maedchen rausch cover
Fotos: freepik / Collage: Daniela Rudolf

Liebe Mädchen,

Alkohol trinken macht Spaß, meistens jedenfalls und besonders abends und mit anderen Menschen. An vielen dieser Abende – sofern es sich nicht gerade um eine Rotwein-Degustation handelt – trinken wir dabei nicht unbedingt nur aus Genussgründen, sondern: um betrunken zu werden. Denn wenn eine Runde sympathischer Menschen so langsam einen sitzen hat, kann das ja durchaus witzig sein. Und doch gibt es dann oft diesen Moment, in dem sich jemand in der Runde plötzlich verabschiedet. Den Satz „puh, ich bin echt betrunken, jetzt muss ich aber mal nach Hause“ haben wir schon sehr oft gehört. Und nicht immer, aber sehr oft: von euch.

Natürlich steht es jedem frei, seinen Abend zu beenden, wann er oder sie will und natürlich sind altherrenmäßige Überzeugungsversuche à la „komm schon, trink doch noch ein Gläschen mit mir“ nie angebracht. Aber in vielen völlig unverfänglichen Situationen, wie der eben beschriebenen lustigen Gruppe angeheiterter, befreundeter Menschen wirkt es manchmal so, als hätte diese eine Person das mit dem Alkohol nicht so ganz verstanden: Wer trinkt, wird betrunken.

Sollte man seinen Rausch nicht so gut wie möglich auskosten?

Wenn man dann also betrunken ist, warum heimgehen? Sollte man seinen Rausch, sofern er noch nicht aus Strahlkotzen und Dauerumfallen besteht, nicht zu einem gewissen Grad akzeptieren, beziehungsweise auskosten? Ist es nicht manchmal großartig, spätnachts noch mit einem ordentlichen Lallen den Kapitalismus kaputtzudiskutieren, in Freibäder einzusteigen oder Hausdächer zu erklimmen?

Um sich in seinen Rausch fallen lassen zu können, muss natürlich eine gewisse Sicherheit vor negativen Konsequenzen vorhanden sein.  Wir haben das Gefühl, dass die manchen von euch offenbar fehlt: Vielleicht, weil Betrunkensein als Frau nach wie vor so sehr gesellschaftlich geächtet wird, dass ihr Angst um euren guten Ruf haben müsst. Ist das auch heute noch der Fall? Oder ist vielleicht der Heimweg selbst das Problem, das man lieber noch im beginnenden Rausch hinter sich bringt? Allein und schwankend durch menschenleere Straßen zu laufen, ist für Männer ja sicherlich weniger riskant.

Also, sagt mal: Fällt es euch tendenziell schwerer, euren Rausch zu genießen?

Eure Jungs

Die Mädchenantwort:

Mädchenantwort

Mädchenantwort

Collage: jetzt.de

Liebe Jungs,

über eure Frage haben wir so noch nie nachgedacht. Aber jetzt, da wir es tun, fällt uns schon auch auf, dass es meist wir sind, die sich während eines Trinkgelages als erste verabschieden – oder zumindest besser aufpassen, wie es gerade um den eigenen Pegel bestellt ist.

Das kann natürlich sehr einfache Gründe haben. Vielleicht sind wir müde, haben Kopfweh, morgen noch was vor oder einfach keine Lust mehr. Darüber braucht man vermutlich auch gar nicht lange zu philosophieren. Im Grunde ist es ja ein sehr gutes Zeichen, wenn wir uns dann einfach verabschieden oder eine Trinkpause einlegen. Wir tun dann schließlich, was uns gerade gut tun würde.

Viele von uns sind außerdem vielleicht schon grundsätzlich etwas vernünftiger oder vorsichtiger als viele von euch. Wenn wir trinken, können wir nicht so leicht vergessen, welche negativen Folgen das haben könnte. Und davon gibt es natürlich einige. Zum Beispiel, dass der komplette nächste Tag im Eimer ist, wenn wir uns nicht zusammenreißen. Wir haben nämlich nicht nur den üblichen Kater, sondern – und das ist erwiesen – auch das Problem, dass wir einfach verdammt schlecht schlafen, wenn wir getrunken haben. Schlechter als ihr jedenfalls. Denn wir haben einen geringeren Anteil an Körperflüssigkeit, der Alkohol verteilt sich schlechter als bei euch. Und manchmal ist es uns das Getrinke dann eben nicht wert.  

Torkelnd flüchtet es sich halt schlechter

Ein anderes großes Problem bedenkt ihr außerdem schon selbst: Wir sind viel mehr als ihr darauf gedrillt worden, dass es wichtig ist, sich und seinen Körper jederzeit unter Kontrolle zu haben. Besonders nachts auf dem Heimweg, wenn es dunkel und die halbe Passantschaft besoffen ist. Frauen werden schließlich deutlich öfter Opfer von sexueller Belästigung und Gewalt. Da ist es nicht besonders ratsam, sich vorher unbedacht alles hinter die Binde zu kippen, was man so zu fassen bekommt. Torkelnd flüchtet beziehungsweise wehrt es sich halt schlechter. Und ja, es ist ganz schön scheiße, dass wir uns beim Trinken Gedanken um unsere spätere Wehrhaftigkeit machen müssen.

Auch euer zweiter vermuteter Grund, die „gesellschaftliche Ächtung“, ist ein bisschen wahr – allerdings eher das kleinere Problem. Hin und wieder begegnen uns zwar ein paar Menschen, die meinen, verkünden zu müssen, dass „eine Dame“ sich besser im Griff haben müsse – aber denen, bei aller Liebe, hören wir dann schon gar nicht mehr zu.

Ein einziges Stamperl Pfeffi kann uns oft unvermittelt in die Knie zwingen

Dazu, dass wir unseren Rausch oft nicht so genießen wie ihr, trägt stattdessen vielmehr bei, wie anders Alkohol bei uns anscheinend wirken kann. Während ihr noch da sitzt und denkt, es seien alle gerade erst am Lustigwerden, knallt der Alkohol bei uns schon deutlich krasser rein. Einfach weil die meisten von uns weniger wiegen und damit auch weniger vertragen als ihr. Ihr denkt also vielleicht, wir wären übervorsichtig, wenn wir uns entscheiden, in diesem Moment die Runde zu verlassen. Oft genug ist uns aber schlicht und ergreifend schon einigermaßen schlecht.

Zu Letzterem trägt auch folgendes Phänomen bei, das zwar (noch) nicht wissenschaftlich belegt, aber von uns schon zahlreich beobachtet und beklagt wurde: Während euer Pegel linear mit eurem Alkoholkonsum zu steigen scheint und wir euch dabei beobachten können, wie ihr konstant voller und voller werdet, verstehen wir unseren Pegelanstieg eher als exponentielle Kurve.

Oft trinken wir lange fröhlich vor uns hin, ohne viel zu spüren. Und dann, plötzlich, mit dem nächsten Getränk, haut es uns um. Uns ist schwindelig, übel und müde sind wir auch. Ein einziges Stamperl Pfeffi kann uns unvermittelt in die Knie zwingen. Wir haben eine Grenze überschritten, von der wir noch gar nicht wussten, dass sie in der Nähe war. Aus Angst davor, plötzlich zu betrunken zu sein, hören wir also oft schon ein bisschen früher mit dem Trinken auf, als ein Außenstehender uns das vielleicht raten würde.

Darin dürfte am Ende der Hauptgrund liegen, warum wir unseren Rausch, wie ihr schreibt, nicht so leicht genießen können: Einfach, weil er nie so besonders lange angenehm bleibt. Wir fühlen uns oft nur beim zweiten und dritten Getränk so schön beschwipst, ab dann wird es eher schlechter als besser. Und Angst, dass es in einer Katastrophe endet, haben wir eben leider auch. Aber zumindest dagegen können einige von euch ja etwas tun. Indem sie sich selbst mal ein bisschen besser zusammenreißen.  

Eure Mädchen

Und was die Jungs die Mädchen sonst noch gefragt haben: