklären, dass wir uns unsere Liebe zeigen – und keine Show für irgendwen sonst abziehen. Dagegen anzukämpfen braucht aber viel Kraft und Mut, die einem im Alltag manchmal fehlt. Und darum akzeptieren wir vielleicht zu schnell, dass wir in unserer Gesellschaft eben nicht überall so Zuneigung zeigen können wie Heteros.

Aber ihr habt sicher recht, wir sollten offener und selbstbewusster und demonstrativer mit unserer Zuneigung umgehen. Einfach viel weniger darauf geben, was die Leute reden, und selbst Normalität schaffen. Aber dabei müssen wir trotzdem akzeptieren, dass unsere Küsse in der Öffentlichkeit (noch) nicht einfach nur Zeichen unserer Liebe sind, sondern immer auch Zwei-Mann-Demos für unser Recht auf ein normales Leben.

In diesem Sinne: Bussi,

eure schwulen Jungs

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