"Du bist Sexarbeiterin, also kannst du vergewaltigt werden"

Eine Sexarbeiterin aus Südafrika über Missbrauch durch die Polizei und den weltweiten Kampf von Prostituierten für Emanzipation.
Interview: Christoph Behrens
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Foto: Open Society Foundations / Sven Torfinn

Das Infobüro im südafrikanischen Durban ist übersät mit Plakaten, Flyern, bunt bedruckten T-Shirts: „Zehn Gründe, Sexarbeit zu entkriminalisieren“, „Only Rights will Stop the Wrong“, „Ärzte für die Dekriminalisierung von Sexarbeit“ steht auf ihnen in großen Buchstaben geschrieben. Auf einem Tisch steht ein großer Topf Kondome, aus dem man sich bedienen kann, daneben ein Berg Broschüren für „Sisonke“, die nationale Sexarbeiter-Bewegung Südafrikas. Die Frau, die sich auf der Straße der südafrikanischen Metropole Durban Mbati Khoza nennt, sitzt am Tisch und isst Popcorn. Vor ihr steht eine Spendenbox, die 35-Jährige sammelt für Kolleginnen, die gerade ein Kind bekommen haben und einige Wochen nicht arbeiten können. Mbati hat große dunkle Augen, trägt ein weiß-blau gestreiftes Kleid und ein Kopftuch mit einem großen Knoten nach vorne. An ihrer Schulter prangt ein kleiner blauer Button mit der Aufschrift: „This is how a sex worker looks like.“

jetzt: Mbati, wenn du neue Leute kennen lernst, was erzählst du ihnen über deinen Beruf?

Mbati: Ich bin eine Sexarbeiterin und gehe sehr offen damit um. Wenn Leute fragen, was ich mache, bin ich einfach ehrlich, denn ich fühle mich stark genug dazu.

Wie bist du zu einer Sexarbeiterin geworden?

Ich habe meine Eltern verloren, meine Mutter ist an Diabetes gestorben, mein Vater wurde ermordet. Danach musste ich alleine für meine jüngeren Geschwister und meine Tochter sorgen. 

Fühlst du dich wegen deiner Arbeit diskriminiert?

Ja, sehr. In dem Augenblick, in dem man außer Haus geht, um zu arbeiten, fängt man an zu beten, weil man nicht weiß was einen erwartet, und weil man die Sorgen der Brüder und Schwestern kennt. Man bekommt mit, dass sie jeden Tag getötet werden, hört Geschichten, wie Sexarbeiter zusammengeschlagen werden, weil sie Sexarbeiter sind. Deshalb betet man, sobald man aus der Tür tritt, dass der Herr bei einem ist.

Bist du selbst schon Opfer von Gewalt geworden?

Ja, sowohl von Polizisten als auch von Freiern, und von Einwohnern der Gemeinden, wo wir arbeiten. Ich arbeite als peer educator (Ansprechpartnerin für andere Sexarbeiterinnen) und höre jeden Tag von jemandem, dass er oder sie drangsaliert, missbraucht oder vergewaltigt wurde. Es ist unser Alltag.

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Foto: Open Society Foundations / James Oatway
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Foto: Open Society Foundations / Sven Torfinn
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Sexarbeit in Südafrika .

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Foto: Open Society Foundations / James Oatway
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Foto: Open Society Foundations / James Oatway
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Foto: Open Society Foundations / James Oatway
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Foto: Open Society Foundations / James Oatway

Wie ist eure rechtliche Situation? Könnt ihr euch dagegen wehren? 

Sexarbeit wird in Südafrika immer noch kriminalisiert. Das Gesetz sagt: Wenn du ein Freier bist, ein Sexarbeiter oder jemand der von Sexarbeit profitiert, bist du ein Krimineller. Aber in der Praxis ist es anders: Nur Sexarbeiter selbst werden eingesperrt und von der Polizei und der Bevölkerung bedrängt. Polizisten werden für ihre Vergehen nicht belangt. Das liegt daran, dass wir als Organisation nicht genug Geld haben, um Sexarbeiter zu unterstützen und wegen der Menschenrechtsverletzungen vor Gericht zu ziehen.

 

Haben die hohen HIV-Raten unter Sexarbeitern in Afrika auch etwas mit der Kriminalisierung zu tun?

Auf jeden Fall. Meist können die Kunden ganz wie sie wollen mit den Sexarbeitern umspringen, wegen der bestehenden Gesetze. Wenn man zu einer Polizeiwache geht und behauptet, dass man vergewaltigt wurde, dann sagt die Polizei: „Du bist eine Sexarbeiterin, also kannst du vergewaltigt werden.“ Und manchmal verlangen Polizeibeamte selbst sexuelle Gefälligkeiten von Sexarbeiterinnen, damit sie diese nicht einsperren. Dass wir häufig Kondome dabei haben, benutzen die Polizisten um zu beweisen, dass wir Sexarbeiter sind. Deshalb ist es schwierig für uns, mehr als drei oder vier Kondome dabei zu haben, weil diese als Beweise gegen uns verwendet werden können.

 

Ihr kämpft als Organisation Sisonke (Zulu für „Wir sind zusammen“) für eine Entkriminalisierung eurer Arbeit. Wie seid ihr genau organisiert, wie eine Gewerkschaft?

Wir sind eine Bewegung von Sexarbeitern. Gestartet sind wir in Kapstadt und haben von dort nach Johannesburg und in andere Provinzen expandiert. Wir haben gemerkt, dass die Anliegen von Sexarbeitern überall ähnlich sind. Wir sprechen mit einer Stimme, mobilisieren und organisieren uns selbst. Wir sind Teil des NSWP („Global Network of Sex Work Projects“, http://www.nswp.org/), einem globalen Netzwerk für Sexarbeiter. Die Probleme der Sexarbeiter sind weltweit größtenteils die selben.

 

Bekommt ihr in irgendeiner Form politische Unterstützung?

Das Komische ist: Kürzlich hat der stellvertretende Präsident Südafrikas in einer Rede gesagt: „Sexarbeiter sind Menschen wie du und ich“, und dass Sexarbeit Arbeit ist. Manche Leute an der Macht erkennen also zwar an, dass wir es verdienen, wie jeder andere behandelt zu werden. Aber keine politische Partei wagt es bislang, die Dekriminalisierung von Sexarbeit zu unterstützen. Zumindest bekommen wir jetzt von „Consawu“ Unterstützung, einer der größten Gewerkschaften des Landes. Sie unterstützen unsere Forderung nach Dekriminalisierung.

 

Es gibt das Argument, dass eine Dekriminalisierung von Prostitution zu mehr Menschenhandel oder Sextourismus führt. Wie stehst du dazu?

Ich würde dem absolut widersprechen. Australien zum Beispiel  hat Sexarbeit entkriminalisiert. Das hat dort nicht zu einem großen Zuwachs von Sexarbeitern geführt. Wir wissen, dass die Ursache für Menschenhandel darin liegt, dass die Verantwortlichen die Räumlichkeiten von Sexarbeitern bislang ausnutzen können, um Menschenschmuggel zu betreiben. Denn sie wissen, dass die Sexarbeiter nicht aussagen können, wo diese Orte sind, wenn die Polizei sie dafür einsperren kann. Wäre Sexarbeit entkriminalisiert, dann könnten Sexarbeiter der Polizei gegen Menschenhandel oder Kinderprostitution helfen. Denn als Bewegung sind wir absolut gegen Kinderprostitution. Wir sind auch Eltern und Mütter, und wir möchten nicht, dass unsere Kinder dasselbe tun. Aber wir sagen: Sexarbeit ist eine freie Entscheidung. Ich wache nicht jeden Tag auf und denke mir: Meine Tochter soll Sexarbeiterin werden – nein! Aber wir setzen uns für die ein, die nach uns kommen. Und wenn meine Tochter in diese Industrie gehen würde, dann möchte ich, dass sie einmal in einer sicheren Umgebung arbeiten kann.

 

Abgesehen von den ganzen Problemen und der Diskriminierung: Magst du deine Arbeit?

Ganz ehrlich: Ja. Und wenn ich die Wahl bekäme, etwas anderes zu tun, würde ich vermutlich Sexarbeiterin bleiben.

 

 

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