Wie Romy ihre Bulimie mit den Anonymen Esssüchtigen überwindet

Jetzt hat sie wieder ein Leben zwischen den Mahlzeiten.
Von Katja Lewina
Foto: speednik / photocase

Weil Anonymität eins der Grundprinzipien des Programms ist, wurden die Namen aller Personen in diesem Text geändert.

In Romys Tupperdose befinden sich: Reis, gedünsteter Broccoli, Lachsstückchen, Olivenöl. Alles genau abgewogen. Wir sitzen zwar nach einem ausgedehnten Spaziergang im Biergarten – und damit an der Quelle von Rostbratwurst und Kartoffelsalat –, sie aber hat ihr Essen vorsorglich von zu Hause mitgebracht. Wie jedes Mal, wenn sie ausgeht. „Iss ruhig“, sagt sie und nickt in Richtung meines Tellers. „Das macht mir nichts aus, ich bin es gewöhnt. Auch dass die Menschen fragen, was das soll. Ich antworte dann immer: ,Ich vertrage einfach so vieles nicht.‘“

Und sie wird oft gefragt, schließlich ist Romy viel unterwegs. Sie ist Anfang 30, hat gerade ein Aufbaustudium angefangen und ist dafür in eine andere Stadt gezogen. Jetzt steht alles ein bisschen auf Anfang, auch was die Fragerei angeht.

Dabei hat Romy kein Problem mit Gluten, Laktose oder Histamin. Ihre Unverträglichkeit liegt ganz woanders: Sie kann beim Essen nicht mit Mengen umgehen. Und bei Mehl und Zucker ist es ganz besonders schlimm: einmal damit angefangen, kann sie kaum noch aufhören. So wie dieses eine Mal, als man ihr die Erdbeeren im Restaurant mit Zucker bestreut serviert hatte. Es war ohnehin ein stressiger Abend gewesen, das Tischgespräch ein einziger Krampf. Zusammen mit dem Zucker war da der Rückfall fast vorprogrammiert. Danach hat sie sich zu Hause erst vollgefressen und dann ausgekotzt. Denn Romy hat Bulimie.

Ein Mal süchtig, immer süchtig

„Süchtig“ nennt sie sich, und das, obwohl sie schon seit Langem clean ist. In ihrem Fall heißt clean: nicht gefressen, nicht gekotzt. Sie sagt: „Die Sucht lässt sich in den Griff kriegen, aber nicht heilen. Ich bin immer nur eine Handbreit vom Rückfall entfernt, das muss mir bewusst sein. Ich darf mich nicht auf meiner Abstinenz ausruhen.“ Romy spricht in der Ich-Form, aber das, was sie sagt, könnte von jedem kommen, der an einem der anonymen Hilfsprogramme für Süchtige teilnimmt. Jede Sucht hat zwar ihr eigenes Programm, sie alle aber sind aus den Anonymen Alkoholikern entstanden und arbeiten nach deren Prinzipien. In Deutschland sind es die Overeaters Anonymous und die Foodaddicts in Recovery Anonymous, die Menschen mit zwanghaften Essverhalten helfen, trotz ihrer Sucht ein gutes Leben zu führen. Da die Programme anonym sind und die Erfassung in Mitgliederlisten nicht obligatorisch ist, lassen sich konstante Mitgliederzahlen nur schätzen. Die Overeaters zählen in Deutschland etwa 1.000 bis 1.200 Menschen, die regelmäßig an den Meetings teilnehmen, die Foodaddicts, eine deutlich kleinere Gruppierung, etwa 50. Bei beiden Programmen ist die Tendenz steigend.

„Seit ich 14 war, drehte sich bei mir alles ums Essen,“ sagt Romy. „Also, ums Fressen und wie ich es kontrollieren könnte. Wo bekomme ich jetzt sofort irgendeinen Junk her, um ihn in mich reinzuschaufeln? Wo verstecke ich die Verpackungen, damit niemand sie findet? Und warum bin ich überhaupt so schrecklich undiszipliniert?“ Dabei wirkte nach außen hin alles prächtig: Innerhalb von wenigen Monaten war durch die vermeintliche „Wunderwaffe“ Erbrechen aus dem 66-Kilo-Teenie eine schlanke Frau geworden, die  Blicke auf sich zog. Nur für mehr blieb kaum Platz. Freundschaften zerfielen, weil Romy so sehr um sich selbst kreiste, dass es schwer auszuhalten war. In der Schule konnte sie sich nicht konzentrieren, weil die nächtlichen Fress-Kotz-Gelage sie am Schlafen hinderten. Und dann fing sie wieder an zuzunehmen, obwohl sie doch kaum etwas bei sich behielt. Romys Leben wurde ihr unerträglich. So unerträglich, dass sie sterben wollte. Nichts konnte das dauerhaft ändern. Keine Psychotherapien, Klinikaufenthalte, neuen Städte oder Studiengänge und erst recht kein „Der Kühlschrank bleibt leer“. Manchmal, wenn sie morgens aufs Klo ging, fand sie noch das Erbrochene von letzter Nacht in der Schüssel. Und der Ekel vor sich selbst nahm kein Ende.

 

Die totale Kapitulation

 

Eines Nachts, leergekotzt und verzweifelt, gestand Romy sich ein: „Das ist das Ende. Ich kann so nicht mehr weiterleben.“ Inzwischen war sie 24 und hatte zehn Jahre Bulimie hinter sich. Plötzlich erinnerte sie sich, dass ihr schon vor einer ganzen Ewigkeit eine Bekannte eine Karte von den Foodaddicts zugesteckt hatte. Sie wählte die Nummer, mitten in der Nacht. Tatsächlich, jemand ging dran. Und Romys Leben war mit einem Mal ein anderes.

„Wir geben zu, dass wir dem Essen gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“ So lautet der erste Schritt vom Zwölf-Schritte-Programm, das von den Anonymen Alkoholikern übernommen wurde. „Genau das ist in dieser Nacht mit mir passiert, ohne, dass ich es wusste“, sagt Romy. „Das war die totale Kapitulation. Ich habe eingesehen, dass ich keine Kontrolle mehr habe.“

 

Sie bekam eine Liste mit Mitgliedern, die sie anrufen sollte, am besten drei Mal täglich. Um sich gegenseitig Mut zuzureden, zum Teilen von Erlebnissen, wenn der Fressdruck kam. Die Regeln: Zuhören, keine Ratschläge erteilen, von sich selbst erzählen. Wildfremde Menschen waren das, die überall in Deutschland lebten, und sie hatten die unterschiedlichsten Essstörungen. Sie waren übergewichtig, magersüchtig, bulimisch oder auf Diäten fixiert. Die ersten Male fand Romy das noch sehr befremdlich, aber bald wurden die kurzen Telefonate fester Bestandteil ihres Lebens. Sie war nicht mehr allein mit ihrer Sucht.

 

Eine Kraft, größer als wir selbst

 

Und Romy bekam eine Sponsorin, eine Art Patin, die ihr in allen Fragen zur Seite stehen sollte. Sandra gab Romy einen auf ihren BMI zugeschnittenen Essplan, der genau definierte, was, wie viel und wann sie essen sollte. Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Milchprodukte, auch ein paar von den guten Kohlenhydraten standen drauf, für sie besonders problematische Komponenten wie Zucker und Mehl waren komplett gestrichen. Ab jetzt hieß es beim Essen: Messen und Wiegen.

 

Mit Sandra sprach Romy jeden Morgen. Sie erinnert sich noch genau an eins ihrer ersten Gespräche. „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“, weinte Romy in den Hörer. „Bitte Gott um Hilfe“, sagte Sandra, als sei es das Natürlichste der Welt. Scheiße, dachte Romy, was ist das denn für ein Verein? Niemals! Sandra fragte: „Kannst du an irgendetwas glauben?“. Romy konnte nicht. „Kannst du glauben, dass es irgendeine Kraft gibt, die anderen geholfen hat, es zu schaffen?“ Das endlich war für Romy abstrakt genug, um es sich vorstellen zu können. Und der Gedanke gab ihr tatsächlich Kraft. Vielleicht, dachte sie, kann es mir genau so gehen.

 

„Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Kraft, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir ihn verstanden, anzuvertrauen.“

 

Schritt zwei und drei klingen, als seien sie von religiösen, fatalistischen Hardlinern verfasst worden – und wirken auf viele Menschen erst mal abschreckend. Dabei treffen sich bei dem Programm Angehörige aller Konfessionen genau so wie Atheisten. Jeder ist frei, sich diese „Kraft“ selbst zu definieren, und wenn nix mehr hilft, dann machen manche eben ihre Gruppe dazu.

 

Hallo, ich bin Romy und ich bin süchtig

 

Weil es in Romys Stadt keine Foodaddicts-Gruppe gab, ging sie einfach zu den Meetings der Anonymen Alkoholiker (AA). Sie funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Die Leitung geht reihum, die Raummiete wird über freiwillige Mitgliederspenden aufgebracht. Gemeinsam liest man aus dem Blauen Buch, einer Art „Bibel“ der AA, und teilt in einer offenen Runde seine Gedanken und Gefühle mit den anderen. „Hallo, ich bin Romy und ich bin süchtig“, das ist kein Klischee, so läuft es wirklich. Und: Niemand kennt mehr als den Vornamen der anderen. Keinen Beruf, keine Adresse, alles bleibt anonym. Viele haben schlimme Geschichten zu erzählen, manche sind mehrfach-süchtig. Es war also kaum Zufall, dass eine von den Alkoholikerinnen aus Romys Gruppe auch ein Problem mit Essen hatte. Und voilà, Romys eigene Foodaddicts-Gruppe war geboren.

„Der große Vorteil gegenüber allen anderen Therapieformen, die ich ausprobiert habe, liegt darin, dass hier Süchtige anderen Süchtigen helfen“, sagt Romy. „Ich kann jemandem, der das gleiche Problem hat wie ich, nichts vormachen. Er ist durch die gleiche Hölle gegangen und weiß ganz genau, wie es mir geht. Es gibt einfach viele Dinge, die Nicht-Süchtige nicht nachvollziehen können.“ Außer über die starke Gemeinschaft funktioniert das Programm über drei Ebenen: die körperliche, die geistige und die spirituelle. Der Essplan regelt das Körperliche, die Auseinandersetzung mit der Sucht das Geistige, und die Hinwendung zu einer höheren Kraft das Spirituelle. Gerade der letzte Punkt wird in herkömmlichen Therapien vernachlässigt und von schulmedizinischer Seite zuweilen kritisiert. Für Romy hingegen liegt gerade hier der Schlüssel zur Genesung.

 

Seit ihrer ersten Begegnung mit den Esssüchtigen sind acht Jahre vergangen. Sie hat ihr Studium zu Ende gebracht und seit einigen Jahren einen Freund, mit dem sie sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Vor anderthalb Jahren hatte sie ihren letzten Rückfall, davor war sie fünf Jahre lang clean. Eine ziemlich gute Bilanz, eigentlich. Doch noch immer lebt sie nach dem „Nur für heute“-Prinzip – an eine endgültige Heilung glaubt sie nicht. „Meine Krankheit ist eine Krankheit des Vergessens. Davon, wie schlecht es mir ging“, sagt sie. Und weil sie, um abstinent zu bleiben, nicht vergessen darf, geht sie nach wie vor drei Mal die Woche zu den Meetings. Ihren Tag beginnt sie mit Meditation, dann telefoniert sie mit ihrer Sponsorin und danach mit Menschen, die sie jetzt selbst als Sponsorin unterstützt. Von denen hatte sie zeitweise bis zu fünf Stück. Zu den „Werkzeugen“ des Programms gehören außerdem noch das Lesen von entsprechenden Büchern und das Aufschreiben der eigenen Gedanken. „Ich weiß, ich investiere viel Zeit ins Programm“, sagt Romy und steckt sich das letzte Stück Broccoli in den Mund. „Aber verglichen mit der Zeit und Energie, die ich für meine Sucht aufbringen musste, ist das ein Witz. Das alles gibt meinem Leben Struktur und einen Sinn. Und damit helfe ich mir letzten Endes selbst.“

 

Falls auch Du ein Problem mit zwanghaftem Essen hast, dann findest du hier und hier und hier Hilfe.

Und noch ein Hinweis: Romys Geschichte stellt nur ein Einzelschicksal dar und steht nicht exemplarisch für andere Mitglieder der Anonymen Esssüchtigen.

 

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