„Jeder kann denken und fühlen, was er will“

Darf man in einer Beziehung lügen? Eine Paartherapeutin findet: Manchmal ja.
Interview von Florentina Czerny

Bildrechte: criene / photocase.de

Ja, man sollte ehrlich zu seinem Partner sein, wenn man möchte, dass die Beziehung langfristig hält. Den Partner anzulügen gilt als absolutes No-Go und beeinträchtigt das Vertrauen zueinander. Viele setzt das aber auch unter Druck – muss man wirklich jedes Detail von sich preisgeben, sobald man in festen Händen ist? Die Paartherapeutin Kirsten Hellwig erklärt im Interview, warum es vollkommen in Ordnung ist, Kleinigkeiten zu verschweigen und wie man mit Lügen in der Beziehung am besten umgeht.

jetzt: Wer in Beziehungen nicht zu 100 Prozent ehrlich ist, gilt oft gleich als Betrüger. Ist das wirklich so?

Kirsten Hellwig: Ich finde, das kann man so nicht sagen. Wenn ich meinem Kind nicht erzähle, wer das Christkind wirklich ist, bin ich auch kein Betrüger, sondern möchte die Freude aufrecht erhalten. Genauso ist es in Beziehungen. Manchmal plant man Überraschungen für den Partner und ist da streng genommen ja zeitweise auch nicht ganz ehrlich. Oder ein anderes Beispiel: Angenommen, es gibt einen tollen neuen Kollegen in meinem Büro, der vielleicht auch mal in meinen Fantasien vorkommt – so etwas muss man dem Partner auch nicht gleich sagen.

Foto: Privat

Also darf man ab und zu in Beziehungen auch lügen?

Grundsätzlich muss das jeder Mensch für sich entscheiden. Allerdings gibt es auch verschiedene Arten von Lügen, die unterschiedlich schwer wiegen können. Oft schwindelt man automatisch, indem man zum Beispiel verschweigt, wenn einen kleine Macken am Partner nerven. Das ist dann eher eine weise Entscheidung, um ihn nicht zu verletzen oder einen Streit zu vermeiden. Auch bei den eigenen Gedanken und Fantasien muss es eine gewisse Autonomie geben.

Fremdgehen hingegen ist – zumindest bei den Paaren, die von gegenseitiger Treue ausgehen – durchaus von Belang und zieht in der Regel Konsequenzen nach sich. Man macht etwas, von dem man weiß, dass es dem Partner nicht gefallen würde. Aber auch hier muss man sich fragen: Sind Gefühle im Spiel, sodass diese Sache eine größere Bedeutung hat oder handelt es sich um einen einmaligen „Seitensprung“, der nichts mit Unzufriedenheit in der Beziehung zu tun hat?

Der Grat zwischen Lüge und Notlüge scheint sehr schmal zu sein…

Es ist immer dann eine Lüge, wenn ich nicht ganz die Wahrheit sage. Allerdings muss man selbst entscheiden, ob man es auch schon als Lüge empfindet, wenn einem der Partner etwas verschweigt. Allgemein ist es aber gut, nicht immer alles so schwer zu bewerten. Sobald der Partner gelogen hat, ist er moralisch oft gleich unten durch. Besser ist, auch nachzufragen: Warum hat der Andere das gemacht, was war da bei ihm los? Oft kann man die Beweggründe dahinter dann besser verstehen. Das ist häufig heilsamer, als den anderen nur zu verurteilen.

Wie viele Menschen lügen in Beziehungen, was schätzen Sie?

Ich glaube nicht, dass man pauschal sagen kann, es wird in jeder Beziehung gelogen. Aber wesentliche Kleinigkeiten werden bei sehr vielen Paaren verschwiegen oder einfach nicht thematisiert.

Muss man dem Partner ausnahmslos alles von sich preisgeben, wenn es langfristig klappen soll?

Nein, das muss man nicht. Man kann immer selbst entscheiden, ob man einen kleinen Teil zurückhalten will, oder sich alles immer offen erzählt. Gut wäre sicher, als Paar darüber zu reden, wie man damit umgehen möchte. Sollte einer der Partner die Meinung haben, dass es okay ist, auch mal etwas für sich zu behalten, sollte dieser auch dazu stehen. Denn sonst wird er zum Betrüger, wenn er seinem Partner verspricht, alles zu erzählen – und es dann doch nicht macht. Oft existiert in einer Beziehung ein „ungeschriebener Vertrag“, der besagt, dass man immer alle Karten offenlegen muss. Und bei jeder kleinen Schwindelei fühlt man sich dann gleich betrogen. Aber selbst zu entscheiden, was man sagt und was nicht, gibt einem oft das Gefühl von Selbstbestimmung und Autonomie. Man merkt: Ich bin eine eigenständige Person. Und genau das ist wichtig, damit langjährige Beziehungen interessant bleiben

Kann ein bisschen schwindeln auch gesund sein für eine Beziehung, zum Beispiel, wenn man den Anderen nicht verletzen will?

Ich denke, jeder kann denken und fühlen, was er will. Grundsätzlich sollte man aber immer versuchen, bei den wichtigen Dingen ehrlich zu sein. Aber auch das ist sehr individuell. Ein Beispiel: Es gibt die unterschiedlichsten Abmachungen, was Treue angeht. Darf der Partner auch andere Begegnungen haben? Und will ich das dann alles genau wissen? Jeder hat seine ganz eigene Meinung zu diesem Thema und dazu sollte man auch unbedingt stehen. Wichtig ist aber, als Paar darüber zu sprechen.

Angenommen man hat den Partner angelogen – wann muss man die Lüge aufdecken?

Man sollte eine Lüge spätestens dann offenlegen, wenn man merkt: sie stört. Also zum Beispiel, wenn man sich seinem Partner gegenüber anders verhält, weil man ein schlechtes Gewissen hat. Dann ist es Zeit, die Konsequenzen zu tragen. Die können schwerwiegend sein – man verletzt den Partner schließlich, wenn man ihn zum Beispiel betrügt. Aber diese Situation kann das Paar auch in etwas Gutes verwandeln, in dem sich beide fragen: Was hat das mit uns als Paar zu tun? An diesem Punkt ist dann manchmal auch eine Paartherapie ganz hilfreich.

Wirkt sich eine Lüge immer negativ auf unser Vertrauen zueinander aus?

Am Anfang einer Beziehung ist es ja oft so, dass man dem Partner zu 100 Prozent vertraut und denkt: Dieser Mensch könnte mich niemals anlügen. Bei der ersten Lüge merkt man dann aber, dass er einen sehr wohl auf diese Weise verletzen kann. Das ist zwar eine Enttäuschung, aber dadurch werden wir auch realistisch und die Realität ist nun mal so, dass sich Menschen manchmal gegenseitig wehtun. In dieser Situation müssen wir uns fragen, ob wir unserem Partner trotzdem noch genug vertrauen können. Und wenn das so ist, können wir unsere Beziehung stärken, indem wir zueinander sagen: Ich weiß, du kannst mich verletzen und belügen, aber ich bleibe trotzdem bei dir.

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