„Ich finde es wichtig, dass krasse Themen besprochen werden dürfen“

In ihrem Debüt-Roman „Kukolka“ schreibt Lana Lux über Heimerziehung, Kindesmissbrauch, Prostitution. Wie hält man das aus?
Interview von Viktoria Klimpfinger

Lana Lux wurde 1986 in der Ukraine geboren und wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin.

Foto: Kat Kaufmann / Aufbau Verlag

Samira wächst in der Ukraine der 90er als Waisenkind auf. Mit sieben haut sie aus ihrem Heim ab und kommt an Rocky, einen schwitzigen und stinkenden Pseudo-Retter. Gemeinsam mit anderen Kindern schickt er sie betteln und klauen, bis sie schließlich auch mit ihm ins Bett gehen soll. Er ist pädophil und missbraucht sie, weil er sie „liebt“ und glaubt, dass sie es auch „will“. Sie ist seine Kukolka, sein Püppchen. Für kurze Zeit scheint Dima, ein junger, schöner Mann, der Lichtblick ihres Lebens zu sein, doch was für sie die große Liebe ist, macht er aus purer Berechnung: Als er sie nach Deutschland bringt, wird ihr Wunschtraum vom Paradies zur Hölle aus brutalen Freiern, Drogen und verstörenden Panikattacken. Mit „Kukolka“ liefert Lana Lux einen heftigen Debütroman ab, der dich packt und verstört zugleich. 

jetzt: Die sexuelle Gewalt, die du in „Kukolka“ schilderst, tut passagenweise schon beim Lesen weh. Auch beim Schreiben?

Lana Lux: Ja, es tat unglaublich weh. Es hat keinen Spaß gemacht. Aber es hat sich so angefühlt, dass es wichtig ist, es aufzuschreiben, und dass es wichtig ist, es auszuhalten. Es nicht auszuhalten hätte sich für mich wie ein Verrat an Samira und den real betroffenen Mädchen und Frauen angefühlt.

Zum Glück erzählst du in „Kukolka“ nicht deine eigene Geschichte. Wie bist du denn auf Samiras Geschichte gekommen?

Die Geschichte ist zu mir gekommen. Ich wollte eigentlich ein Kinderbuch schreiben und war in einem Kinderbuch-Seminar. Da gab es eine Kreativ-Übung mit diversen Kinderfotos, unter anderem auch das berühmte Foto des afghanischen Mädchens mit den grünen Augen, das um die Welt gegangen ist. Natürlich hat es keiner genommen, weil man viel einfacher eine Geschichte in ein Foto projiziert, von dem man den Hintergrund nicht kennt. Aber irgendwie hat mich dieses Foto nicht losgelassen – ich musste es nehmen. Das hört sich jetzt total komisch an, aber diese Geschichte war plötzlich da, mit ganz vielen Details.

Hattest du dich denn davor schon mit den Themen Prostitution oder Menschenhandel beschäftigt?

Ich kannte mich wirklich null aus. Sozusagen der Geschichte folgend habe ich dann angefangen, das zu recherchieren. Da gibt es wahnsinnig viel Material, das einem entgegenschlägt. Ich konnte das nicht mehr loslassen. Das hat mich wirklich bis in meine Träume verfolgt. Auch die Mädchen: wie sie sprechen, was das für Mädchen sind, welche Biografien sie haben. Das passte überraschenderweise exakt dazu, wie die Samira-Figur in meinem Kopf mir das erzählte.  

 

Inwiefern enthält die Geschichte trotzdem autobiografische Details?

Ich musste die Geschichte in meinem Kopf ja mit Leben füllen. Dabei haben auch meine Erfahrungen in der Ukraine eine große Rolle gespielt. Die Heimgeschichte mit seinen peinigenden Strukturen am Anfang ist beispielsweise eins zu eins mein Kindergarten. Außerdem weiß ich von meiner Tante, die dort als Frisörin gearbeitet hat, ein paar Sachen über ukrainische Heime. Sie hat mir zum Beispiel erzählt, dass die Kinder dort immer vor dem Schuleintritt adoptiert werden wollen und den Traum haben, dass alles gut wird. Das habe ich in Samiras Heim übernommen.

 

 

„In dem Moment geht es einfach ganz profan um die Entscheidung: Lass ich mir die Haut abziehen oder esse ich die Suppe?“

 

In Samiras Heim erzählen die Erzieherinnen den Kindern, dass sie alle auf der rechten Seite schlafen müssen, weil sonst das Herz zerquetscht wird. Hast du sowas auch erlebt?

Ja, genau so hatte es meine Erzieherinnen immer wieder gesagt. Und ich war zum Beispiel kein Bettnässerkind und dachte damals genau wie Samira im Buch: Dann sollen die das eben lassen, dann werden sie auch nicht mit kaltem Wasser aus dem Schlauch abgespült. Mein persönliches Problem war, dass ich gezwungen wurde, Sachen aufzuessen, die ich nicht essen wollte. Einmal meinte die Erzieherin, ich solle so lange sitzen bleiben, bis ich die Suppe aufesse. Da sind Stunden vergangen. Dann kam sie und meinte: „Wenn du sie jetzt nicht aufisst, werde ich dich auf den Tisch stellen und dir die Haut abziehen.“ Da habe ich so Angst bekommen, dass ich die Suppe gegessen habe. Ich fand sie so widerlich, dass ich mich erbrechen musste. Also hat sie mich gezwungen, mein Erbrochenes aufzuessen. Im Nachhinein nimmt man das ganz anders wahr. Aus einer Perspektive, in der man weiß, wie die Kinderrechte sind, was kindergerechte Ernährung und Erziehung ist, wie ein kultivierter liebevoller Umgang funktionieren muss etc. In dem Moment geht es einfach ganz profan um die Entscheidung: Lass ich mir die Haut abziehen oder esse ich die Suppe?

 

Kennst du Menschen mit einer ähnlichen Geschichte wie Samira?

Nein. Und ich habe auch ganz bewusst nicht nach ihnen gesucht, weil ich niemanden porträtieren wollte, sondern eine universelle Geschichte schreiben und weil ich in den Dokumentationen gesehen habe, dass die meisten Frauen und Mädchen, denen das passiert ist, sich explizit nicht erkennen lassen wollen. Samira als Charakter und auch ihre Kindheit waren ja für mich schon da. Ich brauchte keine echten Personen mit ihren Gefühlen. Was ich brauchte, waren Fakten.

 

Wie genau bist du an die Fakten rangekommen?

Es gibt wahnsinnig viel Information. Also es reicht, wenn man anfängt zu googeln. Es gibt Aufzeichnungen aus Gerichtsverhandlungen, es gibt eine Handvoll richtig guter Dokumentationen, bei denen auch die Menschenhändler gefilmt werden und sie ihre eigene Sache verteidigen, und die Mädchen selbst ihre Geschichten erzählen. Dann gibt es auch ganz viele schriftliche Dokumente, die das ganze aufdecken und genaue Angaben machen über die Verhältnisse, unter denen die Mädchen festgehalten werden. Diese ganzen Dinge habe ich mir also nicht ausgedacht.

 

„Das kann dem gutbetuchten Mädchen aus Prenzlauer Berg genauso passieren wie Samira“

 

Laufen solche hautnahen Bücher manchmal nicht auch Gefahr, auf die Sensationsgeilheit der Leser anzuspielen?

Ich habe das halt nie so gesehen, weil meine Kindheit in den 90ern in der Ukraine war. Die meisten Szenen dieser schlimmen Dokus um 23 Uhr waren damals wirklich auf den Straßen zu sehen. Zum Beispiel: Der Vater meiner Schulfreundin war ziemlich geschäftstüchtig und hat die neue Freiheit auch genutzt, um Geld zu machen mit Immobilien. Eines Tages lag sein Kopf abgetrennt im Garten. Dass Leute einfach überfallen werden, oder man irgendjemanden kennt, bei dem jemand getötet wurde, das sind Dinge, die an der Tagesordnung waren. Dadurch funktioniert dieser Voyeurismus bei mir gar nicht mehr so richtig, weil diese Sachen ja irgendwie so normal geworden sind.

 

Aber müssen es direkt so krasse Themen wie Kindesmissbrauch oder Zwangsprostitution sein?

Ich finde es wichtig, dass krasse Themen besprochen werden dürfen. Ich finde es wichtig, dass sie interessieren dürfen. Um wach zu sein, um aufgeklärt zu sein, um zu warnen. Nicht, um sich daran aufzugeilen. Diese Loverboy-Sache wie Dima sie bei Samira anwendet zum Beispiel: Das kann dem gutbetuchten Mädchen aus Prenzlauer Berg genauso passieren wie Samira. Dass sie einfach auf einen Typen reinfällt, der total schön ist, eloquent und aufmerksam, und sie mit Geschenken überhäuft. Dann braucht er auch mal dringend ihre Hilfe, also macht sie’s halt eben mit seinem Freund für Geld. Dann macht sie’s noch ein zweites Mal mit einem anderen Freund. Dann gibt’s vielleicht Videos davon und sie will nicht, dass sie ihren Eltern gezeigt werden. Du musst nicht unbedingt von der Straße kommen, damit dir so etwas passiert.

 

Die Männer kommen einem in dem Roman gegenüber Samira wie eine monströse Gewalt vor, die sich durchzieht. Schwingt da auch eine Anklage an die Männerwelt mit?

Mit Sicherheit, aber ich würde mir zu viele Lorbeeren zugestehen, wenn ich behaupte, dass ich das beabsichtigt hätte. Ich arbeite nicht so: Wenn du mir sagst, ich soll einen Text über das Patriarchat schreiben, könnte ich das glaube ich nicht. Ich kann die Sachen gut zeigen, aber ich arbeite keine Theorien in irgendetwas ein. Das ist nicht, wie meine Kunst funktioniert.

 

Im Buch werden Samira und die anderen Mädchen von ihren brutalen Freiern nicht mehr richtig als Menschen behandelt, sondern als Ware. Woran liegt das?

Es gibt halt das Prinzip des Dienstleisters. Je nachdem, welche Dienstleistung das ist, verschwindet der Mensch oft dahinter. Das staffelt sich von oben nach unten: von Menschen, die das freiwillig machen, bis zu denen, die dazu gezwungen werden. Auch bei der sexuellen Dienstleistung gibt es Frauen, die das freiwillig machen. Am anderen Ende gib es aber auch das Mädchen, das noch nicht einmal die Landessprache kennt. Die Männer, die zu einem Mädchen gehen, das die Sprache nicht versteht, dem körperliche Verletzungen anzusehen sind, das offensichtlich auch Schmerzen beim Sex hat, die machen das nicht aus Zufall.

 

„Wenn andere anfangen, eine Person sehr schlecht zu behandeln, glaubt diese oft, dass es rechtens ist“

 

Warum tun sie es dann?

Das wurde mir auch klar durch meine Recherchen. Der Machtfaktor ist da ein ganz besonders starker. Das Problem an der gesamten Sache ist: Wenn andere anfangen, eine Person sehr schlecht zu behandeln, glaubt diese oft, dass es rechtens ist. Das Gefühl, dass man Rechte hat, für die man kämpfen soll – dieses Gefühl ist nicht gottgegeben. Dazu sind Erziehung, Sozialisierung, ein Rechtsstaat und ganz viele andere Sachen nötig. Damit kommen wir nicht auf die Welt.

 

Das kränkelnde System lässt Samira offensichtlich durch den Rost fallen. Wie könnte man Menschen wie ihr helfen?

Die erste Instanz, die das tun kann, sind die Männer, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Sie sollten die Pflicht verspüren zu schauen, ob die Frau das freiwillig macht, ob es ihr gut geht, ob sie volljährig ist. Wenn das alles zutrifft, ist es aus meiner Sicht ja auch vollkommen in Ordnung. Ich bin da überhaupt nicht dogmatisch und verteufle die Prostitution nicht. Wobei der Grat zwischen freiwillig und unfreiwillig oft ganz schmal ist. 

 

Für Samira ist Deutschland das Paradies schlechthin, das dann aber schlussendlich zum Albtraum wird. Du bist ja selbst mit zehn Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Gibt es da Parallelen zu deinen eigenen Erwartungen?

Nein, ich selbst wollte überhaupt nicht nach Deutschland. Für mich war das kein Traumziel, kein erstrebenswertes Land. Ich kam auch wahnsinnig lange nicht über unseren Umzug hinweg. So richtig kam ich erst an, also ich vor acht Jahren nach Berlin gegangen bin.

 

Inwiefern?

Berlin ist halt eine Heimat für Heimatlose. Hier ist jeder irgendwie fremd und irgendwie anders dadurch ist es leichter dazuzugehören. Nur selten fühle ich mich hier fremd. Vor zwei Wochen zum Beispiel, als ich in einer neuen Arztpraxis war. Lana Lux ist ja mein Künstlername. Mein echter Name hört sich ein bisschen wie Tschaikowsky an, nur anders. Und die ältere Ärztin sagte: „Was steht denn da, das kann ich ja gar nicht lesen.“ Und ich meinte: „Weil es zu klein geschrieben ist?“ Und sie: „Nein, weil ich sowas hier nicht lesen kann, weil’s zu kompliziert ist.“ Dann habe ich ihr den Namen vorgesagt und sie meinte dann: „Also das kann ich nicht einmal wiederholen, aber egal. Sind Sie aus Russland?“ Ich: „Nein, Ukraine.“ Sie: „Ist für mich das Gleiche.“ Das ging dann immer weiter, bis sie sagte: „Dafür sprechen Sie aber gut Deutsch.“ Und ich meinte: „Sie auch.“ Das hat sie aber gar nicht verstanden. So etwas ist wirklich furchtbar. Da hatte ich dann einen Flashback an früher als ich im Ruhrgebiet lebte. Die Migrationsgeschichten gehen aber sehr weit auseinander. Es kommt immer darauf an, wo du hinkommst und mit wem, zu welcher Zeit, welche Leute du kennenlernst, welches Glück oder Pech du hast. Bei mir war’s halt beschissen. 

 

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