Seid ihr neidisch auf den heterosexuellen „Beziehungs-Fahrplan“? Oder ist es gut, so was nicht zu haben?

Seid ihr neidisch auf den heterosexuellen „Beziehungs-Fahrplan“? Oder ist es gut, so was nicht zu haben?

Foto: Felix Russell-Saw, Unsplash / Bearbeitung: Daniela Rudolf

Liebe schwule Jungs,

vor einigen Monaten haben wir uns sehr über ein Video gefreut. Da machte eine Frau einer anderen Frau einen Heiratsantrag und die andere Frau macht dieser Frau gleichzeitig einen Heiratsantrag. Zwei Verliebte, ein Gedanke. Rührend! Einige Monate später tauchte die gleiche Geschichte dann noch mal im Internet auf – aber mit zwei anderen Frauen. Genauso schön und rührend. Aber anschließend fragten wir uns: Kann es Zufall sein, dass es beides Male ein lesbisches Paar war?

Wir glauben: nein. Denn in heterosexuellen Beziehungen ist die Rollenverteilung beim Antrag ja noch ziemlich klar. Mann fragt, Frau entscheidet (und sagt meistens ja). Das muss man nicht gut finden, viele tun das auch nicht. Andererseits ist das halt auch sehr bequem. Eine Kollegin hat mal sehr schön aufgeschrieben, wie angenehm es als Frau ist, dass man sich in Sachen Antrag einfach zurücklehnen kann. Kann man ja sonst so selten. Und für die Männer ist eben auch ziemlich klar, dass sie die Initiative ergreifen müssen. Das mag zwar manchmal anstrengend sein, aber immerhin müssen sie sich nicht das Hirn zergrübeln, wessen Part das Ganze eigentlich ist. 

Was uns zu der Frage führt: Wie ist das eigentlich, wenn man keine solchen „Vorgaben“ für die eigene Beziehung hat? Denn das, vermuten wir, ist ja bei lesbischen und schwulen Paaren der Fall, oder? Wie sehr zergrübelt man sich da das Hirn, ob man jetzt der- oder diejenige mit dem Ring in der Schatulle sein sollte? Oder, um die Frage offener, größer, grundsätzlicher zu stellen: Wie funktioniert Beziehung ohne Konventionen?

Gibt es in homosexuellen Beziehungen eigene Konventionen, von denen wir nur noch nichts wissen?

Wir kennen es ja nicht anders. Das heterosexuelle Beziehungsmodell wird seit Jahrhunderten, sogar seit Jahrtausenden öffentlich vorgelebt, diskutiert, reproduziert, abgewandelt. Da gibt es ja nicht nur Konventionen, wer den Antrag macht, sondern auch, wer kocht, das Geld verdient, die Kinder großzieht, das Bier trinkt, eher umsorgend und eher egoistisch ist und immer so weiter. Konvention bedeutet nun natürlich nicht, dass wir uns immer danach richten. Aber wir haben eben einen sehr klaren Referenzrahmen. Etwas, an dem wir uns orientieren, aber an dem wir uns auch reiben oder von dem wir uns ganz klar abgrenzen können. Es gibt unzählige Paare, im privaten Umfeld und in der Öffentlichkeit, die wir uns zum Vorbild nehmen können, im Negativen wie im Positiven. Und im Rahmen der Konventionen gibt es nicht nur Rollenbilder, sondern auch einen relativ genauen „Fahrplan“ für eine heterosexuelle Beziehung, in dem eben so was wie Heiraten und Kinder kriegen eindeutige Stationen sind, die man dann ebenfalls anfahren oder eben bewusst links liegen lassen kann.

Eure Beziehungen aber spielen sich abseits jener Konvention ab, die grundlegend für den ganzen Referenzrahmen ist: dass Beziehungen zwischen Mann und Frau stattfinden. Was doch dann bedeutet, dass ihr euch außerhalb dieses Referenzrahmens bewegt, oder? Und da fragen wir uns natürlich: Ist so eine Beziehung ohne Konventionen die reine Freiheit oder seid ihr manchmal neidisch darauf, dass wir so klare Leitplanken haben? Hätte ihr die auch gerne – und sei es nur, um sie bewusst zu durchbrechen? Gibt es in homosexuellen Beziehungen eventuell längst eigene Konventionen, von denen wir nur noch nichts wissen? Und wer sind eure Beziehungsvorbilder?

Puh, das waren jetzt viele Fragen. Und vielleicht denkt ihr ja auch einfach: „Spinnt ihr eigentlich? Wir haben ganz andere Sorgen als eure blöde Konventionen! Wir müssen erstmal sehen, dass überhaupt von jedem und überall akzeptiert wird, dass Beziehungen nicht immer heterosexuell sind!“ 

Sagt doch mal (und sagt auch, wenn wir spinnen)!

Eure Hetero-Mädchen

Die Jungsantwort: 

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Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Hetero-Mädchen,

Ich kann mich noch ziemlich genau an den Moment in meinem Leben erinnern, der einem Antrag wohl am nähesten gekommen ist. Die Schwester meines damaligen Freundes hatte gerade auf dem Standesamt geheiratet. Wieder zuhause fragte ich ihn nach vier Jahren Beziehung maximal romantisch: „Äh, sag mal, jetzt so generell, willst du eigentlich heiraten?“ Woraufhin er nur entgegnete: „Nee!“ Wir waren beide erleichtert und haben uns darauf geeinigt, dass wir das Thema wieder aufgreifen würden, wenn einer akut wollen würde.

Das Akute ist ein zentraler Punkt, worin sich unsere Antrags-Szenarien von euren unterscheiden. Wir haben keinen Druck. Denn niemand macht ihn uns – außer vielleicht wir selbst. Unsere Großeltern sticheln nicht, dass es jetzt doch mal langsam an der Zeit wäre. Unsere Eltern betteln nicht um Enkelkinder. Und unsere Freunde, Nachbarn, Barkeeper fragen nicht, wann denn endlich der große Schritt folge. Wir heiraten, wann es sich eben richtig anfühlt für uns – und nicht für irgendjemand sonst. Das tut ihr im besten Falle auch, nur sind die Indikatoren dafür in gleichgeschlechtlichen Beziehungen andere.

Manchmal wäre es schön, eure Leitplanken zu haben – und die Werbebanner am Straßenrand

Das hat auch mit LGBT-Geschichte zu tun. Eine Ehe dürfen wir ja schließlich erst seit letztem Jahr führen. Also mit allen Rechten und Pflichten wie Heteros auch. Davor gab es 16 Jahre lang die eingetragene Lebenspartnerschaft. Da hatten die Partner auch alle Pflichten, an Rechten gab’s aber nur die Greatest Hits. So gesehen gibt es in Deutschland also kein gleichgeschlechtliches Paar, das länger als 17 Jahre verheiratet ist – egal, wie lange sie davor zusammen waren. In dieser Hinsicht gibt es also wirklich wenige Beziehungsvorbilder. Und noch heute gibt es genügend Menschen, die davor warnen, dass unsere Trauzeugen die apokalyptischen Reiter auf Einhörnern sind. Um es mal ganz klar zu sagen: Irgendwer findet uns aus irgendwelchen hirnverbrannten Gründen immer scheiße. Und sie lassen es uns wissen. Immer. Wieder.

Dass alles führt dazu, dass wir, wie ihr schon vermutet habt, nicht diesen einen Fahrplan haben, dessen Stationen ihr gechillt abfahren könnt, wenn ihr wollt. Bei uns fühlt sich das Liebes- und Beziehungsleben manchmal eher so an wie damals mit 14, als man nach ein paar Alkopops hackenstramm in den Autoscooter gestiegen ist. Ja, manchmal wäre es schön, eure Leitplanken zu haben. Und auch die Werbebanner am Straßenrand. Denn wenn wir ins Kino gehen, sehen wir kaum Blockbuster mit LGBT-Protagonisten, der Bachelor vergibt seine Rosen an Frauen und Liebeslieder handeln von Boy und Girl – oder davon, wie unfassbar witzig es ist, als Mädchen auszuprobieren, mit Mädchen zu knutschen. Das ändert sich alles langsam zum Bunteren und es wird für uns einfacher, zur Lebensrealität passende Informationen, Inhalte und Identifikationsfiguren zu finden. Aber genau dieses Finden heißt ja auch, dass wir trotzdem immer suchen müssen. Darum ist auch die Frage danach, wer den Antrag macht, eigentlich nicht zu beantworten. Weil wir es selbst nicht wissen, bis wir in der Situation stecken.

Wir müssen das Beziehungsmodell finden oder erschaffen, das am besten zu uns passt

Das ist einerseits frustrierend. Denn ja, wir fallen aus dem Referenzrahmen, wenn man ihn denn so nennen mag. Darum müssen wir alles mühsam für uns selbst herausfinden, gerade, was unser Liebesleben angeht. Auf der anderen Seite ist das aber großartig, denn ihr wisst ja genauso gut wie wir, dass keine Beziehung ist wie die andere. Und während euch diese ganzen Traditionen und Konventionen, ob ihr wollt oder nicht, vorgehalten werden und ihr sie bewusst brechen müsst, wenn ihr sie nicht mögt, haben wir von Anfang an eigentlich gar keine andere Wahl, als das Modell zu finden oder zu erschaffen, das am besten zu uns passt. Monogam oder offen? Können wir vielleicht mehrere Menschen gleichzeitig lieben? Zusammen ziehen oder nicht? Will ich heute noch das, was ich vor fünf Jahren wollte? Einfach zusammen sein oder heiraten? Wollen wir Kinder – und wie überhaupt!? Wir stellen uns also exakt die Fragen, die ihr euch auch stellt. Aber vielleicht stellt die gesamte LGBTQI-Community sie an manchen Stellen lauter und ist offener für die Antworten samt deren Konsequenzen.

Viele meiner schwulen Freunde führen zum Beispiel offene Beziehungen. Das heißt aber wiederum nicht, dass das deswegen die schwule Konvention ist. Es ist einfach nur die Form, die zwei (oder mehr) Männer für exakt ihr Zusammenleben gefunden haben. Wir sind deswegen nicht alle megaglücklich, tolerant und führen perfekte Beziehungen. Alltagsdramen spielen sich überall ab, ganz egal in welchem Beziehungskonstrukt, bei euch wie bei uns. Nach der Unterhaltung mit meinem Exfreund stellte sich zum Beispiel irgendwann heraus, dass er mit „Nee!“ in Wirklichkeit „Ja, ich will – nur halt nicht dich!“ meinte und mich monatelang hart verarscht hat. So was kann uns allen passieren und darunter leiden wir alle. Genauso, wie wir alle glücklich sind, wenn’s Liebe ist und passt.


Wir können euch also liebend gern beruhigen. Ihr spinnt nicht allein – wir spinnen alle.

Eure schwulen Jungs 

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