„Ich finde die meisten Geschichten über weiße cis hetero Leute extrem langweilig“

Hengameh Yaghoobifarah, 30 Jahre alt, schreibt im Debütroman über Liebe unter Schwestern, rechtsextreme Gewalt und queere Normalitäten in Berlin.
Foto: Tarek Mohamed Mawad

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Nasrin und Nushin sind Schwestern – und füreinander die wichtigsten Menschen. Gemeinsam haben sie als Kinder die Flucht aus Iran nach Deutschland durchgestanden, als Volljährige den Umzug von Lübeck nach Berlin. Als Nushin bei einem Autounfall stirbt, ist sich Nasrin sicher: Das war Selbstmord. Verzweifelt sucht sie nach Hinweisen, die ihre Schwester hinterlassen haben könnte. Der Debütroman „Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah erzählt von tiefer Geschwisterliebe, genauso aber von rechtsextremer Gewalt und sexualisiertem Missbrauch, von der Kraft, die Freundschaften haben und davon, dass in Deutschland nicht alle Menschen die gleichen Chancen haben, auch im Jahr 2020 nicht. 

Im Interview per Videocall  erzählt Hengameh, 30 Jahre alt, warum es im Buch um Geschwisterliebe geht, wieso Rechtxextremismus im Buch eine Konstante sein musste – und warum Hengameh die Frage, ob der Roman auch autobiographisch sein könnte, nicht mehr hören kann.   

jetzt: Du hast wie die Protagonistin deines Romans auch eine kleine Schwester – ist eure Beziehung ein Vorbild für die zwischen Nasrin und Nushin? 

Hengameh Yaghoobifarah: Ich würde die Beziehungen nicht vergleichen – weder ist Nasrin mir besonders ähnlich, noch Nushin meiner Schwester. Wichtig ist mir, dass die beiden einen sehr starken Bond haben, dadurch, dass sie gemeinsam so viele krasse Erfahrungen durchgestanden haben. Die Identität der beiden baut aufeinander auf. Beim Ortswechsel von Iran nach Deutschland, beim Umzug von Lübeck nach Berlin – sie haben einander immer Halt gegeben. 

Wieso ein Buch über diese bedingungslose Liebe zwischen Schwestern? 

Ich finde die Beziehung zwischen Geschwistern super interessant. Sie wird aber nicht so oft thematisiert wie romantische Beziehungen oder die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. Ich habe vor ein paar Jahren den Kurzgeschichten-Band „Difficult Women“ von Roxane Gay gelesen. Die erste Geschichte handelt von zwei Schwestern, die eine Missbrauchs-Situation überlebt haben. Dieses Gefühl zwischen den beiden Schwestern wollte ich selbst literarisch erforschen. Geschwister und Wahlfamilie spielen in queeren Lebensrealitäten außerdem eine ganz andere Rolle als bei hetero Menschen. Wenn man sich in heteronormative Strukturen nicht einordnen kann, sind Geschwister und Freund*innen viel wichtiger. 

Schaut man nur auf äußere Merkmale, bist du Nasrin ähnlich: Ihr habt beide Migrationsgeschichte, seid queer, lebt in Berlin. Sie sagt einmal den Satz: „Ich weiß nichtmal so genau, ob ich eine Frau bin.“ Wie viel Hengameh steckt in ihr drin? 

All diese Dinge haben wir zwar gemeinsam – aber das sind nicht die Dinge, die Nasrin konkret ausmachen, genauso wenig wie mich. Diese migrantische, queere und in der Großstadt lebende Perspektive ist die Linse, durch die ich die Welt betrachte. Das sind die Realitäten, mit denen ich mich besser auskenne. Manche denken, das sei eine sehr seltene Kombination – dabei kenne ich in Berlin Hunderte Menschen, die genau diese Mischung an Identitätsmerkmalen haben. Das ist nicht selten, es wird nur selten abgebildet. Mir ist es wichtig, dass das in der Literatur auftaucht. 

„Die Dimension, die rechtsextreme Gewalt im Roman hat, hat sich während des Schreibens ergeben“

Die meisten Bücher werden dagegen aus einer weißen, heteronormativen Perspektive geschrieben. 

Ja, und ich finde die meisten Geschichten über weiße cis hetero Leute extrem langweilig. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, zum Beispiel „Das Leben ist eines der härtesten“ von Giulia Becker. Wenn weiße cis hetero Autoren irgendwas schreiben, ist ihr Blick auf die Welt dabei genauso ihr ganz spezieller Blick – allein, wenn man darauf achtet, wie sie Frauen beschreiben, nämlich meist sexualisiert. Aber sie tun so, als sei das ein universaler Blick, sie gestehen sich das nicht ein. 

In deinem Buch kommen cis Männer kaum vor – Zufall oder Absicht?

Das ist eine Generations-Sache. Die Protagonistin ist eine Mittvierziger-Lesbe – die hat mit cis Männern nicht viel zu tun.  

Rechtsextreme Gewalt zieht sich durch die ganze Geschichte. Die Protagonist*innen machen schon früh Erfahrungen mit Rassismus, auch mit rechter Gewalt. Wann war dir klar, dass das eine große Rolle spielen wird? 

Die Dimension, die rechtsextreme Gewalt im Roman letztlich hat, hat sich während des Schreibens ergeben. Die Protagonistin ist 44 Jahre alt, sie hat die Baseballschläger-Jahre in den Neunzigern erlebt, aber später auch das, was wir als sogenannte Neue Rechte beschreiben. Das fand ich als Kontinuität spannend. 

„Ich wollte zeigen, wen sexualisierte Gewalt besonders trifft“

Die Art, wie die Polizei Nushins Familie umgeht und die Tatsache, dass sie nicht in alle Richtungen ermittelt, erinnern an das, was die Hinterbliebenen der NSU-Opfer erzählen und auch an Erfahrungen, die die Familien der Opfer des Anschlags in Hanau berichten. 

Ja, total. Die Verdächtigung von Angehörigen ist etwas, das öfter stattfindet, wenn es um rechte Gewalt geht. Deswegen hatte ich keine Alternative zu der Darstellung der Polizei, die ich gewählt habe. Das klingt pessimistisch – aber es ist eben so. Ich war noch nicht fertig mit Schreiben, als der Anschlag in Hanau passiert ist. Der Umgang mit und der Diskurs zu Hanau haben alles, was ich auch im Buch aufgeschrieben habe, bestätigt. Es hat mir gezeigt, dass ich mir nichts einbilde. Wie die Familien in Hanau recherchieren die Protagonist*innen in meinem Buch auf eigene Faust. Ich habe mich auch deswegen entschieden, den Fall nicht komplett aufzulösen. Es ist eine Realität vieler Betroffener rechter Gewalt, auch heute noch, dass man damit klarkommen muss, nicht alles zu wissen. So ist das, wenn man ohne Hilfe der Polizei recherchiert. 

Wieso spielt der Roman in Lübeck? 

Lübeck ist eine pittoreske Stadt, ein Urlaubsziel – und gleichzeitig ist es die Stadt, in der es vor 25 Jahren einen rassistischen Brandanschlag auf ein Asylbewerber*innenheim in der Hafenstraße gab, der bis heute nicht aufgeklärt wurde. Dabei sind zehn Menschen gestorben. Familienangehörige von mir sind wenige Zeit nach diesem Anschlag selbst in ein Heim für Asylbewerber*innen gar nicht weit weg vom Anschlagsort gezogen. Rechtsextreme Gewalt ist in Lübeck sehr präsent. 

Nasrin wird sexuell missbraucht, als sie zwölf ist. Im Verlauf des Romans wird deutlich, wie traumatisierend das für sie auch mit 44 Jahren noch ist. Wieso ist dieser Handlungsstrang wichtig für dich? 

Ich wollte zeigen, wen sexualisierte Gewalt besonders trifft. Ich denke, dass es typisch ist, von Erwachsenen ausgenutzt zu werden, wenn du in der Lebenssituation der Schwestern bist: Wenn du ein bisschen verwahrlost, viel alleine draußen unterwegs und in der Position bist, dass dir nicht geglaubt wird – dann bist du strukturell besonders verletzlich. Das wissen Täter*innen auch. Sexualisierte Gewalt gibt es in allen sozialen Milieus, dennoch gibt es unterschiedliche Konsequenzen für Täter*innen. Es ging nicht nur darum, wie böse der Typ ist, sondern darum, wie wenig Schutz diese Figur bekommt. Es zeigt, dass die fahrlässige mangelhafte Aufklärung rechter Verbrechen kein individuelles Schicksal, sondern ein strukturelles Problem ist.

  

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