Magersüchtige Jungs? Gibt's das überhaupt?

Natürlich, auch wenn das keiner glaubt. Aber unser Autor war einer davon.
Von anonym*
Foto: Olenka Kotyk / Unsplash

Sonntag, 12:30 Uhr. Ein schöner, milder Sommertag im Jahr 2013, die Sonne scheint. Ich sitze mit zwei Freunden in einem Café, wir sind zum Brunch verabredet. Ich habe mich lange darauf vorbereitet, habe gestern extra länger Sport gemacht, mir gut zugeredet, Ängste beiseite geschoben – und doch sitze ich hier, in diesem süßen, kleinen Café, starre das Croissant auf meinem Teller an und merke, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln. Meine beiden Freunde lachen, essen, haben Spaß. Und ich? Ich hatte mir vorgenommen, heute ganz normal zu sein – und bekomme es mal wieder nicht hin. Ich habe Angst. Angst davor zu essen, zuzunehmen, dick zu werden, mehr zu werden. Die Tränen laufen mir die Wangen runter, ich höre meine Freunde nicht mehr, mein Hals schnürt sich zu. 

Ich war nie übergewichtig, ein normaler Junge, vielleicht etwas faul. Mein Gewicht lag mit 70 Kilogramm bei einer Größe von 1,83 Meter im grünen Bereich. Und doch kam mit der Pubertät eine Unzufriedenheit, mit mir, mit meinem Körper, und überhaupt. Als ich mich dann von meiner ersten (und letzten) Freundin trennte, musste irgendwas passieren – und zwar mit mir, so glaubte ich. Ich war eher der Typ, der mitlief, der im Schatten seines besten Freundes stand, den man mochte, aber eben auch nicht mehr. Ich wollte aber mehr – und ich wollte Veränderung. Deshalb lag es für mich nah, das zu ändern, worauf ich am meisten Einfluss hatte: meinen Körper. Ich begann eine Diät. Ein 16-jähriger Junge, mitten in der Pubertät, begann eine Diät.

Ich fing an, Sport zu machen, mich gesünder zu ernähren, bestimmte Lebensmittel aus meinem Ernährungsplan zu streichen – und erste Erfolge, zumindest hielt ich sie damals für solche, zeigten sich. Schulfreunde, Bekannte, mein Umfeld sprachen mich darauf an: „Wow, du hast abgenommen!“ – „Steht dir gut.“ – „Du sieht echt fit aus.“

Ich weiß noch, wie sehr mir das gefiel. Ihr Lob, ihre Anerkennung – ihre Aufmerksamkeit? Es motivierte mich, weiterzumachen. Und das tat ich. Die Liste der Lebensmittel, die ich als böse kategorisierte, wuchs: Neben relativ offensichtlichen Dingen wie Fastfood und Süßigkeiten kamen nun auch Dinge wie Butter, Sahne, Käse und Öl hinzu. Ich reduzierte drei Mahlzeiten auf zwei, trank Kaffee nur noch schwarz, ging vor der Schule laufen, nach der Schule schwimmen...

Magersucht ist für viele eine vornehmlich weibliche Erkrankung

Die Reaktionen veränderten sich. Auf einmal war da Besorgnis in den Stimmen der anderen: „Du siehst nicht gesund aus“ – „Du bist viel zu dünn für einen Jungen.“ Aber wirklich geändert hat es nichts, mich vielleicht sogar noch eher angespornt. Heute frage ich mich, ob das etwas damit zu tun hat, dass ich ein Mann bin. Denn Anorexie, Magersucht, scheint in den Köpfen vieler als eine vornehmlich weibliche Erkrankung verankert zu sein: die dünnen Ballerina-Mädchen, die knochigen Schauspielerinnen, die klapprigen Models – kennt man. Aber dünne Jungs? Magersüchtige Männer? Gibt’s sowas denn überhaupt? Das war auch für mich damals eine berechtigte Frage: Gibt es denn Magersucht bei Jungs? Kann ein Junge überhaupt an dieser Krankheit leiden? Ist das nicht was Weibliches? 

Natürlich gibt es das. Eine repräsentative Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland zeigt: 1,5 Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer leiden unter einer Essstörung. 0,3 Prozent der Männer leiden an Anorexie. Das mag nach wenig klingen, aber das macht es für die Betroffenen nicht besser. Es gibt sie, die dünnen Jungs, und ich war einer von ihnen.

Als ich dann mit 18 meine Heimatstadt verließ und in die große, weite Welt – in meinem Fall Leipzig – zog, dachte ich, alles im Griff zu haben. Ich war mit etwa 64 Kilo immer noch ziemlich dünn, wahrscheinlich zu dünn, aber hatte ganz andere Sorgen. Neue Stadt, neue Freunde, auf eigenen Beinen stehen. Da war wenig Zeit, sich Gedanken über meinen Körper zu machen, denn da war auf einmal soviel Neues. Zumindest anfangs. Irgendwann schlich er sich wieder in mein Leben, der Trott, der Alltag. Ich fing an zu zweifeln: An mir, an meinem Studium. War unsicher, hatte eine undefinierbare Angst in mir und mochte das, was ich im Spiegel sah, gar nicht mehr: einen jungen Mann, unförmig, zu dick, zu viel. 

Heute weiß ich, dass ich die Ängste, die ich damals spürte, einfach gegen mich gerichtet habe. War anscheinend das Einfachste. Alte Gewohnheiten, die mich immer noch leise und heimlich begleiteten, wurden stärker, schlimmer: Sport, viel, viel Sport, jeden Tag. Nur noch Obst und Gemüse, und das höchstens zweimal täglich. Seltsame Rituale etablierten sich: Freitags darfst du nicht essen, du musst abends beim Ausgehen dünn aussehen. Dein Essen darf nicht in Berührung mit anderem Essen kommen. Die Gefäße, in denen du dein Essen zubereitest, dürfen nicht mit anderem Essen in Berührung kommen. Total absurd, aber meine Gedanken kreisten wahrscheinlich zu 90 Prozent des Tages um das, was ich eigentlich meiden wollte: Essen.

 

Mein Freund machte sich damals Sorgen. Er bekam natürlich alles, oder zumindest das meiste, mit, wusste es aber vielleicht nicht einzuordnen. Ich vermute, dass das auch etwas damit zu tun hat, dass man wenig über Jungen und Männer mit Essstörungen hört, liest und sieht. Wenn man Magersucht online sucht, stößt man zumeist auf Berichte und Einträge von weiblichen Betroffenen – natürlich fühlt man sich dann allein und unverstanden.

 

Andere Leistungen, die mich hätten stolz machen können, spielten keine Rolle

 

Die Krankheit gab mir damals auf gewisse Art ein gutes Gefühl. Heute schäme ich mich für diese Gedanken, aber damals fühlte sich das irgendwie erhaben an. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas besonders gut kann, ein Talent habe – und zwar, nicht zu essen. Andererseits war da auch dieser Selbsthass gegen mich, gegen meinen Körper. Ich war nur dann wertvoll, wenn ich mein Gewicht kontrollieren konnte. Nur das gab mir ein Minimum an Selbstwertgefühl. Andere Leistungen, die mich hätten stolz machen können wie zum Beispiel gemeisterte Prüfungen oder ähnliches, spielten keine Rolle, waren für mich nichts wert. 

 

Wenn ich ein selbst gesetztes Ziel erreicht hatte, hielt die Zufriedenheit darüber nur für den Moment. Es musste jetzt noch weniger werden. Als die Waage 60 Kilogramm zeigte, musste die sechs vorne weg. Als sie 59 Kilo zeigte, mussten es 58 werden. Und so weiter. Ich bewegte mich in einem Kreis, aus dem ich mit eigener Kraft nicht mehr ausbrechen konnte. Da war kaum Platz für etwas anderes – und ein Teil von mir wollte das damals nicht mehr. Ich wollte wieder ein normales Leben. Doch der Teil war anscheinend noch zu klein.

 

Bis zu diesem Sonntag im Café vor vier Jahren. Auf einmal war alles zu viel. Ein Psychologe hätte wohl gesagt, der Leidensdruck sei zu hoch. Und plötzlich wusste ich: Ich habe das nicht unter Kontrolle. Das hat mich unter Kontrolle. Die Krankheit hat mich unter Kontrolle. 

 

Ich sehe doch gar nicht krank aus, ich bin doch gar nicht zu dünn

 

Auf einmal brach alles zusammen. Krankheit. Magersucht ist eine Krankheit. Und ich bin krank. Das zu denken, zu sagen, zu wissen, war wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Dann ging alles irgendwie sehr schnell, wie fremdgesteuert. Mein Freund besorgte mir einen Termin bei einer Psychologin. Ich war damals stark untergewichtig, habe kaum noch gegessen – und trotzdem war das, was ich im Spiegel sah, zu dick, zu viel, zu unförmig. Und dann will sie, dass ich drei Monate stationär in eine psychosomatische Klinik gehe. Warum? Ich sehe doch gar nicht krank aus, ich bin doch gar nicht zu dünn. Heute weiß ich, dass das, was ich damals im Spiegel gesehen habe, nicht ich war. Denn das gehört zu der Krankheit dazu: Körperschemastörungen.

 

Und dann war ich im Krankenhaus. Ich erinnere mich an meinen ersten Tag: Verheult, ängstlich, unsicher stehe ich mit meinem Koffer auf dem Stationsflur, mit einem Ziel. Einem Ziel, das sich für viele wahrscheinlich ziemlich lächerlich anhört, aber: Ich wollte nach den drei Monaten ein Eis essen. Ohne Reue und böse Gedanken.

 

Die drei Monate waren die Hölle für mich, wirklich. Ein Essvertrag, an den ich mich halten musste, genaues Protokollieren aller Mahlzeiten, inklusive der damit verbundenen Gedanken, Einzel- und Gruppensitzungen, genaue Esszeiten, eine Essbegleitung, die während der Mahlzeiten neben mir saß und alles mitschrieb, morgendliches Wiegen, Sport-Verbot. Das tat alles weh. Aber eigentlich tat es nicht mir weh, sondern der Krankheit, die verzweifelt versuchte, dagegen anzukämpfen. 

 

Ich war damals der einzige männliche Patient mit Anorexie, alle anderen Patientinnen waren junge Frauen. Das hat es für mich nicht leichter gemacht, ich habe mich viel eher Fehl am Platz gefühlt, wie ein Sonderling. Natürlich konnte ich mit ihnen über Gemeinsamkeiten reden und die Schwierigkeiten, die wir auf unserem Weg teilten, aber Dinge, die mich eigentlich beschäftigten, konnte ich nicht ansprechen: Wie ich als junger Mann mit einer Essstörung wahrgenommen werde, welche Auswirkungen das auf meine Sexualität hat, wie ich mit anderen Menschen darüber spreche. Viele waren erstaunt, als sie bemerkten, dass es eben nicht nur ausschließlich Frauen auf der Station waren. Der dünne Junge, die kleine Sensation auf der Station. Das fühlte sich nicht schön an. Ich war allein.

 

Wir leben in einer Welt, in der uns der perfekte Körper vom nächsten Werbeplakat anlächelt 

 

Und doch kam irgendwann der Tag: Ich wurde entlassen und stolperte wieder in meinen Alltag. Motiviert, mit allerlei Tipps und neuen Verhaltensweisen, aber auch mit einer großen Portion Unsicherheit. Doch, wie in der Klinik empfohlen, machte ich weiter, ging zu einer Therapeutin, die ich gehasst habe, lief einmal wöchentlich in die Arztpraxis um die Ecke zum Wiegen, protokollierte weiterhin brav, was ich wann gegessen und wie ich mich dabei gefühlt habe. Ich nahm das alles in Kauf, weil ich wusste und weiß, wohin ich nicht wieder zurück möchte. Auch heute arbeite ich noch an mir. Jeden Tag aufs Neue.

 

Mein Verhältnis zum Essen ist wahrscheinlich noch immer nicht normal. Ich habe noch immer vor einigen Lebensmitteln, besonders vor fettigen, Angst, habe ab und an ein schlechtes Gewissen nach dem Essen, sehe mich manchmal ganz anders im Spiegel. Doch der Unterschied zu früher: Ich erkenne es. Ich lerne – langsam, Schritt für Schritt.

 

Es gibt sie, die zu dünnen Jungs, die zu dünnen Männer. Magersucht macht auch vor dem männlichen Geschlecht nicht halt. Und wen wundert das? Schließlich leben wir in einer Welt, in der uns der perfekte Körper vom nächsten Werbeplakat anlächelt, in der Dünnsein mit Fleiß und Erfolg verbunden wird.

 

Es gibt ihn, den Weg aus der Essstörung

 

Und das ist meine Geschichte. Es gibt ihn nicht, den klassischen Krankheitsverlauf. Jeder nimmt diese Krankheit anders wahr, hat andere Beweggründe, Auslöser, erlebt sie in anderen Ausmaßen. Ich teile meine Geschichte, weil ich der Meinung bin, dass Magersucht und Essstörungen allgemein auch ein männliches Thema sind, über das man sprechen muss. Nur weil eine Krankheit größtenteils im gesellschaftlichen Kontext als eine weibliche gilt, heißt das nicht, dass nicht auch Menschen anderer Geschlechter darunter leiden.

 

Ich weiß noch genau, wie schwierig es für mich war, mir einzugestehen, dass ich als junger Mann an Anorexie leide. Doch zu wissen, dass man nicht allein ist, dass es Menschen gibt, denen es so oder so ähnlich ging wie einem selbst, dass andere es geschafft haben – und man selbst es auch schaffen kann, ist hilfreich und wichtig. Denn es gibt ihn, den Weg aus der Essstörung. Er ist schmerzhaft, eine furchtbare Tortur, bei jedem anders. Aber es gibt ihn.

 

Die Websites www.bzga-essstoerungen.de und www.anad.de bieten Informationen und Hilfsangebote für Menschen, die an einer Essstörung leiden, und deren Angehörige. 

 

* Die überwundene Essstörtung ist Teil der Vergangenheit unseres Autors, nicht seiner Gegenwart. Deshalb möchte er anonym bleiben. Sein Name ist der Redaktion bekannt.

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