Ihr heiratet doch nur noch für Instagram!

Das Heiraten ist von der höchsten Form der Liebesbekundung zur Königsklasse der Selbstinszenierung verkommen.
Von Lara Thiede
Foto: Taylor Harding / Unsplash

Gebe ich bei Google die Worte „Wie viel“ ein, ergänzt die Suchmaschine automatisch mit dem Vorschlag: „Wie viel kostet eine Hochzeit“. Die Antwort: eine Menge. 10.000 Euro, so sagen mir verschiedene Webseiten sei die magische Zahl, mit der Paare rechneten – aber in Wahrheit reiche das nicht. Das Warum für diesen hohen Preis findet man dann auf Instagram:

 

Sucht man nach Bildern mit dem Hashtag #hochzeit2015 spuckt Instagram 12.918 Treffer aus. #hochzeit2016 hat schon 43.144 Treffer, #hochzeit 2017 98.244, mehr als das Doppelte. Zu sehen sind da: Schöne Menschen in schöner Kleidung, traumhafte Locations, ganze Meere aus Blumen – fotografiert vom Profi-Fotografen. Die Social Media-Nutzer haben offenbar erkannt: Hochzeiten sind interessant. Wer heiratet, wird bewundert. Kein Wunder also, dass der Hashtag #hochzeit2018 jetzt schon 69.508 Treffer aufweist. Zur Erinnerung: Es ist Mitte Februar.

 

Dass Hochzeits-Hashtags so durch die Decke gehen, bedeutet zwei Dinge. Erstens: dass man das als Betrachter auch haben will. Manche nennen es „Sich inspirieren lassen“, ich nenne es „Neidisch werden“. Lösung: verloben und heiraten.

Zweitens: Dass man das Ganze eben immer noch einen Ticken schöner haben will als alle anderen. Man ist schließlich was Besonderes und es heißt ja wohl nicht umsonst „der schönste Tag des Lebens“. Lösung: Noch mehr Mühe und/oder Geld in das „Event“ Hochzeit stecken, als es die Mitstreiter zuvor schon getan haben. Der Wettbewerb ist eröffnet. Denn die Gefahr besteht, dass die Gäste oder zumindest Betrachter der Fotos denken könnten, das Ganze sei einem nicht wichtig genug gewesen.

So scheint das Heiraten inzwischen von der höchsten Form der Liebesbekundung zur Königsklasse der Selbstinszenierung verkommen zu sein. Wer mit seinem Schatz in der Bilderflut noch herausstechen will, muss dafür sorgen, dass er viele furchtbar wichtige Fragen mit „Wir natürlich!“ beantworten kann: Wer heiratet früher? Wer schöner? Wer hat mehr Gäste? Die tolleren Locations, Silberlöffel, Einladungskärtchen, Spiele, Fotos?

Damit der Social Media Auftritt an diesem wichtigsten aller Tage dann auch glückt, gibt es – Hurray! – inzwischen auch Ratgeber, die erklären, wie man alles inszenieren sollte. In einem Artikel des Online-Hochzeitsplaners Foreverly.com wird zum Beispiel erklärt, dass man sich am Besten einen eigenen Hashtag für seine Hochzeit überlegen sollte: „Spielt mit euren Namen“, wird empfohlen. So in etwa: „#JuleundAleximGlück“ oder „#baldMrMrsK“. 

In einem anderen Artikel gibt es weitere Tipps: Das Brautpaar möge doch die Gäste mit den meisten Followern bitten, Bilder von ihnen zu teilen. Oder das Video eines besonders toll choreografierten Hochzeitstanzes auf Youtube hochladen. Aber auch für solche Paare, die ihre Hochzeit intim halten wollen, gibt es einen Bomben-Tipp: Nutzt den Junggesellen-Abschied für die Darstellung auf Social Media!

Kommt der Trend zum Heiraten daher, dass man sich immer mehr selbstdarstellen will? 

Nun stellt sich mir aber die Frage nach der Henne und dem Ei. Was war denn nun zuerst da? Erst, ganz plötzlich, der Trend zum Heiraten, dann die vermehrte Selbstdarstellung? Oder erst die Erkenntnis, dass, wer heiratet, Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt, und daher der Trend?

Wissenschaftlich belegt ist der Zusammenhang zwischen der vermehrten Darstellung des Heiratswahns und der steigenden Zahl der Trauungen in Deutschland noch nicht. Da kann natürlich auch ich keine verlässlichen Aussagen treffen, aber ich finde es schon interessant:

2010, 2011, 2012 war Heiraten noch out. So zumindest bezeichneten es damals die Medien. Singles und Paare schlossen die Ehe immer häufiger kategorisch aus, schrieben sie. Zu altmodisch und verspießt erscheine der Mehrheit das Konzept. Zu groß sei angesichts steigender Scheidungsraten seit den Fünfzigerjahren die Angst vor dem Rosenkrieg am Ende. Auch in meinem persönlichen Umfeld hörte ich vor allem das Mantra: „Die Ehe ist staubig und böse.“ Es gab schließlich gute Gründe, dass die Leute den Glauben an den „Bund fürs Leben“ verloren hatten: Er hält durchschnittlich nur 15 Jahre lang – und wird am Ende meist nicht durch den Tod, sondern vom Richter geschieden.

Und dann, Ende 2012, wird auf VOX die Serie „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ fester Bestandteil im Nachmittagsprogramm. Dort bewerten vier Bräute gegenseitig akribisch die Hochzeiten der anderen. Beachten sollen sie dabei Brautkleid, Stimmung, Essen, Deko, Location, einfach alles. Und zum Glück wird es gleichzeitig dank Netzwerken wie Facebook, Pinterest und Instagram viel einfacher, sich ein Stück vom Aufmerksamkeitskuchen abzuschneiden – ohne sich damit gleich im Fernsehen präsentieren zu müssen.

Danach hat sich die Zahl der standesamtlichen Trauungen in nur drei Jahren um fast zehn Prozent erhöht: Im Jahr 2014 heirateten laut Statistischem Bundesamt rund 386.000 deutsche Paare, 2016 schon etwa 410.000. Deutschland verzeichnet also tatsächlich zum ersten Mal seit den Fünfzigerjahren einen erkennbaren Aufwärtstrend, der auch 2018 nicht abbrechen wird.

Heiratet jetzt denn jeder?

Mittlerweile gibt es deshalb auch noch hunderte andere Hashtags auf Instagram, über die sich Heiratswillige austauschen können – die beliebten englischen nicht einmal eingerechnet: #hochzeitsschuhe, #hochzeitsfrisur, #hochzeitstorte, #hochzeitsguide, #hochzeitskerze und so weiter und so weiter. Es gibt einen, der alle anderen Hashtags dieser Kategorie eigentlich gut zusammenfassen könnte: #hochzeitswahn.

„Mei“, denkt man sich angesichts dieser hochzeitsbetonten (Sozialen) Medienlandschaft immer wieder. „Jetzt heiratet ja jeder.“ Realistisch gesehen bedeuten ein Plus von 25.000 Brautpaaren in drei Jahren aber natürlich nicht, dass jetzt tatsächlich jeder heiratet. Es fühlt sich lediglich so an, weil man Hochzeiten heute eben kaum noch übersehen kann. Der Trend zum Heiraten ist damit offensichtlich eher der Trend zum „Heiraten als Spektakel“, ein Hype um die Veranstaltung des Lebens.

Natürlich heiraten die meisten Paare nicht aus reinem Instagram-Erfolgs-Kalkül, sondern vor allem aus Liebe. Aber die Inszenierung ist eben doch ein Bonus, der für viele überzeugend wirken kann. Schade allerdings für sie, dass die wenigen Augenblicke Hochzeitsruhm nicht allzu lange halten. Eine Ehe verliert nämlich nicht nur häufig schon nach kurzer Zeit an romantischem Zauber. Sondern auch an Reichweite:

#hochzeit: 1.633.644 Treffer. #ehe: 69.416 Treffer.

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