So erlebte ich die Magersucht meiner Schwester

Heimlichtuerei und Hilflosigkeit prägten das Leben meiner Familie.
Von Melanie Schröder
magersucht schwester cover
Foto: zettberlin / photocase / tumblr, Bearbeitung: Daniela Rudolf

Die Frage nach dem Warum – Wie alles anfing

Ich bewunderte meine kleine Schwester Nadine immer für ihre Sportlichkeit. Vor ihrer Krankheit war sie durchtrainiert und sehr diszipliniert. Nadine fuhr jahrelang Kunstrad. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie bei der regionalen Meisterschaft in ihrem bunten, ziemlich enganliegenden Trikot Handstände auf dem Lenker ihres Fahrrads vorführte. Die „Speckfalte“ am Bauch, die sie sehr gestört hat, fiel mir nicht auf. Mit ungefähr 60 kg bei einer Körpergröße von 1,63 m war sie vollkommen normalgewichtig. Auch Nadine schenkte dieser Speckfalte erst größere Bedeutung, als ihre Trainerin sie darauf aufmerksam machte, dass sie eben nicht einfach alles essen könne und auf ihr Gewicht achten solle. Nadine fühlte sich in ihrem Körper zusehends unwohler. Mit 15 wollte sie schließlich unbedingt eine Diät machen, sagt sie: 

„Zehn Kilo abzunehmen war mein Neujahrsvorsatz für das Jahr 2010. Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern: Es war der 1.1.2010 und ich aß an diesem Tag nur zwei 5-Minuten-Terrinen und einen Apfel. Zusammen waren das circa 400 Kalorien. Ich war sehr erstaunt, dass ich von jetzt auf gleich so viel weniger essen konnte. Von da an habe ich täglich maximal 800 Kalorien zu mir genommen. An manchen Tagen habe ich auch nur Wasser getrunken. So habe ich mein Wunschgewicht von 50 Kilo innerhalb von drei Monaten erreicht.“

Der Weg in die Essstörung

Nach der Diät wollte meine Schwester ihre Essgewohnheiten wieder umstellen. Doch ihr Magen hatte sich an die kleinen Portionen gewöhnt. Obwohl sie versuchte, von Tag zu Tag etwas mehr zu essen, blieb die tägliche Kalorienzahl in den folgenden Monaten im Schnitt bei 400. Zum Vergleich: Für einen gesunden erwachsenen Menschen sind rund 2000 Kalorien täglich normal. Ihre Angst, die verlorenen zehn Kilo wieder zuzunehmen, war einfach zu groß, sodass sie dauerhaft bei dieser geringen Anzahl an Kalorien pro Tag blieb.

Im Internet fand Nadine Gleichgesinnte. Sie besuchte regelmäßig sogenannte „Pro Ana“-Internetseiten. „Pro Ana“ steht für „pro Anorexia“, Anorexie ist der Fachausdruck für Magersucht. Die Magersüchtigen geben sich dort Tipps, um das Hungern durchzuhalten, spornen sich gegenseitig zum weiteren Abnehmen an und bewundern Bilder von sehr dünnen bis abgemagerten Personen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich aber weder, dass es solche Fan-Seiten für Magersüchtige überhaupt gibt, noch dass meine Schwester mehrere Stunden am Tag damit verbrachte, sich diese Bilder anzusehen. Erst Jahre später erzählte sie mir davon. 

„Wenn ich meinen Magen knurren gehört habe, habe ich mich sehr gut gefühlt“ 

Das Kunstrad-Training gab Nadine bald danach auf. Sie wurde immer dünner und hatte schließlich keine Kraft mehr für das anstrengende Training. Ihr Aussehen, das Essen und das Kalorienzählen überschatteten alle anderen Lebensbereiche:

 

„Ich wollte vor allem schlank sein und fing an, Promi-Zeitschriften zu lesen wie die „InTouch“, wo es meistens viel um Diäten und Schlanksein geht. Auch im Internet habe ich mir auf den Pro-Ana-Seiten gerne die Models angeguckt, die sehr schlank waren und habe vieles über sie gelesen. Da ich nun jeden Tag mit diesen Dingen beschäftigt war, wurde es zu meinem Lebensmittelpunkt. Schlanksein und Hungern, um genauso attraktiv wie diese Models zu sein. Dabei konnte ich das Hungergefühl sogar genießen: Ich habe mich dadurch stark gefühlt und sehr diszipliniert. Vor allem abends, wenn ich ins Bett gegangen bin und ich meinen Magen knurren hören konnte – dann habe ich mich sehr gut gefühlt.“ 

 

 

Heimliches Erbrechen

 

Ende 2010 ist mir aufgefallen, wie sehr Nadine sich optisch verändert hatte. Ihre ehemals vollen Haare fielen ihr aus. Sie färbte sich die Haare in der hellsten Blondierung, die sie finden konnte. Das ließ die noch verbliebenen dünnen Haare brüchig wirken. Ihr Körper war stark abgemagert. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ihr Schlüsselbein, das unnatürlich stark hervorstach. Meine Eltern und ich hatten sie schon ein paar Mal nach dem Essen beim Erbrechen erwischt. Ich sprach mit meinem Vater darüber, was man in so einer Situation am besten tun sollte. Dass das gewollte Erbrechen nicht gesund war, war uns natürlich bewusst. Dennoch waren wir noch weit davon entfernt, uns eingestehen zu wollen, dass meine Schwester an einer echten Essstörung litt, die therapeutisch behandelt werden sollte. Denn Nadine hatte neben ihrer Magersucht eine unregelmäßig wiederkehrende Ess-Brech-Sucht (Bulimie) entwickelt. 

 

Auch wenn sie das Hungergefühl phasenweise genoss, sehnte sie sich dennoch nach Essen. Wenn sie das Hungern nicht mehr aushielt, nahm sie große Mengen an Nahrung zu sich, um sich anschließend zu erbrechen. Dafür musste sie sich später nicht einmal mehr den Finger in den Hals stecken. Der Magenmuskel war so trainiert, dass sie sich quasi auf Kommando übergeben konnte. Was das bedeutete, wurde mir schmerzhaft bewusst, kurz bevor Nadine in die Klinik kam. Nach einem gemeinsamen Sonntagsausflug mit meinem Vater und mir wollte Nadine nach dem Spaziergang unbedingt noch zu McDonald’s fahren. Obwohl wir Schlimmes ahnten, fuhren wir hin. Meine Schwester versicherte uns, dass sie sich nicht wieder erbrechen würde.

 

In unserer Naivität und Unwissenheit über die Krankheit haben wir ihr das geglaubt. Obwohl ich mir zuvor fest vorgenommen hatte, Nadine nicht unmittelbar nach dem Essen auf die Toilette gehen zu lassen, hat sie es dennoch in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit geschafft. Während meine Schwester die Tabletts wegbrachte, unterhielt ich mich mit meinem Vater und fragte ihn nach ein paar Minuten, warum es denn so lange dauerte, ein Tablett wegzubringen. Erst dann stellte ich fest, dass der Wagen zur Rückgabe unglücklicherweise direkt neben den Toiletten stand. Ich stürzte in den Vorraum der Toilette und klopfte an der verschlossenen Tür. Doch da hörte ich bereits die Klospülung und wusste, dass ich zu spät war.

 

„Das Kotzen wollte ich natürlich verbergen, weil ich wusste, dass man mich davon abhalten würde. Und das wollte ich natürlich nicht, nachdem ich so viel gegessen hatte. Ich konnte große Essensmengen in meinem Magen, also das Völlegefühl, überhaupt nicht ab. Es hat sich richtig eklig angefühlt. Ich habe es dann so verheimlicht, dass ich ganz unauffällig auf die Toilette gegangen bin.“

 

Natürlich leugnete Nadine, sich übergeben zu haben. Doch spätestens nach dem obligatorischen „Hauch mich mal an“ war meinem Vater und mir klar, dass es wieder einmal passiert war, ohne dass wir es verhindern konnten. Auf der Autofahrt mussten wir einsehen, dass das Problem doch größer war, als wir uns das hätten vorstellen können. Nie fühlten wir uns hilfloser. 

 

Therapie im Fachzentrum für essgestörtes Verhalten

 

Im Frühjahr 2011 kam meine Schwester schließlich in die Klinik am Korso in Bad Oeynhausen, in der sie ungefähr zwei Monate verbrachte. Man sah ihr ihre Krankheit mittlerweile bereits deutlich an. Sie wog nur noch 39 Kilo:

„Das niedrige Gewicht konnte ich nicht vor meiner Familie verbergen, aber ich glaube, das wollte ich auch nicht. Ich wollte, dass sie sahen, dass etwas mit mir nicht stimmt und dass es mir nicht gut geht.“

In der Fachklinik für Essstörungen sollte Nadine gemeinsam mit anderen Patientinnen, die an Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Fettsucht litten, wieder ein normales Essverhalten erlernen. Je nach Schwere des Krankheitsgrades aßen alle Patientinnen gemeinsam in einem Speisesaal, oder wurden individuell betreut. Zum Essen gezwungen wurde hier allerdings niemand, was meine Schwester fast als ein wenig unfair empfand. Sie gab sich große Mühe, die Mahlzeiten wenigstens zur Hälfte aufzuessen, während andere sich standhaft weigerten. Sie betrachtete diejenigen, die sich weigerten zu essen, mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung. Sie hätte es wohl als gerechter empfunden, wenn alle Patientinnen zum Essen gezwungen gewesen wären. Doch Voraussetzung zur erfolgreichen Therapie war, dass die Patientinnen selbst etwas ändern wollten. Glücklicherweise hatte Nadine den Willen, sich und ihr Essverhalten zu ändern. Innerhalb weniger Wochen ging es ihr merklich psychisch und körperlich besser. Dies lag aber wohl auch daran, dass in der Klinik immer jemand ein Auge auf sie und ihr Essverhalten hatte.

 

Prof. Thomas Huber ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in der Klinik am Korso. Er erklärt, wie eine stationäre Therapie wie die meiner Schwester in der Klinik am Korso abläuft: „Prinzipiell geht es darum, Patientinnen zu helfen, ein ausgewogenes Essverhalten zu erreichen und die Hintergründe ihrer Essstörung zu verstehen. Salopp gesagt: Wir versuchen herauszufinden, was die Patientinnen brauchen, um die Essstörung nicht mehr zu brauchen.“ Bei der Genesung helfen eine Vielzahl unterschiedlichster Therapien wie zum Beispiel die Gesprächs-, Kunst- oder Körperbildtherapie, die je nach Krankheitsbild und Patientin unterschiedlich eingesetzt werden.

Nicht ohne Grund schreibe ich in diesem Artikel ausschließlich von Patientinnen. In der Klinik am Korso sind derzeit etwa 92% der Erkrankten weiblich. Auch Huber bestätigte mir, dass vor allem junge Frauen etwa zehnmal häufiger von einer Ess-Brech-Sucht oder Magersucht betroffen sind als Männer. Das westliche Schönheitsideal ist dafür erwiesenermaßen mitverantwortlich, wenn auch meist nicht der Hauptgrund für die Entwicklung einer Essstörung. Aus diesem Grund sind bestimmte Fernsehsendungen in der Klink verboten: „Es gibt deutliche Hinweise, dass Sendungen wie „Germany’s next Topmodel“ für Menschen mit Essstörungen schädlich sind und essgestörte Symptome verstärken können. Wir möchten unsere Patientinnen in ihrem Selbstwertgefühl  und ihrer Genesung unterstützen, deshalb verbieten wir solche Sendungen,“ so Huber.

 

Ein Leben nach der Essstörung

 

Auch nach dem Klinikaufenthalt war meine Schwester auf therapeutische Hilfe angewiesen. Sie ging noch Jahre später mindestens einmal wöchentlich in die ambulante therapeutische Betreuung. Allerdings fehlte ihr hier die tägliche lückenlose Überwachung:

 

„Ich konnte in der ambulanten Therapie über meine Probleme reden und wie es mit dem Essen funktioniert. Ich war sehr offen zu meiner Therapeutin und sie konnte mir auch gut helfen. Dennoch unterschied sich die ambulante Therapie schon sehr zur stationären, weil ich zu Hause dann doch wieder allein war. Ich war mit meinen Gedanken alleine und konnte unbemerkt machen, was ich wollte. So erlitt ich noch mehrere Rückfälle in Form von Fressattacken mit anschließendem Erbrechen. Erst 2015 schloss ich die Therapie ab und habe seitdem keine Krankheitssymptome mehr.“

 

Heute bezeichnet sich meine Schwester selbst als gesund und ist kürzlich Mutter einer kleinen Tochter geworden. Durch ihr Kind hat sie mittlerweile keine Zeit mehr, ihre Essstörung wieder zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen. Ihr Essverhalten konnte sie in den vergangenen Jahren wieder stabilisieren. Kalorienzählen ist für sie kein Thema mehr, seit ein paar Jahren schon hat sie sich nach dem Essen nicht mehr absichtlich übergeben. Doch mit einem Überbleibsel ihrer Ess-Brechsucht wird sie weiterhin leben müssen: Die beim Erbrechen hochgewürgte Magensäure hat ihren Zahnschmelz nahezu vollständig aufgelöst, sodass ihre Zähne heute praktisch schutzlos sind. Eine dauerhafte Lösung wäre zum Beispiel das Überkronen sämtlicher Zähne, was aber sehr teuer ist und von der Krankenkasse nicht übernommen wird.

 

Trotzdem blickt Nadine optimistisch in die Zukunft. Sie hofft, ihre Essstörung endgültig besiegt zu haben. Aber trotz jahrelanger Abstinenz ist ein Rückfall in alte Gewohnheiten nicht ausgeschlossen: „Ich würde nicht sagen, dass ich niemals wieder eine Essstörung kriegen könnte. Das wäre zu naiv gedacht.“ Rückblickend betrachtet, haben meine Familie und ich die Krankheit viel zu lange beschönigt. Denn vielleicht hätte ein beherztes frühzeitiges Eingreifen eine Essstörung und langjährige Therapie verhindern können. So bleibt das Gefühl, trotz aller verspäteten Hilfestellung im entscheidenden Moment versagt zu haben.

 

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