Nach diesem Buch glaubst du nicht mehr an die große Liebe

Es ist aber trotzdem lesenswert.
Von Nadja Schlüter

Liebe ist kitschig! Oder?

Foto: Avant-Verlag

Es gibt ja diese Menschen, die einem gerne sagen, Liebe sei nur eine chemische Reaktion im Gehirn. Romantik, echte Verbundenheit, zwei Seelen, die einander und so weiter – alles Quatsch. Das ist natürlich desillusionierend. In ihrer neuen Graphic Novel „Der Ursprung der Liebe“ desillusioniert die schwedische Zeichnerin Liv Strömquist ihre Leser auch. Allerdings gibt sie nicht der Chemie die Schuld an der Liebe, sondern der anderen ärgsten Feindin alles Guten, Wahren und Schönen: der Gesellschaft. 

Vor ziemlich genau einem Jahr erschien in Deutschland Liv Strömquists „Der Ursprung der Welt“, eine aufklärerisch-feministische Graphic Novel über das weibliche Geschlechtsorgan. Diese Sammlung aus mehreren Comics über die Vulva, die Klitoris, die Menstruation und die wissenschaftlichen Irren und Wirren  rund um diese Dinge war ein ziemlich großer Erfolg, weil sie sehr lehrreich und gleichzeitig wahnsinnig witzig war. Jetzt wurde ein weiteres Buch der Zeichnerin übersetzt, das in Schweden bereits 2010 erschienen ist und der romantischen Liebe auf den Grund geht. Wo kommt sie her, seit wann gibt es sie, was macht sie mit uns? Das ist ebenfalls unterhaltsam – aber leider klappt man das Buch am Ende mit einem viel schlechteren Gefühl zu als die Vulva-Comics. 

Foto: Avant-Verlag
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Wahrscheinlich liegt das weniger an Liv Strömquist als am Thema. Zum einen, weil man sich, wenn man an die romantische Liebe glaubt, diese nicht kaputtmachen lassen will. Das Vulva-Buch ist reinstes feministisches „Empowerment“ – das Liebe-Buch redet einem eigentlich bloß die eigene Beziehung schlecht. Zum anderen, weil die Zeichnerin zum weiblichen Geschlechtsorgan die absurdesten Theorien aus der Vergangenheit hervorkramen und illustrieren konnte (erhöhtes Krebsrisiko durch Onanie, die Klitoris als „Teufelsmal“, Abhandlung über die Unreinheit der Menstruation im dritten Buch Mose), während die Theorien zu Liebe und Beziehung weniger komisch, sondern eher psychologisch komplex sind. 

Da geht es dann seitenlang darum, dass Mädchen, die in sexistisch-heteronormativen Familien großgezogen wurden, lernen, sich über die Beziehung zu einem Mann zu definieren, während Jungs zu unabhängigen Egozentrikern erzogen werden. Was am Ende bedeutet: Frauen geben sehr viel Liebe und Fürsorge in Beziehungen hinein und bluten darin quasi aus, während Männer durch sie gestützt werden und sich so richtig schön ausleben können (zum Beispiel in einer Führungsposition oder mit einer krassen Geschäftsidee). Zum Glück ist Liv Strömquist immer noch lustig genug, auch solche Theorien noch irgendwie kreativ aufzufangen – zum Beispiel, indem sie die „Männer-Pflege-WM“ zeichnet, bei der eine superfröhliche Moderatorin mit Mütze die Gewinnerin verkündet: Nancy Reagan, ehemalige First Lady, die den dementen und sehr viel älteren Ronald bis an sein Lebensende pflegte. 

Liv Strömquist kann in nur zwei Bildern auf den Punkt bringen, wie absurd unser Beziehungskonzept ist

Neben den fürsorglichen Frauen ist das zweite große Thema in „Der Ursprung der Liebe“ das sogenannte „sexuelle Eigentumsrecht“: Die komplett gesellschaftlich konstruierte Tatsache, dass man mit niemand anderem ins Bett gehen darf als mit der Person, mit der man zusammen ist. Klar, das ist kein neues Thema, über Polyamorie und offene Beziehungen wird ja nun schon länger diskutiert. Liv Strömquist hat aber die Gabe, in nur zwei Bildern genau auf den Punkt zu bringen, wie absurd das alles ist. Und jeden noch so monogamen Leser zweifeln zu lassen.

Da steht dann: „Beispiel für ein gesellschaftliches akzeptables Vorkommnis in unserer Kultur“ und eine Frau sagt zu einem Mann: „Ich war mit jemandem im Bett, bevor wir zusammen waren“, woraufhin der Mann sagt: „Na und?“ Ein Bild später, gleiche Szene, nur dass die Frau nun sagt: „Ich war mit jemandem im Bett, seit wir zusammen waren“ – und der Mann rastet aus. Die Verschiebung von zwei kleinen Wörtern verändert die Beziehung zwischen zwei Menschen völlig oder zerstört sie sogar, weil dadurch etwas völlig Normales in etwas Unzulässiges verändert wird. Wie bescheuert sind wir eigentlich?

Am Traurigsten wird es, wenn die Zeichnerin einem vorführt, wie wenig individuell die eigene Beziehung ist. Dass Paare eigentlich immer nur ritualisierte Sozialkonstrukte reproduzieren. Dass ihre Kosenamen, ihre Begrüßungsküsschen und das Händchenhalten nicht daher kommen, dass sie all das aus tiefstem Herzen tun wollen – sondern daher, dass man das eben so macht, wenn man in einer westlichen Zivilisation „zusammen ist“.

Der Höhepunkt dessen ist ein Bild, auf dem vier Paare nebeneinander auf einem Konzert stehen und jeder Mann seine Freundin von hinten im Arm hält. Sie alle schauen böse, weil die Zeichnerin da grade drüber geschrieben hat, dass auch diese Haltung ein „ritualisiertes Sozialkonstrukt“ sei. „Hä, ein ‚ritualisiertes Sozialkonstrukt‘?“ fragt ein Typ und ein anderer sagt: „Wir stehen hier so, weil wir das MÖGEN!!“ Glaubt man ihm natürlich nicht. Und findet ihn echt albern. Und sich selbst auch, weil man sicher auch schon mal so vorne-Frau-hinten-Mann-mäßig auf einem Konzert rumgestanden ist. 

Das ist Liv Strömquist, Schwedin, Feministin, Comic-Zeichnerin.

Foto: Livia Rostavaniy

Diese ganzen Rituale, so Liv Strömquist (beziehungsweise die Wissenschaftler, auf die sie sich bezieht und die sie auch immer brav als Fußnoten angibt), machen Beziehungen zu „privaten Mini-Religionen“. Zu etwas, an das man glauben kann und das einem Halt gibt, in dieser ganzen schrecklichen Sinnlosigkeit der Welt.

Der Comic über Prinzessin Dianas Liebeskummer bricht einem das Herz

Obwohl sie einem leider auch nicht immer gut tun. Wie man etwa an den tragischen Liebesgeschichten von Whitney Houston und Prinzessin Diana sieht, die hier ebenfalls illustriert wurden. Vor allem der Comic über Dianas Liebeskummer bricht einem das Herz, weil man diesen Schmerz ja selbst so gut kennt. Und weil auch hier diese böse Gesellschaft wieder ihre Folterinstrumente rausholt: „Man muss diese wahnsinnigen Schmerzen einfach hinnehmen“, schreibt Liv Strömquist. „Diese Art von Schmerz passt nicht in unsere Gesellschaft. Es ist sozial inakzeptabel, dermaßen traurig zu sein. Man geht allen furchtbar auf die Nerven. Man weint die ganze Zeit. Dermaßen traurig zu sein, ist ebenso unangemessen wie Alkoholismus: völlig besoffen herumlallen um zehn Uhr vormittags.“

Ein kleines bisschen liegt es am Ende aber doch an der Autorin, dass „Der Ursprung der Liebe“ nicht ganz so lustig ist wie „Der Ursprung der Welt“. Ein wenig fehlt es diesem Buch nämlich an dem unerwarteten, teils extrem simplen und gerade dadurch so überraschenden Witz des Vulva-Buches. Dafür reitet Strömquist etwas zu oft auf selbst eingeführten „Running Gags“ herum, wie etwa dem, dass man sich als Ex-Paar „nur noch ein Mal im Jahr auf eine verkrampfte Tasse Kaffe“ trifft. Das kommt so oft in den verschiedenen Comics vor, dass man irgendwann beinahe genervt davon ist.

Trotzdem bleibt „Der Ursprung der Liebe“ lesens- und anschauenswert. Weil man wieder viel lernt. Und auch wieder viel lacht. Und weil man zwar am Ende desillusioniert ist, aber die Zeichnerin einem immerhin auf der letzten Seite noch „viel Glück“ wünscht. Für die Liebe natürlich. An die man ja doch weiterhin glauben will.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Dort hieß es, „Der Ursprung der Liebe“ sei der Nachfolger von „Der Ursprung der Welt“ – obwohl dies nur in der deutschen Übersetzung der Fall ist. Im Original erschien „Der Ursprung der Welt“ 2014, das Liebe-Buch bereits 2010.

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