Diese Bücher von Schwarzen Frauen solltest du lesen

Immer nur Böll, Schiller oder Orwell? Wie wäre es mal mit Zadie Smith?
Von Franziska Setare Koohestani
autorinnen adichie smith otoo cover

Fotos: Paul Zinken / Arne Dedert / Hendrik Schmidt / dpa / picture alliance

Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann, Charles Baudelaire, Marcel Proust, William Shakespeare, James Joyce. Die Liste von Autoren, deren Werke man unbedingt mal gelesen haben sollte, wenn man als gebildet gelten möchte, ist lang – aber auch überwiegend weiß und männlich. In Bildungsinstitutionen wie der Schule oder auch an der Universität ist es eher die Ausnahme, Bücher zu lesen, die von Frauen – geschweige denn Schwarzen Frauen – verfasst wurden. Das, was als literarischer Kanon gilt, ist eine Zusammenstellung von Werken, die eine Gesellschaft als wertvoll befindet. Dieser Kanon ist zwar nicht eindeutig zu bestimmen, in Sachen Autor*innenschaft trotzdem meist auffällig unausgewogen. Das ist schade und sollte sich in Zukunft ändern. Schließlich gibt es viele Menschen abseits dieser impliziten Kanon-Norm, die vielfältige, kluge, packende, relevante und zurecht preisgekönte Romane schreiben. Gerade auch in der Gegenwartsliteratur. Hier sind drei neuere Romane von Schwarzen Autorinnen, die du unbedingt lesen solltest: 

„Von der Schönheit“ von Zadie Smith

Der Roman

In „Von der Schönheit“ geht es um zwei Familien: Die Belseys und die Kipps. Die jeweiligen Familienväter sind konkurrierende Kunsthistoriker. Der eine, Howard Belsey, ist weiß und mit einer Schwarzen Frau verheiratet, politisch-progressiv, arbeitet mäßig erfolgreich als Professor an einer US-amerikanischen Universität. Der andere, Monty Kipps, ist konservativ, tiefgläubiger Christ, populärwissenschaftlich gefeiert und Schwarz. An diesen beiden Kontrahenten spannt sich eine Geschichte auf, in der es glücklicherweise nicht andauernd um besagte Professoren-Patriarchen geht, sondern um alle Perspektiven der jeweiligen Familienmitglieder. Zu Anfang der Geschichte wäre da zum Beispiel Jerome, Howards ältester Sohn, der sich zu dessen Entsetzen in Victoria, die wunderschöne Tochter seines Kontrahenten Kipps, verliebt. Und Jeromes Schwester Zora, die zuweilen mit ihrem Äußeren hadert, dafür aber zu jeder Gelegenheit selbstbewusst ihren Intellekt raushängen lässt. Oder Mutter Kiki Belsey, feministisch und laut. Auf der anderen Seite Carlene Kipps, Montys Ehefrau, scheu und geheimnisvoll.

Zwar braucht man etwas Zeit, um in die Geschichte hineinzufinden – immerhin hat Zadie Smith an den ersten zwanzig Seiten zwei Jahre lang geschrieben – aber schon bald versinkt man als Leser*in darin. Denn die kulturellen, ideologischen, intellektuellen und persönlichen Grabenkämpfe beschreibt Zadie Smith so treffsicher, spannend und komisch – manchmal möchte man applaudieren. Eine Stärke ist dabei, dass die Figuren trotz der Tiefe nicht seziert werden, sie dürfen ihre Geheimnisse haben. Besonders herausragend ist ein Kapitel, das aus der Perspektive einer Nebenfigur geschrieben ist: einer Erstsemester-Studentin der Kunstgeschichte. Sie ist klug und motiviert, aber auch enorm eingeschüchtert vom geballten intellektuellen Gehabe in den Uni-Seminaren. Mindestens diese Kapitel sollte wirklich jeder junge Mensch lesen, der frisch und hoffnungsvoll ins Studium startet – und sich anfangs dann doch wie ein Alien fühlt.

Die Autorin

Als Jugendliche wollte Zadie Smith Musicaldarstellerin werden. Dann begann sie ein Studium der Englischen Literatur in London, trat nebenbei als Jazzsängerin auf, um es sich zu finanzieren. Sie überlegte, Journalistin zu werden, doch ihre berufliche Zukunft deutete schon bald recht deutlich in eine Richtung: Schriftstellerin. Mit gerade mal 21 Jahren (!) schrieb Zadie Smith ihren Debutroman „Zähne zeigen“ – der prompt zum internationalen Bestseller wurde. Aber der Hype um ihr Debut führte bei Smith erst einmal zu einer Schreibblockade, die sie glücklicherweise bald überwinden konnte. Mittlerweile ist sie 44 jahre alt und hat sechs Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und Non-Fiction-Essays über Literatur, Politik, Kunst und Musik (sie ist bekennender Jay Z-Fan) veröffentlicht. Außerdem hat Zadie Smith bereits an der Columbia und der Harvard University Literatur unterrichtet. In ihren Geschichten geht es meist um Identität, Zugehörigkeit, Religion, Freundschaft – und Liebe. Zadie Smith ist in einem Arbeiter*innen-Viertel im Norden Londons aufgewachsen und bringt in ihre Bücher immer wieder persönliche Erfahrungen ein. Doch man kann sie nie explizit herauslesen, es finden sich nur hier und da Spuren ihrer eigenen Herkunft, zum Beispiel in den Schauplätzen und sozialen Positionen ihrer Charaktere und den Konflikten, die daraus entstehen.

„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie 

Der Roman

In „Americanah“ geht es um die junge, zielstrebige Ifemelu aus Nigeria, die in die USA auswandert und in Princeton studiert. Der Roman beginnt bereits mit einer schlichten, aber vielsagenden Ortsbeschreibung: „Princeton im Sommer roch nach gar nichts.“ Ifemelu hadert mit ihrem neuen Zuhause. In der Elite-Akademiker*innen-Welt Princetons ist alles steril und weiß und rassistisch. Also beginnt sie, einen Blog zu schreiben. Der Titel: „Raceteenth oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“. Die in den Roman eingearbeiteten Blogeinträge verstärken die gesellschaftspolitische Metaebene der Erzählung: Es geht darin explizit um Identität, Rassismus und Privilegien.

Besonders einprägsam und metaphorisch aufgeladen sind die Teile, in denen es um Afro-Haare geht. Zum Beispiel, weil Ifemelu ein Fan von Michelle Obama ist, die bekanntlich meist glatte Haare trägt. Dass das aber nicht „natürlich“ so glatt wächst, musste sie einer weißen Freundin erst erklären. „Nein, ich bin keine Malerin, Dichterin oder Sängerin. Auch keine Erdmutter. Ich will mein Haar nur nicht entkrausen lassen – es gibt genug Krebserreger in meinem Leben“, schreibt Ifemelu in ihrem Blog. Für ein Vorstellungsgespräch lässt sie sich einmal gezwungenermaßen die Haare mit sogenanntem „Relaxer“ chemisch glätten. Die Folgen: verätzte Kopfhaut und Haarausfall. Eine schmerzhafte Anpassung.

Obwohl Ifemelu die starke Protagonistin in „Americanah“ ist, handelt die Geschichte auch von ihrer Jugendliebe Obinze, der zwischenzeitlich mit dem Status „illegaler Einwanderer“ in London lebt. Und davon, wie sich die Wege der beiden immer wieder (mal zum falschen, mal zum richtigen Zeitpunkt) kreuzen. Es geht also in allererster Linie um Liebe, aber auch um Heimat, Entfremdung und Identität. Wer nun neugierig geworden ist: Adichie hat kürzlich auf ihrem Instagram-Account Videos hochgeladen, in denen sie aus ihrem Roman vorliest

Die Autorin

Von Chimamanda Ngozi Adichie haben vermutlich auch viele etwas gehört, die noch nie etwas von ihr gelesen haben – durch Beyoncés Track „Flawless“. Darin wurde ein Auszug aus Adichies Ted-Talk „We should all be feminists“ gesampelt. Adichie selbst war jedoch nicht unbedingt begeistert von der Art der medialen Aufmerksamkeit, die ihr das Sample bescherte. Sie habe für Beyoncés Verwendung zwar vorab ihr Okay gegeben, wolle aber weiterhin lieber als Autorin bekannt sein. Denn immerhin gehört Chimamanda Ngozi Adichie, 42, zu den wichtigsten Schriftstellerinnen weltweit – und hat bereits zahlreiche Auszeichnungen für ihre Werke bekommen.

In ihrem Geburtsland Nigeria begann sie zunächst auf Wunsch der Eltern, Pharmazie und Medizin zu studieren. Mit 19 zog sie dann in die USA und schloss dort ein Studium der Kommunikations- und Politikwissenschaften und Afrikanistik ab. Dort stellte sie erstaunt fest, wie wenig die US-Amerikaner*innen über Afrika wissen und wie klischeebehaftet ihre Vorstellungen meist sind. Ihre Mitbewohnerin ging beispielsweise davon aus, dass Adichie aufgrund ihrer nigerianischen Herkunft automatisch Trommelmusik mochte. Später fanden diese Beobachtungen Einzug in ihre Romane. Heute lebt Adichie zeitweise wieder in der nigerianischen Hauptstadt Lagos und den USA, bei Baltimore. Sie ist eine moderne Feminismus-Ikone, war im vergangenen September auf dem Cover der britischen Vogue und hat einen Eltern-Ratgeber geschrieben: „Liebe Ijeawele. Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden“. Ihre Geschichten sind eindringlich und politisch, aber darin immer auch ein wenig träumerisch und alles andere als steif.

„Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …“ von Sharon Dodua Otoo

Der Roman 

Strenggenommen ist „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …“ eher eine Novelle als ein Roman: nämlich verglichen mit „Americanah“ und „Von der Schönheit“ recht kurz. Otoo erzählt darin eine Geschichte gescheiterter Liebe und ihrer allmählichen Zersetzung. Erzählerin ist eine Schwarze Britin, die in Berlin lebt und deren Beziehung zu ihrem weißen, deutschen Mann in die Brüche geht. Das höfliche Lächeln, von dem im Titel die Rede ist, spürt man im Buch kaum. Die namenlose Protagonistin wirkt laut, aufbrausend, frech und cool. Zum höflichen Lächeln wurde sie erzogen, als einziges Schwarzes Mädchen in einem weißen Vorort Londons – doch sie scheint Widerstand gegen diese Haltung entwickelt zu haben. Hinter einem höflichen Lächeln verbirgt sich schließlich Schmerz, Wut und Trauer. 

Die Trennung von ihrem Mann verändert auch die Beziehung zu ihrer Sista Ama, ihren anderen Freund*innen und zu ihren Kindern, den Zwillingen Ash und Beth. Das daraus entstehende Gefühlschaos wird ironisch-witzig und locker, aber auch auf eine experimentelle Art erzählt: nämlich von hinten nach vorne, also mit dem chronologisch ersten Kapitel endend und dem letzten Kapitel beginnend. Erst nach und nach fügen sich die einzelnen Ereignisse und Figurenkonstellationen zusammen. Das führt manchmal gleichzeitig zu Irritation und Neugier. Eine Stärke des Romans ist außerdem die Fähigkeit der Protagonistin, nachzuspüren und zu reflektieren, wie sie selbst von anderen Menschen in ihrer Umgebung wahrgenommen wird – trotz des selbst diagnostizierten Mangels an Empathie. So stellt sie zum Beispiel fest: „Weiße Menschen sehen mich manchmal so an, als sei ich ihre eigene private Völkerschau. Zurückstarren hilft nicht.“

Die Autorin

Sharon Dodua Otoo ist eine Grenzgängerin. Das merkt man auch an ihren Geschichten. Meistens schreibt sie auf Englisch, seit kurzem auch auf Deutsch. Denn Sharon Dodua Otoos Eltern kommen aus Ghana, aber wanderten nach London aus, wo sie selbst aufgewachsen ist. Als Jugendliche verfasste Otoo vor allem Gedichte und persönliche Geschichten. Später studierte sie Germanistik, kam 2006 nach Berlin, wo sie heute noch mit ihrer Familie lebt. Bevor Sharon Dodua Otoo, 48, ihren Traum verwirklichte und Schriftstellerin wurde, arbeitete sie als Aktivistin gegen Diskriminierung und für Empowerment Schwarzer Menschen. So war sie beispielsweise im Vorstand der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD e.V.)“ und als Projektkoordinatorin bei dem Verein „Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Berlin)“ beschäftigt.

Speziell für die Sichtbarkeit von Schwarzen Menschen setzt sich Sharon Dodua Otoo zudem als Herausgeberin der Reihe „Witnessed“ ein, in der Schwarze Autor*innen von ihren Erfahrungen in Deutschland schreiben. Aber Aktivismus und Kunst sind für Otoo nicht voneinander zu trennen: Auch mit ihrem Schreiben möchte sie auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Damit sieht sie sich selbst in der Tradition von Bertold Brecht, Charles Dickens und Heinrich Böll. 2012 erschien Otoos erste Novelle „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …“. Es folgten „Synchonicity“ und „The Original Story“. Für ihren Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ – eine witzige Erzählung über ein Ehepaar beim Frühstück und ein Ei, das nicht hart werden will – erhielt sie 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 

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