Wie gehe ich mit psychisch erkrankten Angehörigen um?

Im Lexikon des guten Lebens geht es heute um den richtigen Umgang mit Angehörigen, die psychisch erkrankt sind
Von Nadja Schlüter

Wir haben für diesen Text mit zwei Mädchen gesprochen, die Erfahrung mit psychischen Erkrankungen Angehöriger haben und lieber anonym bleiben möchten. Hier werden zwei Fälle beschrieben, um dem extrem breite Spektrum psychischer Erkrankungen wenigstens etwas gerecht zu werden.  

Fall 1:

Meine Mutter leidet seit Jahren an Depressionen. Ich muss daher als Tochter oft stärker sein als sie und sie kann im Gegensatz dazu meistens nicht für mich da sein. Therapien, Klinikaufenthalte, Medikamente, Rückfälle, all das musste sie immer wieder durchmachen – und wir, ihre Familie, mit ihr. Ich fühle mich verantwortlich für sie, muss aber auch damit zurechtkommen, dass meine Hilfe abgewehrt wird oder meine Mutter mir Vorwürfe mach. Manchmal bin ich sehr wütend, aber ich habe Angst, alles noch viel schlimmer zu machen, wenn ich diese Wut zeige oder, dass ich verletzt, enttäuscht oder erschöpft bin.

„Diese Probleme sind typisch für Kinder psychisch kranker Eltern", sagt Beate Lisofsky vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK). „Sie müssen sehr früh sehr viel Verantwortung übernehmen und rutschen in die Elternrolle hinein, was ihrer Entwicklung natürlich nicht gut tut." Die eigenen Bedürfnisse dürften in keinem Fall zurückstehen. „Wenn man dem Erkrankten helfen will, bringt es ihm nichts, wenn man sich aufopfert und dadurch selbst erkrankt." Die Wut auf die Situation solle man auf jeden Fall zulassen, rät Lisofsky. „Ein Austausch mit ebenfalls Betroffenen, zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe oder auch einfach mit guten Freunden hilft vielen sehr. Auf keinen Fall sollte man alles mit sich selbst ausmachen."

 

Natürlich ist der Austausch mit anderen, vor allem, wenn sie nicht selbst betroffen sind, schwieriger, wenn es um psychische Erkrankungen geht. „In der Gesellschaft herrscht da immer noch ein gewisser Grad an Stigmatisierung. Verständnis und Mitleid der Umgebung sind meist größer, wenn jemand zum Beispiel einen Krebskranken pflegt. Allerdings hat sich da in den letzten Jahren viel getan und die Entwicklung ist positiv." Es sei aber auch abhängig von der Region, wie mit psychischen Erkrankungen umgegangen wird – in Berlin oder München sei man da sehr viel offener als in der tiefsten Provinz. Vor allem hinsichtlich einer Depression nimmt die Stigmatisierung langsam ab. Bei anderen Erkrankungen jedoch ist es noch nicht soweit und die Angst und das Befremden sind noch sehr stark.

 

Fall 2:

 

Mein Freund hatte vor einigen Monaten eine Psychose. Ich wusste vorher fast nichts darüber, weil es in der Öffentlichkeit wenig thematisiert wird, darum war ich mit der Situation und dem Umgang überfordert. Er lebte in einer ganz eigenen Welt, in der er der Mittelpunkt und der Auserwählte war und in der alles im ihn herum eine Bedeutung hatte. Jeder Song im Radio, jedes Kopfnicken auf der Straße, alles gab ihm Hinweise, was er zu tun hatte. Zum Glück haben die Psychopharmaka und die Therapie schnell geholfen. Aber ich habe oft Angst, die Wahnvorstellungen könnten wiederkommen.

 

Er kann den ganzen Tag in sich hineinhorchen, ob alles in Ordnung ist – ich kann das nicht. Manchmal habe ich Alpträume, die sich um die Krankheit drehen. Ich hab dann Angst vor meinem eigenen Freund, weil er in der Zeit seiner Psychose ein Fremder war. Beate Lisofsky rät allen, die das Erleben einer psychischen Erkrankung bei einem nahen Angehörigen nur schwer verarbeiten können, sich selbst professionelle Hilfe zu suchen. „Das kann bis zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen und bevor man selbst erkrankt, sollte man handeln."

 

Zudem sei die Kommunikation mit dem Kranken selbst sehr wichtig. „Man sollte seine Ängste thematisieren, ohne den anderen zu überfordern. Gerade in einer Beziehung darf die Krankheit kein Tabuthema sein." Gegen die Angst vor der Krankheit helfe auch ein der Besuch bei der Psychoedukation, die in vielen Klinken angeboten wird. Dort kann man sich auf ganz sachlicher Ebene über das Krankheitsbild informieren und sich so Sicherheit im Umgang aneignen. Zudem solle jeder Angehörige auf ein Gespräch mit dem Behandelnden bestehen. „Das ist manchmal gar nicht so einfach", wie Lisofsky weiß, „aber die Angehörigen haben ein Recht auf Information."

 

So unterschiedlich psychische Erkrankungen auch sind, eines gilt für den Umgang mit allen: „In jedem Fall ist es wichtig, zu akzeptieren, dass es sich immer noch um eine Krankheit handelt. Man kann den Angehörigen begleiten und stützen und damit bei der Genesung helfen, aber man ist nicht dafür da, ihn zu retten und zu heilen – wie bei jeder physischen Erkrankung auch." Und schließlich kann auch diese belastenden Situation einen positiven Effekt haben: „Das Zusammenleben beziehungsweise die Unterstützung eines psychisch kranken Menschen und die Auseinandersetzung mit psychischen Störungen sind auf jeden Fall auch bereichernd und bringen einen Zugewinn an eigener Erfahrung und Entwicklung", so Beate Lisofsky.

 

Fünf Tipps, die dir den Umgang mit einem psychisch erkrankten Angehörigen erleichtern:

 

1. Setze Prioritäten und finde eine gute Balance: Du musst herausfinden, welche Handlungen in deiner Funktion als stützender Angehöriger und in deinem restlichen Alltag am Wichtigsten sind. Dazu gehört auch, dass du dich gut um dich selbst, deine Gesundheit und deine Erholung kümmerst. Sorgen um jede Kleinigkeiten und völlige Aufopferung nehmen dir die Kraft, die du brauchst, um beide Bereiche deines Lebens zu meistern. 2. Gib Verantwortung ab. Du kannst den/die Kranke/n unterstützen, ermutigen und begleiten – aber um die Heilung kümmern sich wie bei jeder anderen Krankheit auch die Fachleute. 3. Wenn du merkst, dass die Belastung zu groß wird und deine eigene Psyche darunter leidet, suche dir professionelle Hilfe. Generell gilt, dass ein gewisser Grad an Offenheit gut tut. Dafür gibt es vielerorts Selbsthilfegruppen für Angehörige oder die verschiedenen Beratungsangebote des BApK, die von anonymer Telefonberatung bis hin zu Seminaren und Tagungen reichen. 4. Sei offen gegenüber dem Kranken selbst (Voraussetzung dafür ist natürlich, dass er/sie einsichtig ist, krank zu sein) und sprich mit ihm/ihr über deine Ängste und Sorgen. Tabuisierung führt zur Entfremdung. 5. Informiere dich über die Krankheit, an der dein/e Angehörige/r leidet, z.B. über die Psychoedukation, die in vielen Kliniken angeboten wird, oder indem du mit den behandelnden Ärzten und Therapeuten sprichst. Das sachliche Wissen hilft dabei, zu verstehen und sicherer und gelassener mit den Symptomen umzugehen. 

 

 

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