Wie mich der Heiratsantrag zu Hugh Grant machte

Wenn's um die Ehe geht, geht die Individualität verloren. Folge eins unserer Hochzeitskolumne „Vik will“.
Von Viktor Szukitsch
Illustration: Katharina Bitzl

Es wird viel geheiratet derzeit. Aber wie heiratet man als junger, emanzipierter Mann im 21. Jahrhundert eine junge, emanzipierte Frau? Mit welchen Rollenklischees, Traditionen und Ansprüchen wird man konfrontiert und wie geht man mit ihnen um? Und: Wie fühlt sich das eigentlich an, ein Braut- und dann ein Ehepaar zu sein? Diese und andere Fragen beantwortet unser Autor wöchentlich in der Kolumne „Vik will“. Heute, Folge eins: der Antrag.

Ich erinnere mich nicht, je darüber nachgedacht zu haben, ob ich Tina einen Antrag machen sollte. Gefühlt stand das schon immer fest. Ich habe lediglich mit der Ausführung gewartet, bis meine Freundin mir subtil zu verstehen geben würde, dass es jetzt okay wäre, sie zu fragen. Dass ich Chancen auf ein „Ja“ hatte.

Wir waren beide auf dem Dorf aufgewachsen und verbanden eine frühe Heirat mit eben diesem dörflichen Leben, das wir in unserer Wahlheimat Hamburg unbedingt ablegen wollten: früh heiraten, früh ein Haus kaufen, früh Kinder kriegen, um die sich die Frau dann mehr oder weniger allein kümmerte, während der Mann die Raten abbezahlte – nicht mit uns.

Und so musste Tina erst einige unserer Stadt-Freunde vor den Altar treten sehen und dann selbst 27 werden, ehe sie die Vorstellung von sich als Ehefrau überhaupt ertragen lernte und ich an der Art, wie sie über das Thema sprach, zu erkennen meinte, dass die Zeit für meinen Antrag gekommen war.

  • Warum ausgerechnet heiraten? War ich so altmodisch?

Aber wie gesagt: Ob ich sie heiraten wollte, war – vor der Verlobung zumindest – nie eine Frage für mich gewesen. Und so romantisch das klingt, ist das doch auch seltsam: Warum ausgerechnet heiraten? War ich so altmodisch, dass mir das als unvermeidlich nächster Schritt in unserer Beziehung erschienen war? So einfallslos, dass ich zum Liebesbeweis auf diese abgenutzte Institution zurückgreifen musste? So unsicher, dass ich Tina auf diese Weise an mich binden wollte, um nicht fürchten zu müssen, dass sie mich verlässt oder betrügt? So blöd zu glauben, dass das funktionieren könnte?

Vielleicht war es aber auch gar nicht so sehr die Ehe selbst, auf die ich es abgesehen hatte. Vielleicht war es in erster Linie der Antrag: diese Gelegenheit, mein charmantestes Selbst sein zu dürfen. Es ging mir womöglich weniger darum, mit Tina das hohe Fest unserer Liebe zu feiern als um meinen ganz persönlichen Triumph, wenn ich diese wunderbare Frau durch tausend kluge Winkelzüge zu einem „Ja“ bewegte. Vik, der gewiefte Stratege. Vik, der beste Boyfriend der Welt. Ja, vielleicht sah ich in dem Antrag eine sportliche Herausforderung. Das wäre jedenfalls eine Erklärung dafür, warum ich mich den traditionellen Gepflogenheiten bald so bedingungslos fügte, als seien es Regeln in einer olympischen Disziplin.

So rief ich zum Beispiel bei meinen potenziellen künftigen Schwiegereltern an, um mir, wie sich das gehört, ihren Segen abzuholen. Tinas Mutter, mit der ich am Telefon widerwillig vorlieb nahm, weil ihr (eigentlich zuständiger) Mann an diesem Tag nicht zuhause war, reagierte irritiert. „Hä? Ja, keine Ahnung, mach halt“, sagte sie und schien nicht zu verstehen, was sie unsere Verlobung bitte angehen sollte. Wenn ich ganz ehrlich war, wusste ich das ja auch nicht. Aber so waren die Regeln, und die Regeln waren heilig!

Bei der Wahl des Verlobungsrings argumentierte ich geschickt gegen jede Variante, die vom absoluten Mittelweg abwich. Den Ring selbst zu basteln hielt ich für kindisch. Der Schmuck in Indieläden lag preislich zu weit unter den zwei Monatsgehältern, die man laut Internet für Verlobungsringe ausgibt. Und ein Vintage-Ring aus den Fünfzigern passte nicht in die moderne Ehe, die ich mit Tina führen wollte. So landete ich schließlich beim „zeitlosen“ Tiffany Setting, der seit über 130 Jahren an Tausende glückliche Finger gesteckt worden war. Der war erwachsen genug, teuer genug und so wenig individuell, dass ich damit gar nichts falsch machen konnte.

  • Mein „Ja ich will“ sollte ein „Ja, ich bin einer von euch“ sein

Letzteres dachte ich zunächst auch von dem Ort, den ich mir für den Antrag ausgesucht hatte: Ich hatte uns ein Wochenende in Venedig gebucht. Venedig, mein Gott! Was war in mich gefahren? Kann es einen schlechteren Ort für einen Antrag geben als dieses Freizeitpark gewordene Altersheim? Warum bestand ich darauf, absolut jedes Klischee mitzunehmen? Aus Sport, vielleicht. Aus Angst, etwas falsch zu machen, sicher. Aber es war auch etwas anderes – ein weiterer Grund dafür, dass ich in Sachen Antrag eine Hugh-Grantisierung durchmachte:

Ich glaube, ich wählte keinen individuelleren Weg, weil es mir bei der Hochzeit gar nicht darum ging, unsere einzigartige Liebe zu feiern und von anderen abzugrenzen. Ganz im Gegenteil: Es ging mir vor allem darum, unsere Liebe in eine Reihe mit den Lieben unserer Eltern, Mitmenschen und Tiffany-Ring-tragenden Ahnen zu stellen. Nachdem ich mich mein Leben lang dagegen gewehrt hatte, so zu sein und so zu leben wie alle anderen, nahm ich unsere Liebe zum Anlass, endlich meinen Frieden mit der Gesellschaft zu schließen. Mein „Ja, ich will“ sollte ein „Ja, ich bin einer von euch“ sein.

Nur ein einziges Mal wagte ich es, vom angestammten Protokoll abzuweichen: Weil ich letztlich an der Antragstauglichkeit des Markusplatzes zweifelte, verwarf ich meinen Plan und beauftragte Freunde, während unseres Venedig-Wochenendes unser Wohnzimmer auszuräumen, sodass bei unserer Rückkehr alles so aussah wie an dem Tag, als Tina und ich zum ersten Mal in unsere gemeinsame Wohnung gekommen waren und damit diesen „großen, vertrauensvollen Schritt in eine gemeinsame Zukunft“ gemacht hatten, dem ich – wie ich mir für meine Antragsrede auf einem Spickzettel notierte – nun „einen noch größeren Schritt folgen lassen“ wollte.

Als ich nach dem Rückflug aus Venedig eine Viertelstunde vor Tina in unsere Wohnung kam, weil sie noch kurz zum Supermarkt wollte, sah ich sofort, dass unsere im Schlafzimmer aufgetürmten Wohnzimmermöbel nicht völlig ohne Schaden davongekommen waren. Die Oberseite der neuen Anrichte hatte beim Transport einen tiefen Kratzer abgekriegt. Mein selbstgebautes Regal lag in hundert Einzelteilen, die ich nie wieder zu einem Ganzen würde zusammenfügen können. Und das war nur, was ich von der Tür aus sehen konnte. Ganz sicher verbargen sich weitere Schäden in den hinteren Ecken und unteren Schichten des Möbelbergs.

  • Ich kam mir plötzlich vor wie ein Elfjähriger, der zu viel Aftershave auflegt, um seine Babysitterin zu verführen

Mehr brauchte es nicht, damit ich zutiefst bereute, vom Protokoll abgewichen zu sein. Ich begann zu schwitzen, ganz sicher wurde ich rot. Ich kam mir plötzlich vor wie ein Elfjähriger, der zu viel Aftershave auflegt, um seine Babysitterin zu verführen. Tina würde mich – da war ich sicher – für diese pseudo-kreative, übergriffige Idee mindestens anschreien oder aber – noch schlimmer – auslachen. Am liebsten hätte ich nun doch wieder alles genauso gemacht, wie es das Klischee vorschreibt. Aber meine Freundin würde in Minuten zurückkehren und der Markusplatz lag zwei Flugstunden entfernt.

Kein Weg zurück also. Im leeren, sonnengefluteten Wohnzimmer übte ich meinen Text, probte ich meinen Kniefall, schaute ich alle paar Sekunden aus dem Fenster auf die Straße, bis es endlich an der Tür klingelte und mein Filmriss beginnt.

Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist der große, weil noch unangepasste, Ring an Tinas schlankem Finger. Sie hatte Ja gesagt. Zu was – zu wem – das verstanden wir damals womöglich beide nicht.

  • Du kannst vom Heiraten gar nicht genug bekommen? Mehr gibt's hier:

  • teilen
  • schließen