"Wer will in so einem Land schon Kinder kriegen?"

Adrit studierte ein paar Jahre in Deutschland, gerade besucht sie aber ihr Heimatland Venezuela. Und kann ihren Augen kaum glauben.
Protokoll von Melanie Wolfmeier
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Eine lange Schlange hat sich in einem Dorf in Venezuela vor einem Geschäft gebildet. Ob sie dort überhaupt etwas ergattern können, wissen die Wartenden nicht.

Foto: Adrit Amado

Adrit Amado kommt aus Venezuela und lebt seit Oktober 2013 in Regensburg. Dort macht sie ihren Master in Romanistik und arbeitet im International Office an der Universität. Adrit erzählt, sie sei ausgewandert, weil es ewig dauern würde, einen Abschluss im krisengeplagten Venezuela zu machen. Zu viele Streiks legten den Betrieb an den Universitäten lahm. Nachdem Adrit nun drei Jahre in Deutschland verbracht hat, hat sie beschlossen, Freunde in Venezuela zu besuchen. Auf ihrer Reise durch ihr Heimatland sieht sie viel – nur nicht mehr das Venezuela, in dem sie aufgewachsen ist.

"Schon 2013 war in Venezuela alles sehr kompliziert. Es war das Jahr, in welchem Hugo Chávez starb und Nicolás Maduro die Wahl des Präsidenten gewann. Die Krise bahnte sich langsam ihren Weg in und durch das Land. Im Dezember 2012 hatte ich bereits meinen Bachelor abgeschlossen, aber wegen des Wahlkampfs von Maduro bekam ich erst im Mai 2013 mein Zeugnis. Als ich Venezuela im Oktober desselben Jahres schließlich verließ, konnte man damals schon kaum noch Klopapier, Zahnpasta, Maismehl oder Zucker finden. Als ich in Regensburg das erste Mal in einem Geschäft stand, habe ich beinahe geweint. Denn dort gab es einfach alles.

Ab 2013 stieg die Inflation unfassbar schnell an. Mein Flug von Merida nach Caracas kostete mich damals 458 Bolivares (aktuell 41,41 Euro; Anm. d. Red.). Heute kann ich mir davon einen Kaugummi kaufen. Venezuela ist ein Erdölstaat, es lebt hauptsächlich vom Ölexport. Seit 2015, also seit der Ölpreis so extrem tief gefallen ist, haben sich die Probleme und Schulden explosionsartig vermehrt. Fast alle Produkte, die man im Alltag braucht, müssen importiert werden. Die schwindenden Einnahmen vom Verkauf von Erdöl und die steigenden Preise für einzuführenden Güter sind der Grund dafür, dass die Regale in den Supermärkten immer leerer wurden.

Jetzt, wo ich zurück bin und mein Heimatland besuche, sehe ich, wie sehr sich die Lage hier verschlimmert hat. Ein Mittagsmenü – Suppe, Hauptgang und ein Getränk – kostet umgerechnet etwa 2,80 Euro. Für die Menschen, die hier im Monat um die 33 Euro verdienen, ist das viel Geld. Deswegen bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich in die langen Schlangen vor den Läden einzureihen. Die Leute brauchen mehr als einen Tag, um Lebensmittel zu kaufen. Außerdem bekommt jeder nur eine bestimmte Ration von der vorhandenen Menge – mehr ist einfach nicht da. Es gibt auch kein Klopapier, keine Binden, keine Seife oder Deos. Überhaupt kann man nur an bestimmten Tagen mit seinem Ausweis einkaufen. Aber was, das zeigt sich immer erst dann, wenn man es in den Laden geschafft hat. Das Problem sind vor allem aber Medikamente: Man bekommt kaum welche und falls doch, sind es oft nicht die, die eigentlich helfen. Auch fehlt es an Verhütungsmitteln. Es gibt weder Kondome noch die Pille. Wenn man als Paar in Venezuela lebt, hat man’s gerade nicht einfach – vor allem, wenn man kein Kind kriegen möchte. Und wer will in so einem Land schon Kinder kriegen? Wo man ein Baby nicht versorgen kann? 

Es gibt Leute, die "Kontakte" haben, und Lebensmittel in großen Mengen scheinbar aus dem Nichts auftreiben. Diese verkaufen sie dann auf der Straße – der Schwarzmarkt profitiert von der Krise. "Bachaqueros" nennt man die Menschen, die illegal ihre Ware verschachern. Was sie verlangen, ist um fast 500 Prozent höher als der von der Regierung festgelegte Preis. 

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Foto: Adrit Amado

Bevor ich von Deutschland aus nach Venezuela geflogen bin, habe ich für meine Freunde und Verwandten Medikamente besorgt. Anstatt um Souvenirs hatten sie mich darüber hinaus darum gebeten, ihnen Deo, Seife und Zahnpasta mitzubringen. Diese Bitte – sie tat mir im Herzen weh. In den letzten Wochen habe ich meine Freunde getroffen, die meisten haben zwischen fünf und acht Kilo abgenommen. Das zu sehen und nichts dagegen tun zu können, macht mich unfassbar traurig. 

Seit einiger Zeit gibt es wegen der Krise einen riesigen Braindrain: Wissenschaftler und Fachkräfte wandern nach Kolumbien, Chile, Argentinien und Mexiko aus, in der Hoffnung, dort ein besseres Leben zu finden. Auch viele Studenten machen sich auf den Weg nach Europa, um dort fertig zu studieren. Das Problem seit diesem Jahr jedoch ist, dass viele Fluggesellschaft nicht mehr nach und von Venezuela wegfliegen. Die Gründe dafür weiß ich nicht – vielleicht hat es aber mit den Gefahren zu tun, die für Reisende so rasch zugenommen haben. Auf meiner bisherigen Reise durch mein Heimatland habe ich gemerkt, dass der Tourismus fast vollständig zusammengebrochen ist.

Die berühmte "Alegría", die Lebensfreude der Südamerikaner, existiert noch. Man kann sie noch finden, in den Straßen der Städte und Dörfer. Dennoch werden die Klagen der Menschen immer lauter, was auch verständlich ist, denn die Leute haben kein Geld, um auszugehen, Urlaub zu machen und so weiter.

Eine weitere Folge der Krise: die steigende Kriminalitätsrate. Caracas gehört zu den gefährlichsten Städten der Welt, hier wird so viel gemordert wie nirgendwo sonst. In den Touristenorten, zu denen ich bisher gereist bin, ist es noch vergleichsweise sicher. Die Leute dort versuchen nämlich – oft ohne die Hilfe vom Staat und der Polizei – die Sicherheit für Reisende auf eigene Faust aufrecht zu halten. Doch in den großen Städten vermeiden die Venezolaner es zunehmend, nachts auf die Straße zu gehen. Dort ist es zu gefährlich. Und ich frage mich: Wie können meine Landsleute dort noch leben? Und vor allem: Wie schaffen sie es, überhaupt zu überleben?"

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