Hyperängstlicher Rechtswähler trifft auf grenznaiven Ultragutmensch

Was der Film "Batman v Superman" über unsere Zeit erzählt – obwohl er durch und durch Comic ist.
Von Matthias Huber

Batman und Superman im Clinch.

Foto Clay Enos/AP

Henry Cavill als Superman.

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Gal Gadot und Ben Affleck.

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Jesse Eisenberg als Lex Luthor.

Foto: Clays Enos/dpa
Foto: Warner Brothers/dpa
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So geht’s los:

Eine Beerdigung. Ein Sarg wird zu einer Gruft getragen, ein Junge rennt weinend davon, jemand ruft ihm hinterher: "Bruce!" Es ist mal wieder die Entstehungsgeschichte von Batman, der Mord an Bruce Waynes Eltern, der Sturz in den Brunnenschacht, die Fledermäuse. Die Geschichte eines Menschen also, der dabei zusieht, wie mit nur zwei Pistolenschüssen die Ordnung der Welt zusammenbricht und der sich deshalb eine neue Ordnung baut.  

"Batman v Superman" lässt den Jungen aus dem Brunnenschacht in einem Wirbelsturm aus aufgescheuchten Fledermäusen nach oben schweben. “Im Traum fliege ich immer zum Licht”, sagt der erwachsene Bruce Wayne. In der Wirklichkeit der nächsten Szene aber rennt Wayne durch die Straßen von Metropolis, ein machtloser Zuschauer, während vom Himmel Superman im Kampf mit einem anderen Außerirdischen die halbe Stadt zum Einsturz bringt.

Worum es geht:

Wo die Welt gerettet wird, da fallen Späne. Oder im Fall von "Man of Steel", dem vorangegangenen Superman-Film, Dutzende Wolkenkratzer. Die vermutlich Tausenden namenlosen Kollateralopfer? Die vielen Milliarden Dollar in Sachschäden? Egal Das Ergebnis zählt. Zumindest für die meisten.

Nicht aber für Bruce Wayne alias Batman alias Ben Affleck. Nach der Zerstörung von Metropolis traut er dem unbesiegbaren Außerirdischen nicht, dass dieser seine Kräfte nicht irgendwann gegen die Menschen einsetzt. Eine Meinung, die er mit dem ebenso genialen aber noch verrückteren Milliardär Lex Luthor (Jesse Eisenberg) gemeinsam hat.

Worum es wirklich geht:

Abgesehen von der Nerdfantasie, die beiden größten Helden des DC-Comic-Universums bei epischen Keilereien bewundern zu dürfen? Vor allem darum, was diese Keilereien mit Helden und Superschurken anstellt. Und mit der ganzen Menschheit drumherum. In Batman hat der Film einen Held, der durch Supermans Ankunft auf der Erde plötzlich seine eigenen Beschützerfähigkeiten in Frage stellt. Und seinen Minderwertigkeitskomplex mit immer radikaleren Methoden zu kompensieren versucht.

Superman hingegen ist vor lauter Unbesiegbarkeit und selbstgerechter Supergutheit zum Schnösel geworden, der die Bewunderung einer ganzen Spezies etwas zu sehr genießt. Und dann taucht mitten im Getümmel auch noch Wonder Woman (Gal Gadot) auf, eine Frau, die Playboy Bruce Wayne erklärt, dass er jemanden wie sie "bestimmt noch nie getroffen hat". Eine Frau, die von Anfang an über dem pubertären Schwanzvergleich der beiden Platzhirsche steht.

So erzählt der Film diese Geschichte:

Superman alias Clark Kent hat beinahe den ganzen vorangegangenen Film damit verbracht, sich mit seinem Dasein als Messias für lauter hilflose Schäfchen abzufinden und seine Verantwortung als Weltbeschützer anzunehmen. Ihm wurde ansonsten sehr viel sehr buchstäblich in die Wiege gelegt.

Batman dagegen muss in dieser Welt schuften. Wenn der junge Bruce Wayne im Traum zum Himmel fliegt, dann ist das die verklärte Erinnerung an den Moment, an dem aus dem Menschenkind ein Übermensch wurde. Batman mag zwar seine Milliarden geerbt haben, sein Heldentum ist aber self-made. Umso frustrierender ist für ihn die Erkenntnis, dass er einer Bedrohung wie Superman nichts entgegensetzen kann. Es ist nur das zutiefst menschliche Verlusttrauma, das diesen düstersten Film-Batman vom unrettbaren Wahnsinn eines Lex Luthor trennt.

Kurz:

Hyperängstlicher Rechtswähler trifft auf grenznaiven Ultragutmensch, während ein wahnsinniger Dritter im Hintergrund mit einem Heath-Ledger-als-Joker-imitierenden Kichern die Strippen zieht. Am Ende zeigt Regisseur Zack Snyder, was er bei seiner Verfilmung des Comic-kritischen Comics "Watchmen" gelernt hat: Nämlich, dass Super- und Batmänner erst dann zu wirklichen Helden werden, wenn sie sich auch ein bisschen Menschsein erlauben.

Wichtigste Szene:

Bruce Wayne bereitet sich auf den Kampf mit Superman vor: Er wuchtet Traktorreifen durch die Bat-Höhle, macht Klimmzüge mit gewaltigen Gewichten und schweißt Kryptonit-Waffen und eine Anti-Superman-Rüstung. Die Gespräche mit Butler Alfred (Jeremy Irons) haben zwar schon vermuten lassen, dass Bruce Wayne die ein oder andere Tasse im Schrank fehlen könnte. Aber erst in dieser bis in den Irrsinn überzeichneten "Rocky"-Trainings-Montage wird klar, wie nahe der Selbstjustizler im Fledermauskostüm dran ist, selbst zur Bedrohung zu werden.

Das bleibt hängen:

"Batman v Superman" ist durch und durch Comic. So nah wie dieses Mal kam noch kein Film-Batman an die radikale Comicvorlage heran, die Frank Miller in den Achtzigerjahren für seine Graphic Novel "The Dark Knight Returns" erschuf. Ben Affleck protzt in der Rolle mit angemessen rechteckiger Videospiel-Statur und Regisseur Zack Snyder gelingt nach "Watchmen" wieder mal das Kunststück, Actionszenen im Kopf des Zuschauers zu unbewegten Comicbildern gefrieren zu lassen. Leider überdeckt dieser pompöse Bombast auch etwas, mit wie viel Ehrgeiz Snyder seine Geschichten eigentlich erzählt. Auch für "Batman v Superman" wird er sich wohl wieder den Vorwurf anhören müssen, nur ein Style-over-Substance-Filmemacher für pubertäre Jungsfantasien zu sein. Zu Unrecht. Aber das hat dem grandios unterschätzten "Sucker Punch" auch schon nicht geholfen.

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