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Illustration: Katharina Bitzl; Foto: Bridget Flohe/unsplash

Liebe Mädchen,

heute haben wir eine Frage zum Heiraten. Genauer: zur Frage „Willst du mich heiraten?“ Denn theoretisch wäre diese Frage ja in noch zwei weiteren Ausprägungen denkbar. Erstens: „Willst du meine Frau werden?“ Zweitens: „Willst du mein Mann werden?“ Na, merkt ihr schon was?

Die erste Version kommt uns allen sehr bekannt vor. Haben wir schon hundertfach in schnulzigen Filmen gesehen oder in fragwürdigen Youtube-Videos, bei denen Männer ihre Anträge inszenieren wie Redaktionen von Witz-Fernsehshows ihre Pranks. Vielleicht haben ein paar eurer Freundinnen oder ihr selbst diesen Satz sogar selbst schon zu hören gekriegt.

Aber die zweite Version, die liest sich komisch. Sie wirkt irgendwie falsch, als würde bei dem Satz irgendwas nicht zusammenpassen. Stimmt aber nicht. Der Satz ist korrekt. Er ist halt nur sehr ungewohnt. Ich kann mich an keine Filmszene erinnern, in der er gesagt worden wäre. Und ich kenne in meinem persönlichen Umfeld keine Frau, die sie ihrem Freund gestellt hat.

Irgendwie ist das doch merkwürdig, oder? Es scheint, als sei der Heiratsantrag etwas, das Männer zu machen haben. Obwohl das, wenn man mal kurz drüber nachdenkt, doch eigentlich Bullshit ist.

Wie vor hundert Jahren: „Willst du mich heiraten?“ ist eine Einbahnstraßenfrage

Wir leben ja – bei allen Ungerechtigkeiten, die noch abzuschaffen sind – in einer Zeit, in der Geschlechterklischees zunehmend hinterfragt werden. Jedes rosafarbene Überraschungsei für Mädchen löst einen Shitstorm aus (zurecht), man hat erkannt, dass mehr Frauen in Führungspositionen eine gute Sache sind, und Männer, die Elternzeit nehmen und auf Kinder aufpassen, werden auch langsam normaler.

Nur beim Heiratsantrag ist alles wie vor ein paar Jahrhunderten. „Willst du mich heiraten?“ ist eine Einbahnstraßenfrage. Selbst diejenigen unter euch, die lange mit ihrem Freund zusammen sind und das eigentlich sehr gerne bald mit einem Ring besiegeln würden, warten lieber, bis er sich endlich aufrafft. Und wenn er es nicht tut, sitzen sie augenrollend mit ihren Freundinnen zusammen und beschweren sich darüber. Die Freundinnen spenden dann Trost und Mitleid, gerne auch mit der Waschlappenmethode: Indem sie den Typen, der „es einfach immer noch nicht gebacken kriegt“, dafür mit einem solchen Waschlappen gleichsetzen.

Was ist da los? Warum ist der Heiratsantrag so ein Tabu für euch? Weil ihr euch nicht traut? Weil ihr diesen einen Moment des ultimativen Umworbenwerdens für euch behalten wollt? Oder vielleicht sogar, weil ihr Rücksicht auf uns nehmen und uns nicht wie Schwächlinge dastehen lassen wollt?

Erklärt doch mal bitte.

Eure Jungs

Mädchenantwort

Mädchenantwort

Collage: jetzt.de

Liebe Jungs,

da stellt ihr uns eine Frage, die wir uns auch schon öfter gestellt haben. Denn tatsächlich habt ihr recht, es ist abstrus: Die meisten von uns warten lieber Monate und Jahre, bis ihr Freund sich hinkniet, als selbst den Antrag zu machen. Heiratsanträge sind in unserer Gesellschaft nach wie vor (und dieses Wort hassen wir eigentlich) „Männersache“.

Weil wir dachten, das Internet könnte uns dieses Phänomen irgendwie erklären, haben wir erstmal nach der Antwort gegooglet. Wir hoffen, ihr nicht. Denn die Einschätzungen auf Seiten wie Wunderweib.de würden euch vermutlich den Glauben an uns Frauen verlieren lassen: „Was immer die Feministinnen dazu sagen, bei manchen Dingen muss einfach der Mann ran. Der Heiratsantrag ist und bleibt so ein Fall“, steht da. Weil: „Allein schon der Gedanke, wie sie sich im schicken Kleid und High Heels aufs Straßenpflaster kniet ... ne, geht gar nicht!“

Diese Aussage halten zum Glück schon mal die wenigsten von uns für nachvollziehbar. Weder sind wir der Meinung, dass Männer für immer und ewig allein die Anträge machen sollten, noch hat es mit den Highheels, die wir Frauen angeblich tragen, zu tun, dass wir uns nicht vor euch hinknien wollen. Womit aber dann?

Frauen wünschen sich oft mehr Romantik in der Beziehung

Vermutlich gibt es gar keine rationale Erklärung für unsere Nichtanträge, zumindest fällt uns keine gute ein. Wir müssen also mit  Emotionen argumentieren.

Zwei von uns trafen sich letztens, weil eine, nennen wir sie Mia, traurig war: Seit elf Jahren ist Mia nun schon mit ihrem Partner zusammen, sie teilen sich Wohnung, Konto, Auto, bauen gerade ein Haus. Das Leben des Paares ist soweit geregelt. Dass die beiden heiraten werden, steht eigentlich schon seit ihrer Schulzeit fest. Nur der verdammte Antrag, der hat noch nicht stattgefunden.

Das macht Mia unglücklich: Sie mag zwar die Sicherheit, die ihr Freund ihr gibt – sie will aber auch endlich mal wieder Leidenschaft und Abenteuer, eine bisschen Romantik spüren. Es ist ihr wichtig, dass ihr Partner sie umgarnt. Er wiederum hält nicht viel von großen Worten, Blumenmeeren und brennenden Kerzen. Wie schön, denkt sie, wäre es aber, wenn er nur einmal über seinen Schatten springen könnte.

Mia ist mit ihrer Sehnsucht nicht alleine. Eine Online-Umfrage zeigt: Etwa jede dritte Frau wünscht sich häufig bis sehr häufig mehr Aufmerksamkeit und romantische Gesten von ihrem Partner. Gleichzeitig sagt auch jede dritte: Der Heiratsantrag muss vom Mann kommen. Zufall? Wir glauben nicht.

Ein Heiratsantrag ist nunmal der Inbegriff der romantischen Geste. Viele Frauen träumen davon, seit sie als Mädchen Filme gesehen haben, in denen der Mann vor der Frau auf die Knie fällt. Die beschreibt ihr ja auch schon selbst. Und die Ergebnisse der Online-Umfrage zeigen eben auch: Etwa die Hälfte der Deutschen glaubt daran, dass es filmreife Romantik gibt – und sie die einfach noch nicht selbst erlebt haben. Natürlich will man ihn aber auch mal selbst bekommen, den ultimativen Liebesbeweis, der zeigt: „Du bist die Einzige für mich.“

Davon, so hoffen wir, können wir dann noch ewig zehren. Immerhin erinnert man sich immer wieder an diesen Moment zurück, muss ihn als Frau ständig wieder erzählen. „The story better be good“, denken wir uns deshalb.

Frauen werden meist benachteiligt – warum dann einzelne Vorteile freiwillig abgeben?

Außerdem müssen wir auch zugeben: Es ist einfach verdammt bequem, sich mal zurückzulehnen und den Freund das ganze Tamtam aufziehen zu lassen. Die Gesellschaft hat uns in diesem einen Punkt ausnahmsweise mal einen Vorteil eingeräumt. Warum zur Hölle sollten wir den denn jetzt wieder loswerden wollen? Die Unterscheidung der Bevölkerung nach Geschlechtern zahlt sich sonst schließlich eigentlich eher nicht für uns, immer wieder aber für euch aus: Ihr bekommt mehr Geld, mehr Respekt, mehr Freiheiten.

Dieser eine Moment des Heiratsantrages verspricht dagegen jede Menge gutes Zeug für uns: Romantik, Aufmerksamkeit, Liebesgeständnis – und Macht. Schließlich gebt ihr ja mit der Frage schon zu, dass ihr uns heiraten wollt. Es ist jetzt an uns, ob wir „Ja, das will ich auch!“ oder „Nein, wo denkst du hin?“ sagen wollen.

Für einige von uns würde es sich heutzutage einfach falsch anfühlen, diese Machtposition leichtfertig abzutreten. Denn wir haben doch gerade erst so richtig angefangen, gegen die Diskriminierung von Frauen aufzustehen. Und jetzt sollen wir wieder auf die Knie fallen? Und riskieren, von euch als „nicht gut genug“ abgelehnt zu werden? Dafür sind wir vermutlich ein bisschen zu stolz – oder zu ängstlich.

Warum die Entscheidung nicht gemeinsam treffen? 

 

Rein rational betrachtet finden wir das aber auch alles einigermaßen altmodisch. Und weil wir eigentlich pro „alte Rollenklischees brechen“ sind, hätten wir da einen Vorschlag zur Güte: Wäre es nicht sowieso am Besten, keine Heiratsanträge mehr zu machen? Wenn man heiraten will, einfach mal drüber zu reden, ob der Andere auch dabei wäre? Nicht Bittsteller-mäßig, sondern im Zwiegespräch. Dann muss keiner unterwürfig die Abweisung riskieren – und Romantik regnet es ja hoffentlich ohnehin später auf der Hochzeit.

Aber ob ihr damit überhaupt einverstanden wärt? Bei der Recherche für diese Antwort sind wir über Zahlen gestolpert, die uns das Gegenteil vermuten lassen. Zwei von drei Männern gaben in einer Umfrage an, den Antrag unbedingt selbst machen zu wollen. Und nun ja, wenn das so ist: Dann wollen wir euch das vielleicht auch einfach nicht wegnehmen.

Eure Mädchen

Was die Jungs sonst noch von den Mädchen wissen wollten: