Fotografin inszeniert Pärchenfotos mit Fremden

Durch dieses Spiel mit ihren Tinder-Matches will sie „ironische Intimität schaffen“.
Interview von Alissa Hacker
Foto: mariehyld / instagram

In ihrem Fotoprojekt „Lifeconstruction“ kritisiert die 24-jährige Fotografin Marie Hyld (@mariehyld) die Oberflächlichkeit der Online-Welt. Dafür traf sich die Dänin mit fremden Menschen, die sie zuvor auf Tinder gematcht hatte. Bei den Treffen hat Marie intime Pärchenfotos mit den Tinder-Matches nachgestellt. Uns erklärt sie, warum.

jetzt: Du hast Leute auf Tinder gematcht und anstatt ihnen ein Date anzubieten, wolltest du Pärchenfotos schießen. Wie haben sie auf deine Anfrage reagiert?

Marie Hyld: Sie waren neugierig. Ich habe viele Leute auf Tinder gematcht und sie alle haben mir gesagt, dass ihnen ihr Leben ein bisschen trivial vorkommt. Sie wollten etwas machen, dass sie aus ihrer Komfortzone kickt. Es gab dieses Verlangen nach einem intimen Ort, sie suchten Intimität. Wir alle suchten Intimität.

A little sneak peak of my meeting with Asger 🎈 🌅 This particular meeting is very special to me. It contains ignition of the lifeconstruction-rocket! Asger was the very first stumble-fumble-laugh meeting I had among 12 others. He lived on the top floor in this charming, light-filled apartment. I remember opening the first door which led me to a dark hall decorated with colored lamps - such a quirky, charming place! He opened the door in the end of the hall and smiled at me. Even though I had this idea of me being the one in charge, he was actually the one calming me. I've got this scene in my head of him and me standing in front of each other shortly after greeting. We're counting down to a stripdown which we immediately agreed on doing to break the ice with manners - laughing while textile-tossing like crazy. We spent 1-2 minutes giggling like two schoolgirls and then quickly fell into the whole relationship scene. "God damn it, didn't I tell you to turn around the toilet paper roll?! you're making me so fucking old and bitter" "shut up! You're tiering me with all your negative shit.. I can't stand you!" we yelled across the apartment while I peed with an open door and he brought me some water. It was hilarious. I felt so alive. Thank you for being my first. #pretend #intimacy #love #vibes #tinder #piano #playing #leg #project #cuddles #photographer #photoshoot #shooting #photooftheday #tinder #couple #happy #laughing #excited #strangers #unknown #vice #broadlydk #bed #kissing

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A little sneak peak behind the scenes of my meeting with Katharina 🐕🌞she came all the way from Australia and worked as an au pair in this big, charming house in northern Sjælland. Apparently she didn't mind opening up the doors to this wierdo with a camera, struggeling to find the right house. Me. I actually was having a off day. I was tired and my skin looked like bubblewrap paper. I was sitting all critical, looking at myself in the rearwiev mirror, trying to formulate a text with a cancellation, but was hit by a sudden stubbornness - hell fucking no. This insecurity and vulnerability of mine is exactly why I shouldn't cancel. I now felt like proving to myself that I was in control of my life - not the selfdestructive thoughts of mine. And so I muted my thoughts and went to meet Katharina - and ofcourse. She was wonderful. I thanked myself meanwhile shoot for not cancelling and for allowing myself to be in whatever mood i was in. Just as i closed the door to the big house, I realized that this was just what I had needed. The vibrations of my energy level had completely turned around - just by having a fleeting, sincere, intimate connection with another human being🔥 this is officially the last pictures and story I have to tell from my Lifeconstruction series - I'm so grateful for all the kindness and curiousity about this project. And don't worry - I'm already going full force on a new one - and there will be new strangers to come and new stories to tell! Just in another form. Stay tuned, loved ones! #pretend #intimacy #love #vibes #tinder #piano #playing #leg #cuddles #photographer #photoshoot #shooting #photooftheday #tinder #couple #happy #laughing #excited #strangers #unknown #vice #broadlydk

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Wie hat es sich angefühlt, diese intimen Fotos zu machen?

Am Anfang jedes Shoots war ich ein nervliches Wrack. Ich kannte diese Menschen nicht und ich wusste nicht, ob ich irgendwelche Grenzen überschreite. Ich wusste nichts über sie. Aber ich musste loslassen und vorgeben, dass alles perfekt ist. Das Ganze entwickelte sich zu einem Rollenspiel. Eine Beziehung, die überhaupt nicht existierte, war perfekt. Es fühlte sich an, als würde ich die Menschen kennen und sie mich. Wir haben uns auch zwischen den Shoots so verhalten.

In den Fotos spielst du die Rolle der Freundin der Tinder-Matches. In dem Foto mit Mr. BDSM trägst du zum Beispiel ein Latex-Outfit. Warum wolltest du das machen?

Ich finde, dass soziale Medien eine Möglichkeit der Flucht aus der Realität und aus der Rolle, die man im Alltag spielt, sind. Das wollte ich ausprobieren.

Am 14. Februar war Valentinstag – an dem Tag posten viele Menschen Fotos von ihren Dates und Beziehungen in sozialen Netzwerken. Was hältst du von diesen Fotos?

Sie zeigen etwas Unrealistisches, eine Auffassung von Romantik, die eine Konstruktion ist. So wie ich es in meiner Fotoserie gezeigt habe. Es ist ein kurzer Moment, den man einfängt und online teilt, um zu zeigen, wie perfekt alles ist. Das ist es aber nicht.

Wie beeinflussen soziale Medien unsere Beziehungen im echten Leben? Menschen glauben, dass alles perfekt sein muss, weil alles um sie herum perfekt zu sein scheint. Sie glauben, sie müssen eine Art „polierte“, optimierte Version von sich selbst sein. Das ist auch die Version, die jeder in sozialen Netzwerken zeigt. Viele junge Menschen lassen sich leicht beeinflussen. Soziale Medien üben viel Druck auf sie aus. Viele von ihnen können nicht zwischen dem realen Leben und dem, was sie online sehen, unterscheiden. Sie vergleichen sich mit dem, was sie im Netz sehen. Das ist nicht gut.

Du kritisierst also die Oberflächlichkeit in sozialen Medien. Aber in deinen Fotos inszenierst du selbst eine Intimität, die nicht da ist. Warum?

Menschen kreieren in sozialen Netzwerken ihre eigene Welt und ich wollte wissen, was es dazu braucht. Dieser Wunsch wurde durch die Distanz hervorgerufen, die soziale Medien zwischen Menschen erzeugen. Ich wollte ironische Intimität schaffen. Ich kannte die Menschen nicht, aber es sieht aus, als würde ich sie schon mein Leben lang kennen. Und bei den Shoots entstand sogar wirklich eine Art von Intimität. Das ist die Message, die ich mit meinen Fotos senden will: Wir müssen diese intimen Momente suchen und uns öfter im echten Leben sehen.

Du hast die Fotoserie „Lifeconstruction“ gerade abgeschlossen. An welchem Projekt arbeitest du jetzt?

Es ist ein Projekt über die Effekte von Medien und Gesellschaft auf Geschlechterrollen: Was ist maskulin, was ist feminin? Ich matche Fremde auf Tinder und arbeite mit ihnen daran, sich selbst herauszufordern, die geraden Linien zwischen männlich und weiblich zu verlassen und andere Rollen zu erkunden.

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