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Wie du ganz simpel herablassend zu Frauen wirst

Collage Jessy Asmus

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Du glaubst, du bist KEIN Mansplainer, der Frauen ständig überheblich die Welt erklärt? Keine Sorge! Auch du kannst im Handumdrehen ätzend herablassend zu Frauen sein! Folge einfach dieser simplen Anleitung und in Nullkommanichts wirst du selbstgefällig zufrieden grinsen, während dutzende hysterische Kommentatorinnen im Internet hinter dir her sind. 

(Der Text stammt von Kristy Sammis. Der Text ist die deutsche Version ihres englischen Satire-Posts, den ihr hier nachlesen könnt, und den wir mit ihrer Erlaubnis veröffentlichen.)

Szenario: Du hast soeben einen Blogpost von einer Frau gelesen, von der du noch nie gehört hast, und stellst fest, dass ihr Standpunkt ein anderer ist als deiner.

Zuallererst: Sprich sie mit ihrem Vornamen an.

Bevor du dazu ansetzt, ihr alle Gründe aufzuzählen, warum sie falsch liegt, sprich sie bitte erst mal mit ihrem Vornamen an, obwohl du sie nicht kennst oder gar ein engeres Verhältnis zu ihr hast. Das hilft klarzustellen, dass du Herr der Diskussion bist und hey, schließlich bist du ja auch ein netter Typ.

Das kommt besonders gut, wenn du vorher noch nie einen männlichen Autoren mit Vornamen angesprochen hast.

Als nächstes: Trage deine Meinung als einen Fakt vor. 

Präsentiere deine Meinung, als wäre sie die einzig korrekte. Punkt! Das heißt natürlich nicht, dass du dir einfach Sachen ausdenken sollst (wie sich herausgestellt hat, können Frauen nämlich durchaus Informationen recherchieren), aber benutze niemals Wörter, die den Eindruck erwecken könnten, dass du anfechtbare Standpunkte äußerst. Wenn du einer Frau antwortest, vermeide Wendungen wie "Ich denke…", "mir erscheint das so…", "meiner Meinung nach…".

Drittens: Antworte ihr, als wären ihre Fakten lediglich Meinungsäußerungen.

Bloß weil sie vielleicht einen gut recherchierten Artikel zusammengestellt hat oder etwas über ihre selbst erlebten Erfahrungen gepostet hat, heißt das nicht, dass du dieselben Schlüsse daraus ziehen musst. Ihre "Meinungsmache" auf Faktenbasis ist genauso zulässig wie deine. Wobei –vermutlich sogar noch weniger. Denn vergiss niemals: Sie sieht die Welt mit den Augen einer Frau und das macht sie blind gegenüber dem, wie die Dinge tatsächlich ablaufen. Selbst wenn du keinen einzigen der von ihr erwähnten Artikel gelesen oder auch nur einen einzigen Tag als Frau verbracht hast, deine Meinung zu ihren Erfahrungen ist immer berechtigt.

Viertens: Lass sie auf jeden Fall wissen, was du sonst so von ihr hältst.

Wenn Frauen deinen Input nicht haben wollten, dann würden sie schließlich auch keine Posts oder Artikel im Netz veröffentlichen. Und weil sie eben ihre Artikel öffentlich schreiben, stellen sie sich für dich zur Beurteilung bereit. Falls es zum Beispiel dazu kommen sollte, dass du mit einer Frau derselben Meinung bist*, solltest du ihr das immer mit erklärenden Äußerungen mitteilen. Wenn du dich dafür entschieden hast, dass ihre Standpunkte berechtigt sind, sollte sie das auch wissen.

 

*Ja! Mansplaining funktioniert auch, wenn du mit einer Frau übereinstimmst!

 

Allerdings (und das ist entscheidend) bist du nicht darauf beschränkt, ihren Content zu bewerten. Darüber hinaus, was eine Frau zu sagen hat, hilft es oft auch, das wie zu beurteilen. Ziehe in Betracht, wertende Kommentare zu machen über:

 

  • Ihren Tonfall
  • Ihre Wortwahl
  • Ihre Fähigkeit, dein Interesse zu wecken
  • Ihre (Un-)Lustigkeit
  • Ihr Aussehen (hey, wenn sie schon so dreist war, ein Foto von sich zu posten, dann muss sie auch Feedback dazu erwartet haben)

 

Fünftens: Erfinde wilde Annahmen über sie. Vor allem über Alter und Erfahrung.

 

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, warum eine Frau, die online Sachen veröffentlicht, einen anderen Standpunkt haben kann, als du. Schau dir ihr Bild noch mal genau an. Sieht sie jünger aus als du? Dann hat sie vermutlich nicht genug Erfahrung. Sieht sie älter aus als du? Dann ist sie wahrscheinlich realitätsfern. Sieht sie… nicht so schlau aus? Dann hast du sicher eine bessere Ausbildung genossen als sie und/oder hast VIEL mehr zu dem Thema gelesen, über welches auch immer sie gerade redet. Du hast schließlich guten Grund anzunehmen, dass du am besten weißt, wie die Dinge sind, und das kannst du auch genauso gut mitteilen.

 

Wenn sie jetzt richtig hübsch ist, dann hast du ein kleines Problem. Klar, ihr gutes Aussehen hat sicher dafür gesorgt, dass sie einfach glaubt, alles sagen zu können, da ihr bisher kein Typ im echten Leben widersprochen hat (weil er nämlich mit ihr ins Bett möchte). Aber wenn du damit jetzt herausrückst, dann wechselst du vom Mansplaining geradewegs zum Chauvinismus (wenn nicht sogar Misogynie). SO ein Typ bist du ja nicht. Also erwähn besser nicht, wie hübsch sie aussieht. Stattdessen sprich mit ihr, als hättet ihr über eine Dating App zu einander gefunden. Benutze Anspielungen und flirte mit ihr, um sicher zu gehen, dass sie weiß, dass, wenn ein hübsches Ding wie sie falsch liegt, es dich trotzdem nicht davon abhalten würde, sie abzuschleppen.

Zuletzt: Wenn eine Frau dich für eine dieser Verhaltensweisen kritisiert, kritisiere sie für ihre Überempfindlichkeit.

Frauen sind einfach unfassbar empfindlich, stimmt’s? Du bist nicht der misogyne Typ, der Frauen sagt, sie sollten einfach mal lächeln! Du bist der Typ, der Frauen ganz freundlich sagt, sie sollten einfach mal lächeln, weil Frauen so liebreizend sind und du lediglich nicht möchtest, dass sie traurig ausschauen. Du bist einfach nur nett. Du möchtest ja nur helfen. Du willst nur zeigen, dass du richtig liegst und ehrlich gesagt, weißt du eben einfach mehr als sie (wer auch immer sie ist).

 

Wenn eine Frau behauptet, dass du ein herablassendes Arschloch bist, weiß sie einfach nicht, wovon sie redet. Sie ist schwach und kann schlicht nicht mit abweichenden Meinungen umgehen. Sie verteidigt sich, weil sie falsch liegt. Sie glaubt, dass alle Männer, die nicht mit ihr übereinstimmen, Frauenhasser sind, was allerdings nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Wenn du Frauen hassen würdest, hättest du ihren Text dann überhaupt erst gelesen?

 

Frauen sollten es einfach mehr zu schätzen wissen, dass du ihre Sachen liest und sie dann sogar noch kommentierst. Du tust Frauen ja quasi einen Gefallen.

 

Wenn du das komplette Ausmaß an Dankbarkeit erkannt hast, das dir für deine Kommentare zusteht, wenn du vollkommen verstanden hast, wie wichtig es für dich ist, dass du ihren Worten deine hinzufügst, DANN beherrscht du die Kunst des Mansplaining. Gern geschehen.

 

Ich meine natürlich: Danke dir!

 

Dieser Text erschien zuerst auf kleinerdrei.org .

 

Das ist ein Gemeinschaftsblog, das 2013 von Anne Wizorek gegründet wurde. 10 feste Autor_innen und 7 Kolumnist_innen schreiben hier regelmäßig über alles, was ihnen am Herzen liegt. Daher auch der Name kleinerdrei, der im Netzjargon für ein Herz steht: eben ein <3. Die Themen reichen dabei von Politik bis Popkultur und werden stets aus einer feministischen Perspektive betrachtet. Im Jahr 2014 wurde kleinerdrei in der Kategorie “Kultur und Unterhaltung” für den Grimme Online Award nominiert.

 

Der Text stammt von Kristy Sammis. Der Text ist die deutsche Version ihres englischen Satire-Posts (den ihr hier nachlesen könnt) und den wir mit ihrer Erlaubnis veröffentlichen.

 

Kristy ist Unternehmerin, Autorin, TED-Speakerin, Gründerin der preisgekrönten Agentur Clever Girls und eine große Klappe hat sie auch.

 

 

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