Ein Onlineshop verkauft künstliche Jungfernhäutchen

Hilft Frauen das? Oder wird damit nur ihre Unterdrückung in die Länge gezogen?
Von Berit Dießelkämper
Foto: prokop / photocase

Zwei wasserlösliche Cellulosemembranen, in deren Mitte ein Granulat aus Rinderblut eingearbeitet ist – das ist, was ein Onlineshop für 53,50 Euro als künstliches Jungfernhäutchen anbietet. Der Händler schreibt: „VirginiaCare hilft dir in Deiner Hochzeitsnacht, Blutspuren vorzuweisen, die von dir erwartet werden, ohne ärztliche Wiederherstellung des Jungfernhäutchens!“ In der Rubrik „Das sagen die Anwenderinnen“ schreibt eine Samira: „Was hätte ich bloß ohne euer künstliches Jungfernhäutchen an meinem Hochzeitstag getan? Ihr habt mir mein Leben gerettet!“

Was hat es mit dem Mythos um das Jungfernhäutchen und dem Blut auf dem Laken auf sich? Wie groß müssen die Not und die Angst der Frauen sein, die sich ein solches Produkt bestellen? Und warum ist die „Reinheit“ der Frau noch immer von so großer Bedeutung, dass viele in ihrer Verzweiflung bereit sind, sogar einen operativen Eingriff zur Wiederherstellung des Jungfernhäutchens vorzunehmen?

Es wäre sehr leicht, die Gründe bei einer möglichst großen, abstrakten Gruppe oder Gemeinschaft zu suchen. Bei den Frauen, die sich dem Jungfrauenkult unterordnen; bei den Männern, die nur eine Jungfrau zur Frau nehmen wollen; bei der Kultur oder Religion, die Sex vor der Ehe verbietet, oder bei den Familien, die ihre Ehre von der Jungfräulichkeit der Tochter abhängig machen. Deutlich unangenehmer ist es, dass diese repressiven Strukturen auch in unmittelbarer Nähe und innerhalb einer vermeintlich aufgeklärten westlichen Gesellschaft allgegenwärtig sind.

Das Jungfernhäutchen, von Ärzten als Hymen bezeichnet, ist keine undurchlässige, den Scheideneingang verschließende Membran, wie es häufig heißt. Viel eher sind es zarte Hautfalten, die den Scheideneingang wie einen Ring umschließen. Diese können ganz unterschiedlich aussehen, schmaler oder breiter, fester oder weicher sein. In vielen Kulturen spielt das unversehrte Jungfernhäutchen eine besondere Rolle. Blut auf dem Laken soll beweisen, dass die Frau noch Jungfrau ist. Kann die Frau nach ihrer Hochzeitsnacht keines vorweisen, heißt es, ihr Jungfernhäutchen müsse bereits „gerissen“ sein, sie habe folglich schon mit einem Mann geschlafen.

VirginiaCare positioniert sich als günstige Alternative mit Blut-Garantie

Aber viele Frauen bluten nicht beim ersten Mal – unabhängig davon, ob das Jungfernhäutchen „intakt“ ist oder nicht. Um diesen Beweis zu erbringen, der nicht nur für die Ehre der Frau und die ihrer Familie entscheidend sein kann, sondern auch für ihr Leben, sind viele Frauen bereit, sehr aufwendige und teure Verfahren auf sich zu nehmen.

Bei einer Hymenrekonstruktion werden die Hautfalten des Jungfernhäutchens mit wenigen Stichen wieder zusammengenäht. Der Eingriff wird ambulant und mit örtlicher Betäubung vorgenommen. Die verwendeten Fäden lösen sich nach wenigen Wochen auf, sodass eine Rekonstruktion bei einer möglichen ärztlichen Kontrolle nicht erkennbar ist. Eine Blut-Garantie gibt es nicht.

VirginiaCare positioniert sich mit ihrem künstlichen Jungfernhäutchen als günstige Alternative mit genau dieser Blut-Garantie. Eine Vertreterin des Unternehmens, die nicht namentlich genannt werden möchte, spricht von rund 1000 künstlichen Jungfernhäutchen, die VirginiaCare monatlich verkaufe. Zwei Drittel davon an Kunden in Deutschland. Den Rest versende VirginiaCare in alle Welt – vorrangig in muslimisch geprägte Länder. Über die Kundinnen beziehungsweise über die Anwenderinnen sei nur sehr wenig bekannt. Es ist nicht klar, woher diese Frauen kommen, wie alt sie sind, oder was ihre Beweggründe sind. Der einzige persönliche Kontakt entsteht über die Telefonhotline des Unternehmens. Bei diesen Gesprächen gehe es fast immer um eine bevorstehende Hochzeitsnacht und die Forderung nach Blut auf dem Laken, sagt die Vertreterin von VirginiaCare. Die jungen Frauen haben Fragen zum Produkt, zur Anwendung und insbesondere zu seiner Wirksamkeit. Eines sei dabei häufig spürbar: Angst. Einige wenige Kundinnen schreiben auch unter einem Namen, der nicht ihr richtiger sein muss, in das Gästebuch der Website. Das beherrschende Gefühl dieser Einträge: Dankbarkeit.

Auf der Website von VirginiaCare wird als „häufig zusammen gekaufte Artikel“ das „Revitalize 100 Straffungsgel“ angeboten. Es soll dafür sorgen, dass sich der Intimbereich der Frau „wieder straff“ anfühlt. Als ob eine Frau ausleiert, sobald sie keine Jungfrau mehr ist. Weiter empfiehlt der Hersteller, die Frau solle sich in der besagten Hochzeitsnacht verkrampfen und Schmerzen vortäuschen – damit es authentischer wirkt. Nicht die Lust oder die Befriedigung der Frau steht bei all dem im Vordergrund, sondern ausschließlich die des Mannes und sein Wunsch nach einer reinen, jugendlich straffen Frau.

Das Familienplanungszentrum Balance in Berlin bietet neben frauenärztlichen, psychologischen und sexualpädagogischen Angeboten auch die Möglichkeit, den Eingriff zur Rekonstruktion des Jungfernhäutchens vorzunehmen. Die Frauen, die sich bei ihnen über die Hymenrekonstruktion informieren, kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen, sagt Diana Crăciun, die im Familienplanungszentrum für Diversity- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Es sind Frauen, die Opfer sexueller Gewalt oder sexuellen Missbrauchs wurden. Es sind Frauen, die sichergehen wollen, dass sie in der Hochzeitsnacht bluten und einen Beweis für ihre Jungfräulichkeit auf dem Laken zurücklassen, oder es sind Frauen, die ihrem (neuen) Partner ein „Geschenk“ machen wollen.

Es wird festgelegt und definiert, wie der Körper einer Frau auszusehen hat

Diana Crăciun ist stolz darauf, dass etwa 70 Prozent der Frauen, die zu ihnen kommen, sich nach der Beratung gegen einen Eingriff entscheiden. Sie werden darüber aufgeklärt, dass ein Jungfernhäutchen nicht „reißt“ und dass das Bluten kein Beweis dafür ist. Und für den Fall, dass das für sie unumgänglich ist, werden auch Alternativen aufgezeigt, zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, eine kleine Dosis Eigenblut vorzubereiten, die dann auf dem Laken verteilt wird, oder die Möglichkeit, sich mit einer Nadel in den Finger zu pieksen und so ein wenig Blut auf das Laken zu bringen.

Natürlich können künstliche Jungfernhäutchen und Hymenrekonstruktionen vielen Frauen in einer scheinbar ausweglosen Situation  helfen. Und das ist auch gut so. Nur leider lösen sie das Grundproblem nicht. Denn diese Produkte und Alternativen reproduzieren eben auch patriarchale Strukturen.

Diana Crăciun nennt es die Entfremdung der Frau vom eigenen Körper. Der Körper der Frau gehört der Lust oder der Ehre einer anderen Person und wird auf eine Funktion reduziert. Er muss jungfräulich sein, bluten und dem Mann Befriedigung verschaffen. Die Jungfräulichkeit wird mit positiven Werten wie brav, wohlerzogen oder gehorsam gekoppelt und gilt damit als bewahrenswert.

Damit konfrontiert, bestätigt die Vertreterin von VirginiaCare, dass ihnen dieser Vorwurf bewusst sei. Es sei eine Gratwanderung, aber ihnen gehe es eben darum, diesen Mädchen und Frauen in ihrer Verzweiflung zu helfen. Die Vertreterin erzählt von einigen Kundinnen, die das künstliche Jungfernhäutchen auch „vorbeugend“ kaufen. Sie wollen sichergehen, dass sie bluten. Dabei ist egal, ob sie zuvor bereits Geschlechtsverkehr hatten oder nicht. Das Blut ist alles, was zählt. Das ist, was sie leisten können. Die Strukturen ändern, das können sie nicht. VirginiaCare bekämpft also nur Symptome. Symptome, deren Ursache sehr viel tiefer liegt. Es wäre schön, wenn das irgendwann nicht mehr nötig wäre, es für solche Produkte bald keinen Markt gäbe.

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