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Fürchtet euch bitte nicht auch noch vor der arabischen Sprache!

Illustration: Johannes Englmann

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Vor kurzem ging ein Bild von einem Stoffbeutel aus der Berliner U-Bahn durchs Netz, auf dem in arabischen Zeichen stand: "Dieser Text hat keine andere Bedeutung, als diejenigen zu erschrecken, die Angst vor der arabischen Sprache haben." Als ich das Bild sah, war ich für einen kurzen Moment amüsiert, dann nachdenklich. Und dann hatte ich den Drang, darüber zu schreiben. Weil es das da draußen ja wirklich gibt: Leute, die Angst vor der arabischen Sprache haben. Schon, wenn sie nur irgendwo geschrieben steht. Und wohl noch mehr, wenn sie sie gesprochen hören.

Klar: Diese Menschen glauben, die arabische Sprache entweder von Terrorfahnen oder aus Bekennervideos zu kennen. Folglich empfinden sie Angst und Befremden, wenn sie glauben, arabische Schriftzeichen zu sehen. Ich bin mit der arabischen Sprache aufgewachsen. Und wenn man das ist, dann ist sie der Inbegriff bildhafter Romantik – und manchmal auch einen ordentlichen Hauch zu kitschig. Aber gefährlich? Kommt schon! Wenn ein Araber dir "Guten Morgen" sagt, sagt er nicht "Guten Morgen", sondern wünscht dir "Einen Morgen voller frisch aufgeschlagener Sahne" oder einen "Morgen voller Jasminblüten" – oder etwas anderes, was gut riecht und eine Menge Kalorien hat.

Die meisten Lieder handeln von der Liebe – al-hub –, aber so einfach machen sich's die Araber nicht, denn es gibt hundert Begriffe für die Liebe. Sie kann leidenschaftlich, unerfüllt, zermürbend oder erfüllend sein – für jede Nuance kramt man in einer der zahlreichen, unerschöpflichen Sprachschubladen. So lange, bis man glaubt, genau die richtige Gefühlslage analysiert zu haben. Liebe ist eben nicht gleich Liebe. Zumindest nicht für die Araber.

Auch außerhalb der Kunst übrigens: Mit Kosenamen wie "Mäuschen" oder "Häschen" würde die Geburtenrate in den arabischen Ländern sofort zurückgehen, stattdessen purzeln Kosenamen wie "Mein Augenlicht" (bitte jetzt nicht an Grup Tekkan denken!) oder "Du Seele meines Herzens" über die Lippen von Liebenden – und zwar ohne beim Gegenüber dabei ein Augenrollen auszulösen, einen schleimigen Nachgeschmack zu hinterlassen oder Misstrauen zu wecken. In Deutschland würde man sich bei so viel Kitsch übergeben. In den arabischen Ländern ist das mittelmäßiger Standard.

Mehr Beispiele aus der arabischen Lyrik, den Liedern oder der Prosa? Die ägyptische Sängerin Umm Kulthum, die 1975 in Kairo starb, war die Diva der arabischen Liebeslyrik. Nicht selten haben Ladenbesitzer das Radio lauter gedreht, wenn Umm Kulthum über eine Stunde lang über die Liebe gesungen hat, begleitet von orientalischer Instrumentalmusik. Gestandene Männer mit Schnauzer hat sie zum Weinen gebracht, erzählt mir meine Oma heute noch. Und seufzt: "Aaah!"

Die arabische Sprache trägt ein flauschiges rosa Kostüm, und ihr dürft sie gerne auch "Mäuschen" nennen

Als die Sängerin starb, versammelten sich mehrere Millionen Trauernde in den Straßen Kairos, um von ihr Abschied zu nehmen. Bis heute lassen ihre Texte kaum jemanden kalt. In ihrem wohl bekanntesten Song "Amal Hayati" (Hoffnung meines Lebens) singt sie: "Ich würde gerne nach Dir rufen, mit einem Wort, mit dem noch nie jemand gerufen wurde. Ein Wort, das all der Liebe, die ich für Dich empfinde, würdig ist. Ein Wort, das meine Sehnsucht, meine Leidenschaft, beschreibt. Ein Wort, das ist wie Du. Aber wie soll das gehen? Jemand wie Du wurde doch noch nicht gar nicht erschaffen. Wenn Du bei mir bist, fällt es mir so schwer zu blinzeln, wenn auch nur für eine Sekunde, denn dann würden Deine Schönheit und Deine Anmut für einen kurzen Moment verschwinden. Lass mich bei Dir sein, im Schoß Deines Herzens!"

Ja, das ist dick aufgetragen. Aber: In der arabischen Sprache funktioniert das. Und wie! Man kauft ihr das ab. Man hört das Leid, leidet mit ihr, wiegt den Kopf und sagt: "Aaaah!"

Das mag sich für viele, die mit der arabischen Sprache eher verschüchterte Frauen und bärtige Männer verbinden, seltsam anhören, aber die arabische Sprache ist schrecklich romantisch. Sie ist dramatisch, überemotional und manchmal, ja manchmal, da trifft sie es auf den Punkt. Was ich eigentlich sagen will, ist: Habt keine Angst vor der arabischen Sprache, sie hört sich laut an, wird teilweise von fiesen Individuen benutzt, aber sie kann nichts dafür. Das Einzige, was man an ihr fürchten muss, ist ihr sahniger Kitsch. 

Hier weiter zu den Menschen, die den großartigen Beutel gemacht haben:

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