Mädchen, schämt ihr euch dafür, wie ihr euch beleidigt?

Meistens nutzt ihr dafür ja antifeministische Begriffe wie „Zicke“ oder „Fotze“.
Von Niko Kappel und Charlotte Haunhorst

Frauen beleidigen sich oft mit sexistischen Begriffen – schämen sie sich nicht dafür?

Foto: unsplash/Timur Romanov Bearbeitung: jetzt

Liebe Mädchen,

egal, wie aufgeklärt, wie emazipiert oder alt sie ist, ob homo oder hetero – jede Frau in meinem Freundeskreis hat schon mindestens einmal eine andere Frau als „Fotze“ bezeichnet. Ich möchte dazu noch sagen, dass all meine Freundinnen sehr nette Menschen sind. Aber in einer hitzigen Diskussion, in einem Rant über eine Person, die man so gar nicht abkann rutscht ihnen das manchmal irgendwie raus. Gerade weil das auch Feministinnen passiert, frage ich mich: Wie geht das mit eurem feministischen Selbstverständnis zusammen? Denn Fotze ist ein antifeministisches Schimpfwort, eine bewusst gewählte, abfällige Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsteil. Mir ist schon klar, dass ihr „Fotze“ sagen und trotzdem feministisch sein könnt. Aber: Wehrt sich da gar nichts in euch? Kommt ihr euch dabei nicht heuchlerisch vor?

„Zugegeben, das Wort ‚Bitch‘ schimpft sich schon geil“

Wir Jungs haben früher auf dem Schulhof gern die Worte „Schwuchtel“ oder „behindert“ benutzt, also Homosexuelle und körperlich eingeschränkte Menschen beleidigt – sogar ohne sie direkt anzusprechen. Wir wissen heute zumindest, dass das falsch war und lassen es, zumindest die meisten von uns. Als Kind haben wir Formulierungen bei Älteren aufgeschnappt und nachgesagt, ohne deren Inhalt zu hinterfragen. Aus Unsicherheit und weil wir uns dann stärker fühlten. Ist es mit der „Fotze“ oder der „Schlampe“ genauso? Hat sich das bei euch auf dem Schulhof so eingeschlichen? Beleidigt ihr euch gegenseitig antifeministisch, weil ihr es schon immer getan habt – bevor ihr überhaupt wusstet, dass es Feminismus gibt? 

Zugegeben, zum Beispiel das Wort „Bitch“ schimpft sich schon geil. Wenn Cardi B darüber redet, was Nicki Minaj für eine „stupid ass bitch“ sei zum Beispiel. Irgendwie hat das einfach street credibility. Könnt ihr uns erklären, warum das so ist? Warum wird Cardi B zu einer Frau mit Haltung, wenn sie eine andere Frau antifeministisch beleidigt? Triggert so was die Rapperin in euch? Wollt ihr auch ein bisschen Straße sein?

Oder wollt ihr das eigentlich nicht und ihr schämt euch danach dafür? Verratet uns das doch mal. 

Eure Jungs

 

Die Mädchenantwort:

Liebe Jungs,

neulich gab es eine Situation, in der ich auf eine Frau sehr sauer war. Sie hatte hinter dem Rücken einer anderen intrigiert und als ich meinem Freund davon erzählte, rutschte es mir raus: „Diese blöde Fotze“. Er hat mich dann ziemlich entgeistert angeschaut, denn eigentlich werde ich schon bei der Nennung von Fäkalworten rot. Und ja, ich habe mich direkt danach geschämt und entschuldigt und versucht, es zurückzunehmen. Zu spät. Ich hatte gerade eine andere Frau beleidigt mit einem abwertenden Begriff für ihre Geschlechtsteile. Ein Teil von mir schien das in diesem Moment okay zu finden.

Tatsächlich ist das Beleidigen von Frauen eine schwierige Sache. Denn die meisten gängigen Beleidigungen beziehen sich, wie ihr ja auch schon gemerkt habt, auf ihre Sexualität. Meist in dem Kontext, dass eine Frau mit zu vielen Männern schläft, was ein ziemlich alberner Vorwurf ist. Aber „Bitch“ und „Schlampe“ zielen genau darauf ab. Sogar Männer werden über die angeblich falsche Sexualität von Frauen beleidigt: Die sind dann „ein Hurensohn“. Woran liegt das?

„Wenn Worte wie ‚Bitch‘ selbstgewählt sind, verlieren sie als Beleidigung ihren Wert“

Natürlich sind diese Beleidigungen Relikte aus einer anderen Zeit, die aber tatsächlich auf dem Schulhof, oder wo man noch so groß wird, normal waren und es vermutlich immer noch sind. So, wie ihr Jungs als „schwul“ abgewertet habt, weil mit Männern schlafen aus einer kleingeistigen Weltsicht heraus etwas Schlechtes sein sollte, haben wir Mädchen als „Schlampen“ bezeichnet und uns nicht mal groß was dabei gedacht. Erst mit dem Älterwerden, wenn man mal aktiv über den Zusammenhang zwischen Sprache und Gesellschaft nachdenkt, wird einem klar: Das ist eine ziemlich armselige Beleidigung. Da hat es sich dann nur leider auch schon so in den Sprachgebrauch eingebrannt, dass man sich aktiv bemühen muss, diese Begriffe nicht mehr zu verwenden. Und das klappt offenbar nicht immer. 

Eine andere Variante ist, antifeministische Beleidigungen wie „Fotze“ oder „Schlampe“ neu zu bewerten. Die Kollegin Katja Lewina hat auf jetzt dankenswerterweise einmal einen langen Beitrag darüber geschrieben, wie Frauen versuchen, diese Begriffe zurückzuholen. Sie nennen sich dann selbstbewusst selber „Fotzen“ oder „Schlampen“ und gehen leichtbekleidet auf „Slutwalks“. Auch die von euch genannten „bitches“ im Hip-Hop fallen manchmal in diese Kategorie: Da kann es fast was von „einander auf die Schulter klopfen“ haben, wenn jemand eine „bitch“ ist, weil das oft bedeuten soll: Diese Person ist ziemlich tough. Sie weiß, was sie will. Die Idee dahinter: Wenn diese Worte selbstgewählt und positiv konnotiert sind, verlieren sie als Beleidigung ihren Wert. 

„‚Doofbär‘ ist halt leider auch kein guter Schimpfwort-Ersatz“

Tatsächlich finde ich diesen Gedanken sehr spannend, denke aber auch: Als ich besagte Frau antifeministisch beleidigt habe, wollte ich sie damit abwerten und nicht loben. Genauso, wie Cardi B. Nicki Minaj eher nicht preisen sondern fertigmachen wollte. Es müssen also eindeutig neue Begriffe her, mit denen man Frauen beleidigen kann, ohne antifeministisch zu werden. Denn, dass auch Frauen manchmal ein verbales Ventil brauchen, ist leider Fakt. 

Vielleicht halte ich es einfach zukünftig wie mein kleiner Bruder. Als dieser als Kind mal jemanden richtig fertigmachen wollte, nannte er die Person einen „Doofbär“. Das hat niemandem so richtig wehgetan, aber er fühlte sich danach besser. „Blöde Kuh“ wäre vielleicht ein passendes Äquivalent. Wobei: So richtig befriedigend ist das ausgesprochen auch nicht. Dann vielleicht doch lieber „Schlange“.   

Eure Mädchen

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