Lesen mit Links (6): Apocalypse now

Einmal in der Woche versorgt uns Jan Drees in der Kolumne "Lesen mit Links" mit Buchbesprechungen und -tipps und den aktuellsten Neuigkeiten aus der Literaturszene. Heute geht es um Krimidepeschen, Utopien, blaue Füchse, Märchen und Fanfiction.
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Illustration: Julia Schubert

Das Buch  

Bereits mit ihrem Debüt "Ben" hat Annika Scheffel begeistert. Jetzt erscheint ihr zweiter Roman mit dem unheimlichen Titel "Bevor alles verschwindet" im renommierten Suhrkamp-Verlag.    Der Endzeitfilm "On the Beach" von 1959 erzählt, wie mit Anstand Abschied genommen werden kann: Nach dem Atomkrieg ist die Erde größtenteils verstrahlt. Allein in Australien atmen Menschen unbehelligt weiter. Doch die giftige Wolke kommt näher, zieht übers Meer, wird auch hier jedes Leben vernichten. Die Bewohner eines Badeorts trinken (weil ja jetzt eh alles egal ist) die Cognacvorräte leer. Sie gehen schwimmen, lassen Hauspartys steigen, sie lieben sich ein allerletztes Mal. Aber sie rauben nicht, sie morden nicht, sie fallen nicht übereinander her.  

Text: jan-drees - Illustration: Katharina Bitzl

Buchtrailer zu Annika Scheffels Roman "Bevor alles verschwindet"

"Bevor alles verschwindet" berichtet nicht vom atomaren Super-GAU. Aber auch hier geht eine Welt zugrunde. Die Figuren des Buches leben in einem kleinen Dorf unterhalb eines Sees. Über ihnen wacht ein goldenes Kreuz. Babys werden stets in der gleichen Traufe untergetaucht, auf diese Weise in die Gemeinschaft aufgenommen. Es gibt einen Bürgermeister, einen Postboten, eine Kindergärtnerin, den Bäcker. Doch eines Tages tauchen merkwürdige Gestalten auf. Sie vermessen das Land und das Leben dieser Leute. Sie malen bunte Striche auf ihre Häuser. Sie kommen von der "Poseidon Gesellschaft für Wasserkraft", und teilen den Dorfbewohnern mit, dass diese wegziehen müssen. Das Leben aller, so wie sie es kannten, wird bald ausgelöscht. Sie blicken ins Nichts.  

Auch diese Menschen werden, wie die Charaktere in „On the Beach”, keinen schäbigen Vorteil aus dem baldigen Ende ziehen. Sie verfallen in Melancholie, sie versuchen, das Verschwundene zu ersetzen. Sie erfinden einen blauen Fuchs, der angeblich durch die Wälder streift. Es beginnt eine Liebesgeschichte zwischen einem Poseidon-Beauftragten und einem Mädchen aus dem Dorf. Reporter protokollieren das Elend der Bewohner. Ein steinerner Löwe erhebt sich vom Podest und streift nachts durch den Ort. \"Meine Figuren verweigern die Realität", sagt Annika Scheffel,"weil sie damit gegen eine Zukunft protestieren, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben. Sie leben, wie so viele heute, unter einem Glücksdiktat, das sie aber nicht verwirklichen können."  

Annika Scheffels großartiger Roman ist ein Gleichnis auf unsere Gegenwart. "Einerseits haben wir so viele Möglichkeiten wie nie zuvor", sagt die Autorin,"gleichzeitig wissen wir nicht, wie wir uns entscheiden sollen, weil jederzeit das Nichts droht." Diesem Druck sind auch die Bewohner des bald in den Fluten untergehenden Dorfes ausgesetzt. Noch blühen die Blumen. Noch gibt es ein Dorfleben. Vielleicht wird alles nicht so schlimm. Sie fallen nicht übereinander her. Es ist ein Untergangsszenario mit Hoffnungsschimmer. Es ist eine Hoffnung, die sterben wird.

Annika Scheffel: „Bevor alles verschwindet", Suhrkamp, 410 Seiten, 19,95 Euro.

Die Querverweise  

Zu „Bevor alles verschwindet” gibt es eine Kurzlesung von Annika Scheffel. Auffällig viele junge, deutsche Autoren schreiben über Orte, die verschwinden, verschwimmen, die unreal sind, unreal werden. Leif Randt erzählte in "Schimmernder Dunst über CobyCounty" von einer sonnenbeschienenen, unwahrscheinlichen "Gated Community". Sebastian Polmans lässt in "Junge" eine ganze Welt im Nebel zurück. Es gibt, so scheint es, eine Sehnsucht, nach Märchen, Fabeln, Fantasien. Diese Sehnsucht stillen am schönsten "Grrrimm" von Karen Duve, "Wer kann für böse Träume" aus dem Verlag Das wilde Dutzend  und die jüngst gestartete TV-Fantasyserie "Grimm".

Die Updates  

Jeder Jeck ist anders: Am 6. März beginnt die 13. lit.COLOGNE in Köln. Bis zum 16. März treten bei diesem internationalen Literaturfest unter anderem auf: Shalom Auslander , Joey Goebel , Rainald Goetz , Bjarne Mädel und  Juli Zeh .  

Lebenserhaltende Maßnahmen: Leserinnen und Leser trauern beim Ende eines Buchs manchmal wie Groupies nach Auflösung ihrer Lieblingsboygroup. Auf der Seite FanFiktion.de gehen Romane, Serien, Kinofilme einfach weiter - und jeder kann mitmachen.  

Dies ist ein Überfall: Die Krimidepeschen sammeln in kurzen Ausschnitten, mit scharfen Kommentaren versehen, was in der englischen und der deutschen Blogszene über "Crime Fiction" gepostet wird. Beeindruckende Sammlung."

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