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Vor fünf Jahren wurden mein Mann und ich ein Paar. Kennengelernt haben wir uns während eines Rucksack-Trips auf Bali. Unser erstes Date war in einem üppig grünen Reisfeld, der erste Kuss am Strand. Unsere Geschichte hört sich teilweise an wie ein kitschiger Hollywoodfilm. Allerdings gibt es ein Detail, das auch in einer globalisierten Welt immer noch vielen bitter aufstößt: Ich bin Deutsche und mein Mann ist Marokkaner. Nicht aus Köln-Kalk, sondern so richtig aus Marokko. Dort wo Kamele und Eselskarren das Stadtbild prägen.

Und hier fangen die Vorurteile auch schon an. Während die einen gerne wissen wollten, ob ich in Marokko als Frau überhaupt alleine über die Straße gehen könne, beschäftigte die meisten eine ganz andere Frage: Will mein Mann in Wahrheit vielleicht nicht mich, sondern meinen deutschen Pass? Ist das nicht ein klassischer „Bezness“-Fall?

Ewige Liebe wird in Hoffnung auf Geld und einen europäischen Pass geschworen

„Bezness, das sind Beziehungen, in denen ein Partner nicht aus Liebe, sondern aus anderen, nicht offengelegten Motiven handelt. Bei Bezness liegt die berechnende Absicht einer Beziehungstäuschung eines Partners vor“, erklärt Esther Hubacher von „frabina“, einer schweizer Familienberatung für binationale Beziehungen. Das Kunstwort Bezness ist zusammengesetzt aus den Worten „Beziehung“ und „Business“. Und genau darum geht es auch: ums Geschäft. In diesem Fall ist das die vermeintliche Liebesbeziehung zum europäischen Partner. Ewige Liebe wird in Hoffnung auf Geld und einen europäischen Pass geschworen. Diese Vorfälle häufen sich besonders zwischen jüngeren orientalischen oder afrikanischen Männern und älteren, europäischen Frauen.

Eines dieser Bezness-Opfer ist die 59-jährige Rentnerin Verena. Während ihres Urlaubs in Tunesien verliebt sie sich in den 25 Jahre jüngeren Kellner Younes (beide Namen geändert). Der Anfang der Beziehung: vermeintlich perfekt. Durch die rosarote Brille betrachtet, ist die Beziehung zu Younes genau das, was Verena sich immer gewünscht hat. Sie zieht nach Tunesien und gemeinsam leben sie in der von ihr finanzierten Wohnung.

Doch dann findet sie eines Tages heraus, dass Younes auch zu anderen europäischen Frauen Kontakt hat. Es kommt zum großen Streit und Verena beginnt erstmals daran zu zweifeln, ob Younes' Gefühle für sie wirklich aufrichtig sind. „Er will nach Europa und ihm ist jedes Mittel recht. Als es über mich nicht klappte, suchte er nach anderen Europäerinnen, die ihn heiraten und mitnehmen würden“, sagt sie heute. „Ich warne eindringlich alle Frauen, egal welchen Alters, sich darauf einzulassen. Es kann schwerste Schäden hinterlassen, von den finanziellen Verlusten abgesehen.“

Für Verena selbst kommt eine binationale Beziehung nach dieser Erfahrung nicht mehr in Frage, sagt sie. Sie habe sowohl psychisch als auch finanziell unter Younes gelitten, der sich nicht nur sein Leben habe finanzieren lassen, sondern sich auch Zugriff zu ihrer Kreditkarte verschafft habe. „Meine Einstellung zu gemischten Beziehungen ist für mich ein heißes Eisen, da ich nicht mehr bereit bin, diese kulturellen Unterschiede hinzunehmen. Das kostet sehr viel Kraft, und grenzt an Selbstaufgabe“, sagt sie und fügt dann eine Warnung an andere Frauen hinzu: „Für uns europäischen Frauen ist es sehr schwer, diesem Charme, den wir als Liebe definieren, zu widerstehen. Letztlich geht es denen aber immer um Geld und Papiere.“

Der klassische Bezness-Fall repräsentiert nicht die Mehrheit der binationalen Beziehungen

Verenas Enttäuschung über die gescheiterte Beziehung und den Betrug vermischt sie nun mit pauschalisierenden Ressentiments gegenüber Tunesiern. Ihre Warnung entspricht genau den Vorurteilen, die viele Menschen gegenüber binationalen Beziehungen haben. Und das, obwohl der klassische Bezness-Fall eben nicht die Mehrheit dieser Beziehungen repräsentiert. Satu Marjatta Massaly arbeitet seit acht Jahren als interkulturelle Paarberaterin in Köln. In der gesamten Zeit ist sie keinem einzigen Bezness-Fall begegnet. Auch in der schweizer Beratungsstelle machen Bezness-Betroffene nur einen Bruchteil der Ratsuchenden aus. Und trotzdem sind diese Negativbeispiele so präsent.

„Vor allem während der ersten Jahre müssen sich viele binationale Paare mit Anfeindungen oder Befremden aus dem Umfeld auseinandersetzen“, sagt Satu Marjatta Massaly. „Dem Mann wird beispielsweise unterstellt, seine Frau für egoistische Zwecke zu missbrauchen. Der Frau, dass sie sich ausnutzen lässt. Oder umgekehrt. Diese oder ähnliche Unterstellungen belasten die Beziehungen emotional sehr stark und sorgen für Verunsicherung über die gegenseitige Loyalität.“ Obwohl gemischte Beziehungen durch die Globalisierung immer häufiger vorkommen und somit auch eigentlich immer normaler sein sollten, werden diese Stimmen nicht leiser. „Aus meiner Sicht gab es schon immer Vorurteile gegenüber zugewanderten Menschen. Möglicherweise ist es aber in den letzten Jahren leichter geworden, Bezness-Vorwürfe offen auszusprechen“, so Massaly.

Die Vorwürfe begegnen gemischten Paaren mitunter jeden Tag

Diese Vorwürfe begegnen gemischten Paaren mitunter jeden Tag, bei ganz gewöhnlichen Tätigkeiten. Sitzen mein Mann und ich in einem Restaurant, wird vom Nachbartisch neugierig herübergeschielt, wer denn hier jetzt die Rechnung bezahlt. Bei unserer Hochzeit in Marokko wurden uns im deutschen Konsulat ungefragt die Papiere für eine Familienzusammenführung ausgehändigt. Als wir den Beamten aufklärten, dass wir in Marokko leben und mein Mann kein Interesse an einem deutschen Pass hat, blieb diesem der Mund offenstehen. Als wir uns, wie viele Ehepaare, zusammen eine Wohnung kauften, ging jeder davon aus, ich hätte diese alleine finanziert. Und wenn meine Mutter alte Bekannte trifft und erzählt, dass ich verheiratet in Marokko lebe, ist die Antwort in 90 Prozent der Fälle ein entsetztes „Oh“ – direkt gefolgt von der Frage, ob meine Mutter denn das Buch „Nicht ohne meine Tochter“ kenne und man da ja aufpassen müsse.

„Da muss man aber aufpassen“ – diesen Satz musste auch Lisa schon einige Male hören. Dabei ist an ihrem Mann so gar nichts gefährlich. Im Gegenteil, Khalid ist das Musterbeispiel eines liebenden Ehemanns und Vaters. Kommt er von der Arbeit nach Hause, nimmt er seiner deutschen Frau die neugeborene Tochter ab oder bereitet das Abendessen vor. Abends gehen sie mit dem Kinderwagen in den Straßen Marrakeschs spazieren und dann vielleicht noch in ein Café. Eben wie ein ganz normales Paar. Kennengelernt haben die zwei sich während Lisas Praktikum in einem Hotel in Marokko. Zunächst Kollegen, dann ein Liebespaar und seit kurzem glückliche Eltern, sind die beiden Endzwanziger das perfekte Beispiel dafür, dass binationale Beziehungen eben doch funktionieren können. Trotz kultureller und religiöser Unterschiede und ohne dass einer der beiden seine Identität aufgeben müsste.

Aus der Sicht von Esther Hubacher von frabina sieht es in den meisten dieser Beziehungen ähnlich positiv aus: „Mehr als jede dritte neu geschlossene Ehe in der Schweiz ist binational. Die Scheidungsrate für binationale Ehen ist nicht höher als bei mononationalen Ehen.“ Und immerhin haben gemischte Beziehungen laut Hubacher auch einige Vorteile: „Binationalität bietet die Chance, eine andere Kultur, eine andere Lebensform, andere Werte und Traditionen, eine andere Sprache in das gemeinsame Leben zu integrieren. Sie bietet die Möglichkeit, über die eigenen Grenzen hinaus zu schauen, Unterschiedliches miteinander zu verbinden und daraus Neues entstehen zu lassen.“

Wie reagiert man als glückliches, binationales Paar also am besten auf Bezness-Vorwürfe? Die Antwort ist laut Massaly ganz einfach: Nicht an sich ranlassen, denn „je tiefer das gegenseitige Vertrauen und je stärker die Loyalität zueinander ist, umso leiser werden die Vorwürfe aus dem Umfeld.“

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