Ich bin der schlechteste Korb-Verteiler der Welt

Ich kann einer Frau einfach nicht sagen, dass aus uns nichts wird.
Von Maximilian Weigl
Foto: kallejipp / Jonathan Schöps / photocase, Bearbeitung: Daniela Rudolf

Weingläser klirren. Annette redet und lacht. Irgendwie finde ich ihr Lachen seltsam. Es klingt wie der Benzinrasenmäher meiner Eltern. Ich schwitze und bin kein bisschen verliebt. Sie aber spielt mit ihren Haaren. Wenn so etwas passiert, gerate ich in Panik. Es wird Zeit, ihr einen Korb zu geben  – und darin bin ich eine menschgewordene Katastrophe.

Angenehm ist das für niemanden. Jeder nimmt sich bei einem Date vor, nett zu sein und eine offene Absage zu vermeiden. Es fühlt sich schäbig an, die romantische Hoffnung eines Menschen mit einem einzigen Satz zu zerstören. Denn auch, wenn es statistisch gesehen ganz normal ist, weil im Durchschnitt nur jedes siebte Date gelingt, hilft einem dieses Wissen nicht weiter, wenn plötzlich eine Person mit Herzschlag vor einem steht. 

Man muss dann miterleben, wie das Leuchten in den Augen plötzlich erlischt. War die Kommunikation vorher gleichberechtigt, fühlt man sich nach dem Bruch, als säße man auf dem goldenen Thron der Arroganz und blicke auf ein verliebtes Häufchen Elend herunter. Trotzdem sollte man spätestens, wenn das Gegenüber das Tempo in der Liebesanbahnung erhöht und die angebotene Nähe unangenehm wird, Klartext reden. Die Mehrheit macht das auch so. Ich aber schaffe das nie. Ich bringe es nicht über das Herz, meine Abneigung offen zu äußern. Am liebsten wäre es mir, mein Date würde das fehlende Interesse schon irgendwie unterbewusst bemerken. Dann könnte die Verliebtheit wie ein Echo im Gebirge ausklingen.

Zum Einen will ich nicht, dass mein Gegenüber das Gefühl hat, es hätte doch gar keine Chance gehabt. Dieses Gefühl ist besonders mies. Ich bin auch schon verliebt zurückgewiesen worden. Man glaubt doch, der Satz „der Hunger kommt mit dem Essen“, gilt auch in der Liebe: „Ich hätte sie bestimmt überzeugt. Ich hätte den liebenswertesten Kerl aller Zeiten abgegeben. Da hätte sie sich ja in mich verlieben müssen.“ Diese Chance will ich anderen Frauen geben. Darum will ich, dass sie denkt, genug Zeit gehabt zu haben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Zum anderen verwandelt sich mit einem Korb die Date-Situation in eine soziale Wüstenlandschaft. Dort verdurstet jedes Gespräch und es gilt, die Zeit zu überbrücken, bis es endlich vorbei ist. Wenn man sich wegen Liebe getroffen hat, aber gar keine Chance auf Liebe besteht, worüber redet man dann eigentlich noch die folgenden Anstandsminuten?

10, zwanzig, dreißig unerträgliche Anstandsminuten. Ohne irgendeinen verdammten Sinn. Die Beziehungsform „Menschen, die sich nicht mögen und zu zweit in einer Bar trinken“ gibt es nicht. Genau in dieser Situation befindet man sich aber. Jeder Smalltalk wird überflüssig. Ehrlicherweise müsste das Gespräch jetzt so ablaufen: Ich: „Was willst du noch mal nach dem Studium machen?“ Sie: „Warum willst du das überhaupt wissen, du Arsch? Du interessierst dich doch gar nicht für mich!“

 

Weil ich diese Situation so hasse, versuche ich nett und freundlich zu wirken, aber nicht aktiv nach vorne zu gehen. Ich will niemanden verletzen – und mache dadurch alles nur noch schlimmer. Das sieht dann so aus:

 

Annette erzählt von ihren Lieblingsserien. Ich höre interessiert zu und nicke. Dann greift sie nach meiner Hand. Ich könnte zurückziehen, doch was dann? Dann muss ich es ihr sagen. Aber naja, ein Händehalten hat ja noch nichts zu bedeuten. Es ist unangenehm, aber ich bleibe danach einfach distanziert, dann wird sie es schon verstehen. Annette interpretiert mein passives Verhalten aber offensichtlich nicht als Desinteresse. Als sie bemerkt, dass ich nervös auf meinem Platz hin–und herrutsche, fragt sie: „ Sag mal, bist du eigentlich schüchtern? “ Jetzt wäre die Chance gekommen. Es bräuchte nur einen einfachen Satz: „ Nein. Ich fühle mich hier einfach nicht ganz wohl.“ Doch dann schiebt sie noch ein Kompliment über mein Sweatshirt hinterher – so nett– und wieder will ich ihren Abend nicht verderben und antworte im Affekt: „Ja ich bin schon ein bisschen schüchtern.“ Im nächsten Moment wird mir klar, wie tollpatschig dieser Satz ist. Jetzt wird sie umso mehr die Initiative ergreifen. Die Situation reißt mich mit.

 

Nach dieser Aussage ist klar, dass es nur schlimmer kommen kann. Meine zweideutigen Signale führen in eine Datespirale. Annette redet nicht mehr, sondern sieht mir lange Sekunden in die Augen. Ihr Kopf bewegt sich langsam auf mich zu. Ich tue so, als ob ich es nicht bemerke und breche das Schweigen. Sie hält inne. Wenigstens das klappt, aber verstanden hat sie mich nicht. Logisch: Das Händehalten und mein saudummer Schüchternheitsspruch. Am liebsten würde ich sie anschreien: Ich bin nicht schüchtern. Ich will einfach nichts von dir.“

 

Ein Kuss ist ein gutes Zeichen, ein Handschlag ein schlechtes und eine Umarmung hält alles offen

 

Im Verlauf des Abends nimmt Annette immer mal wieder meine Hand. „Beim zweiten und dritten Mal ist es auch zu spät etwas dagegen zu sagen“, denke ich. Zum Glück bin ich jetzt gut betrunken und schäme mich nicht mehr ganz so sehr. Doch das Schlimmste – die Verabschiedung– liegt noch vor mir. Dort zeigt sich, wie ein Date verlaufen ist. Ein Kuss ist ein gutes Zeichen, ein Handschlag ein schlechtes und eine Umarmung hält alles offen. Ich hoffe auf eine Umarmung. Annette nicht. Sie nimmt meine Hände und zieht mich an sich. Ich spüre ihren Atem. Es gibt keinen Ausweg mehr. „Korb oder Küssen. Mach...Schnell...“ Dann kollidieren unsere Lippen. 

 

Zu Hause suche ich im Internet: „Wie gebe ich charmant einen Korb? “, denn der Wahnsinn muss ein Ende haben. Ich lande auf einer Seite, die einen Überblick über die Begriffsgeschichte des Sprichwortes gibt:

Im Mittelalter gab es die Erzählung, dass die Angebetene den Verehrer in einem großen Korb mittels Seilzug nach oben zu ihrem Fenster zog. Wenn die Frau es sich anders überlegte, ließ sie den Mann auf halber Strecke nach unten fallen.

 

Ich schrecke aus dem Schlaf. In meinem Traum saß Annette in einem Korb. Sie brach sich ihr Herz. Das Geräusch eines Rasenmähers, der stotternd ausgeht. Sie wird sich wieder melden. Dann muss ich es ihr sagen. Am Telefon ist das alles viel leichter. Man legt auf und es ist vorbei.

 

 

 

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