Hugo Boris ist Schriftsteller aus Frankreich – und hatte das Thema seines Romans schon länger auserkoren, als die „Flüchtlingskrise“ alt ist.

Hugo Boris ist Schriftsteller aus Frankreich – und hatte das Thema seines Romans schon länger auserkoren, als die „Flüchtlingskrise“ alt ist.

Foto: JF Paga / Grasset

jetzt: „Die Polizisten“ handelt von drei Pariser Streifenbeamten, die einen Flüchtling, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, zum Flughafen fahren und dabei in einen Gewissenskonflikt geraten. Das Thema ist hochaktuell.

Hugo Boris: Aber ich habe es nicht deswegen gewählt, ich wollte schon lange über die Polizei schreiben, seit 2010 schon. Und zwar über die Streifenbeamten, mir fiel auf, dass die in der Literatur kaum vorkommen; es geht immer um Kriminologen und Ermittler. Dann bin ich in der Vorbereitung auf die Biografie einer Polizistin gestoßen, die sich an die Rückführung eines Rumänen zu Ceaușescu-Zeiten erinnert. Sie wusste, dass die Abschiebung einem Todesurteil gleichkäme und erzählte, wie sie Jahre später noch an den Mann dachte. Das hat mich inspiriert. Das war aber alles vor 2015, bevor so viele Flüchtlinge kamen.

Sie haben zur Vorbereitung für das Buch ein Jahr lang Polizisten bei der Arbeit begleitet. Was haben Sie dabei gelernt?

Ich war überrascht, wie vielseitig die Aufgaben sind: Die Polizisten werden gerufen, wenn ein Kind im Kindergarten nicht abgeholt wird, wenn sich ein bewaffneter Mann verschanzt, oder wenn es nach einem Suizid darum geht, die Angehörigen zu informieren. All das erfordert unterschiedlichstes psychologisches Geschick. Sich jeden Tag auf diese Situation einzustellen, ohne sich davon zu sehr einnehmen zu lassen – wie schwer das ist, war mir nicht klar. Ich könnte und wollte niemals Polizist sein.

„Einer erzählte mir, dass er sich immer genau überlegt, was er anzieht, für den Fall, dass er im Dienst stirbt“

Weil Sie diese Art von innerer Abgrenzung nicht aufbringen könnten?

Ja. Polizisten sehen all das, was wir nicht sehen sollen. Weil es sie gibt, können wir eine Form von Naivität und Zuversicht in Menschen behalten. Eine gewisse Leichtigkeit. Sie sehen in die Abgründe.

Haben Sie Polizisten getroffen, die unter dem leiden, was sie sehen?

Absolut. Zwei Beispiele: Ein Polizist erzählte mir – ganz nebenbei und locker –, dass er sich jeden Tag genau überlegt, was er anzieht und immer gute Unterhosen hat, für den Fall, dass er im Dienst stirbt und auf dem Autopsie-Tisch liegt.

Und das zweite Beispiel?

Ein anderer Polizist erzählte mir, dass er die Erinnerung an einen bestimmten Einsatz nicht loswird: Er sei einmal als erster vor Ort gewesen, nachdem ein Vater im Moment der Wut sein fünfjähriges Kind umgebracht hat. Der Polizist sagte, er könne bis heute die Schreie der Mutter hören und wisse fünf Jahre später noch die Adresse der Familie. Anekdoten wie diese kann sich kein Schriftsteller ausdenken, sowas muss man von echten Menschen erzählt bekommen.

Klingt, als wäre es Ihnen schon um eine Ehrenrettung der Polizei gegangen, nach dem Motto: Seht her, wie schwer die es haben.

Nicht notwendigerweise. Es gibt in Frankreich einen zunehmend liebevollen Blick auf unsere Polizisten. Ich beobachte das seit den Terroranschlägen in der Redaktion von Charlie Hebdo und im Bataclan: Dabei waren die Franzosen immer höchstskeptisch gegenüber der Staatsgewalt und Regeln.

„Die Polizei ist in Frankreich der Berufsstand mit der höchsten Selbstmordrate“

Wie äußert sich die neue Wertschätzung?

Die Leute haben Polizisten nach den Attentaten auf Demos applaudiert, sich bei ihren Beschützern bedankt und sie als Helden gefeiert. So was habe ich wirklich noch nie gesehen! Der Sänger Renaud, der immer so ein Rocker-Rebellen-Image hatte, schrieb sogar ein Lied dazu: Übersetzt heißt es „Ich habe heute einen Bullen umarmt.“

Aber an der traditionellen Ablehnung der Polizei durch viele Junge und Linke hat sich nichts geändert, oder?

Ich, als weißer 38-jähriger Mann der Mittelschicht, wurde noch nie, wirklich nie, von der Polizei kontrolliert. Aber ich kenne Leute, die jedes Mal angehalten werden, aufgrund ihrer Kleidung oder Hautfarbe. So oft bekomme ich mit, wie junge Leute kontrolliert werden, an eine Wand oder ein Auto gestellt werden. Das schockiert mich. Natürlich lässt einen das die Polizei hassen.

Der Roman „Die Polizisten“ erschien kürzlich auch in deutscher Übersetzung.

Der Roman „Die Polizisten“ erschien kürzlich auch in deutscher Übersetzung.

Foto: Ullstein

Aber?

Gleichzeitig fordert auch die Polizei mehr Respekt ein aus den Gründen, die ich oben genannt habe. Es ist ein harter Beruf, einer, in dem man ständig in Frage gestellt, angegangen, sogar verletzt wird. 500 Polizisten werden jeden Monat im Dienst verletzt. Die Suizide unter Polizisten übersteigen bei weitem die Zahl der Todesfälle im Dienst. Die Polizei ist in Frankreich der Berufsstand mit der höchsten Selbstmordrate. Letztlich ist das Problem fehlendes Verständnis füreinander. Ich glaube, Polizisten müssten wachsamer dafür sein, wie sie auf junge Leute wirken und auf Ausländer zugehen. Es bräuchte mehr Maßnahmen, die Vertrauen in die Polizei schaffen.

Auch in Deutschland beklagen immer wieder Polizisten hinter vorgehaltener Hand, es herrsche ein starker Corpsgeist. Schnell gelte man als Gutmensch oder als zu weich. Daraus resultiert vielerorts auch eine schlechte Fehlerkultur: Unter Polizisten verpfeift man sich nicht gegenseitig.

Das ist ein Problem. Die schwarzen Schafe, die es wie überall natürlich bei der Polizei gibt, sind so oft weiterhin noch Ausübende der Staatsgewalt, es macht sich der Eindruck einer Unantastbarkeit breit. Nach dem Motto: Der Polizei kann keiner was. Das ist verheerend! Und wenn tatsächlich mal ein Fehlverhalten herauskommt, strahlt das auf die vielen Polizisten ab, die ihren Beruf respektvoll und korrekt ausüben.

„Die Mehrheit der von mir befragten Schüler wäre für eine Freilassung des Tadschiken“

In Ihrem Buch liest die Polizistin Virginie den Abschiebebescheid des Tadschiken, dadurch erfährt sie, dass er ein Menschenrechtsaktivist ist und dass ihn bei seiner Rückkehr wohl der Tod erwartet.

Was macht man? Lässt man den jetzt frei oder hält man sich an die Anordnung? Ich frage das immer Schüler, wenn ich zu Besuch in einem Lycee bin, was sie an der Stelle der Polizisten tun würden. Es gibt immer eine Mehrheit für die Freilassung des Tadschiken. Es gefällt mir, dass die Jugend so idealistisch handeln würde. Aber es gibt auch immer drei, vier Schüler, die sich melden und sagen: So einfach ist das nicht. Wenn wir von Polizisten in einer Demokratie sprechen, gilt es, das Gesetz zu respektieren. Ob sie wollten oder nicht. Ich respektiere beide Standpunkte.

Können es sich Polizisten – gerade im Falle einer Abschiebung - erlauben, sich mit den genauen Hintergründen eines Falles und mit jeweiligen Einzelschicksalen zu beschäftigten?

Nein, es ist besser, das alles nicht zu wissen. Außerdem: Die Tatsache, dass Virginie den Umschlag öffnet, ist ja schon ein Verstoß gegen die Dienstvorschriften.

Sie meinen, sie handelt gar nicht aus hehren Motiven?

Doch, aber es ist eine Vielzahl von besonderen Umständen, die Virginie dazu bringen, sich überhaupt erstmal für diesen Mann zu interessieren. Sie steht am Vorabend einer Abtreibung, sie ist müde, ihr privates und ihr berufliches Leben haben sich durch eine Affäre mit einem Kollegen vermischt. Sie ist anfällig dafür, Dinge in anderem Licht zu sehen, auch diesen Mann neben ihr im Auto. Hier beschließt sie, ihn zu retten.

Was ist Ihre Meinung? Kann man diesen Job überhaupt machen, wenn man Dinge hinterfragt?

Bei meiner Vorbereitung war ich auch in einer Polizeischule. Der dortige Ausbilder hat mir etwas Hochinteressantes erzählt: In Zeiten der hohen Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen gibt es unter den Polizeianwärtern immer mehr Studenten mit Bachelorabschluss oder sogar höher: Der Ausbilder glaubte, das führe zu einem Managementproblem bei der Polizei, weil es damit zu viele Polizisten geben wird, die sich Fragen stellen. Solche, die wie Virginie den Umschlag öffnen würden. Bei der Post hinterm Schalter oder bei der Bahn ist es ähnlich, da arbeitet jetzt eine Generation an Akademikern, die sich sehr bald Sinnfragen stellen werden. Das ist in Frankreich echt ein Problem.

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