„Ich wollte ein Schnitzel, verdammt!“

„Ich wollte ein Schnitzel, verdammt!“

Illustration: Janina Schmidt

Liebe Mädchen, 

folgende Situation im Restaurant:  Mann bestellt Salat, Frau Schnitzel, Essen kommt und der Salat wird wie selbstverständlich bei der Frau abgestellt. Eigentlich nicht weiter schlimm – und sicher gibt es auch viele Kellner mit gutem Gedächtnis. Aber wir vermuten dahinter etwas anderes, gesellschaftlich Relevantes. 

Wenn die Schwiegereltern allen Männern im Raum erstmal ein Bier reichen und euch dann mit „Warte mal, ich habe bestimmt auch noch was Prickelndes im Keller“ vertrösten, oder der Kantinenkoch beim Mittagessen euch, im Gegensatz zu den männlichen Kollegen, nur die halbe Portion Kartoffelbrei auf den Teller klatscht, wird aus ein paar Missverständnissen ein Muster: Die Frau ist der kulinarische Spezialfall, sie will immer das Kleinere, das Kalorienärmere oder Prickelndere haben. 

Klar ist dieses Klischee subtiler als rosa Babystrampler oder Lippenstifte unterm Weihnachtsbaum. Sicherlich könnte man es auch als falsch verstandene Zuvorkommenheit wahrnehmen und mit einem Satz wie „Schnitzel hier!“, „Für mich auch ein Bier, bitte!“ oder „Hau mal noch eine Ladung Kartoffelbrei drauf“ überwinden. 

Aber stört es euch nicht trotzdem manchmal? Will man nicht einfach, dass es vollkommen normal ist, wenn man als Frau das Bier einfordert, und das nicht gleich als emanzipatorischer Superwoman-Akt rüberkommt? Oder ist das eigentlich längst normal und wir spekulieren hier gerade über ein Problem, das eigentlich gar keines ist? 

Prost, mit was auch immer!

Eure Jungs 

Die Mädchenantwort

Mädchenantwort

Mädchenantwort

Collage: jetzt.de

Liebe Jungs,

eure Spekulation ist Realität: Ich bin zwar als Mädchen sozialisiert, aber ICH LIEBE HERRENSCHOKOLADE, DUNKLE SOßE UND BIER! Letzteres möglichst herb, kräftig und in großen Humpen – nicht alkoholfrei oder pervers gemischt mit Sprite oder Cola. Und wenn der Kellner mir den prickelnden Drink mit Schirmchen statt des lang ersehnten Biers serviert, weil er es bei „Sex and the City“ so gesehen hat, dann bringt mich das zur Weißglut. Alles schon passiert, ehrlich. 

Ich bestelle bevorzugt das, was ich mir gerne einverleibe. Und so kommt es vor, dass ich das Gulasch verspeise, während mein männliches Gegenüber den frischen Gartensalat mit karamellisierten Walnüssen isst. Aber der Kellner aka die Gesellschaft erwartet von mir oft etwas anderes, weil meine Muskelmasse weniger ausgeprägt ist und zwischen meinen Beinen kein Ding rumhängt. Wenn der Kellner mir also das falsche Essen oder den falschen Drink hinstellt, dann liegt das weniger an seinen grauen Gehirnzellen, sondern eher daran, dass die meisten von uns immer noch Farben, Sportarten, Kleidung und Speisen nach Geschlechtern aufteilen.

Dabei haben Statur und Geschlecht natürlich überhaupt nichts damit zu tun, was wem kulinarisch naheliegt. Sowieso hat das Geschlecht nichts mit den Geschmacksnerven zu tun. Und sowieso sollte man dieses ganze zweigeschlechtliche Konzept mal überdenken. 

Ich wünsche mir, dass wir endlich immer das essen, worauf wir Lust haben, mit Genuss, nicht mit Kalkül

Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich auch mehrere Freundinnen, die dem Klischee der „weiblichen Ernährung“ entsprechen, sich also vegan ernähren, bevorzugt asiatisch essen und ihren Joghurt lieber halbfett kaufen. Und warum? Vermutlich, weil man es von ihnen erwartet. Mädchen haben in Size Zero zu passen, der Bauch schön flach und die Arme zierlich. Sie sollen leicht, unbeschwert und elfenhaft daherkommen. Das bedeutet für den Ernährungsplan: low carb, clean, gluten-free und super healthy. Schon mal Diättrunk mit Männern drauf gesehen? Oder eine „Du darfst“-Werbung mit einem männlichen Protagonisten?

Der „echte Mann“ muss ebenfalls bestimmte Erwartungen erfüllen. Er soll massig sein, mit Sixpack und Oberarmen wie aufgeblasenen Luftballons – also muss der arme Kerl zu Mittag schon mindestens 500 Gramm Nudeln mit Quark gegessen haben, damit das Kreuz auch schön in die Breite wächst.

Liebe Freunde der Kulinarik: Ich wünsche mir einfach, dass das endlich aufhört und wir alle immer essen, worauf wir Lust haben, mit Genuss, nicht mit Kalkül, befreit, und nicht im „Ich möchte sein wie die schönen Frauen, die in der Werbung immer ihre Salatschüssel anlachen"-Modus. Und auch nicht im  „Ich trinke abends nur noch Einweißshakes“- Modus.  

Bei aller Schimpferei muss ich allerdings zugeben, dass mein eigenes Ess- und Trinkverhalten auch oft von meiner Begleitung abhängt. Essen ist dann eben doch ein sozialer Akt. Man passt sich seiner Essensbegleitung an und fügt sich seinem Umfeld. Sitze ich am Kaffeetisch mit Veganern, esse ich eben den tierfreien Streuselkuchen – obwohl mir der Bienenstich lieber gewesen wäre. Manchmal ist es eben einfacher, sich den Erwartungen zu fügen, anstatt aus der Reihe zu tanzen. 

Oft habe ich jedoch genug davon, in der Reihe zu tanzen, und dann werde ich besonders aufmüpfig. Ordert die Gruppe mit Kerlen nämlich fünf kleine Pils, schmeckt mein halber Liter davon umso besser. Dabei suhle ich mich gerne in meinem „Superwoman-Akt“, obwohl ich in dieser Situation letztlich auch nur ein Opfer sozialer Zwänge bin: Nur, weil es sie gibt, kann sich sie ja überhaupt widerlegen. 

In Begleitung einer Freundin, die weiß, wie ich bin, und die ich nicht von irgendetwas überzeugen muss, bei über 25 Grad im Schatten und zu weniger aufmüpfigen Zeiten darf es dann auch mal gerne eine Weinschorle sein. Ganz besonders gut passt die zu kräftigem Schwarzbrot mit triefendem Schimmelkäse. Bon Appétit,

Eure Mädchen 

Was die Jungs sonst noch interessiert: