Eine Affäre zu haben bedeutet nicht zwingend, dass am Ende kein Herz gebrochen wird.

Eine Affäre zu haben bedeutet nicht zwingend, dass am Ende kein Herz gebrochen wird.

Foto: laubatt / photocase

Ich sitze mit meiner Freundin Klara (Name geändert) in einer Kneipe. Die Menschen wippen zum Takt eines Indie-Songs. Klara bekommt von alldem nichts mit. Sie umklammert ihren mittlerweile lauwarmen Bierkrug und schluchzt. Der Grund: Liebeskummer – und zwar so richtig. Wegen Paul (Name geändert). Aus einem One-Night-Stand ergab sich ein weiteres Treffen und ein weiteres und noch eines – jedes Mal mit dem Deal, dass es unverbindlich bleibt. Vier Wochen durchlebte sie dann das Kribbeln im Bauch und die Adrenalinschübe. Sie verbrachte fast jeden Tag mit ihm, gab ihre geheimsten Anekdoten preis, entdeckte neue Seiten an sich und erlebte grandiosen Sex. Spätestens während ihres gemeinsamen Kurztrips nach Amsterdam war ihr klar, dass sie verknallt ist. 

Und nun sitzt sie hier wie ein Häuflein Elend, denn vor zwei Tagen hat Paul sich für immer verabschiedet. Er wollte eben nur die Affäre, keine Beziehung. Klara ist todtraurig deswegen, aber anstatt jetzt lange und breit darüber zu sprechen, ist ihr etwas anderes anscheinend noch sehr viel wichtiger: „Kein Wort zu meinen Geschwistern. Nur du und meine Freundin Tina wussten von Paul. Meine Schwester ahnt zwar was, aber die darf davon auf keinen Fall erfahren“, war der erste Satz, den ich von ihr zu hören bekam. Denn Klara schämt sich dafür, sich bei jemanden fallen gelassen zu haben, den sie erst so kurz kannte – und der sie fairerweise immer wieder daran erinnert hatte, dass er sich nicht binden möchte. 

Ungewöhnlich ist ihre Geschichte nicht. Affären geheim zu halten, ist in Zeiten von Dating-Apps normal. Der Liebeskummer danach kann aber ein extrem schmerzhaftes Versteckspiel sein. Warum nur fürchten wir uns so sehr davor, unseren engsten Vertrauten von dem traurigen Aus zu erzählen? Sie darum zu bitten, uns sofort mit Schoko-Eiscreme zu besuchen, uns zu sagen, dass wir keine Schuld tragen, und wenn der andere nicht erkennt wie toll wir sind, er sowieso total verklatscht ist und keine Träne wert? Warum wird unsere Trauer erst ernstgenommen, wenn auf das Verliebtsein auch eine Beziehung folgt?

Es liegt wohl vor allem daran, dass Affären im 21. Jahrhundert immer noch einen verdammt schlechten Ruf haben. Ein Freund sagte mal, dass Affären was für Leute seien, die nur gemocht werden wollen. Durch eine Affäre würden sie eine Garantie auf Harmonie erhalten. „Wenn man das Ganze nicht Beziehung nennt, kann man es ja auch jederzeit ohne schlechtes Gewissen sehr einfach beenden“, lautete seine Begründung.

Das Label „Affäre“ bedeutet, dass die Beteiligten bitte nicht zu viel erwarten sollen

Feige drückt man sich also vor Verpflichtungen und Verantwortung. Versprechen wie „ich koche dir Tee, wenn du krank bist“, „ich höre die stundenlang zu, wenn du dich über deine Eltern aufregst“ oder „ich pushe dein Selbstwertgefühl, wenn dein Chef dich mal wieder niedergemacht hat“ gibt es nicht. Im Gegenteil: Wenn man zwei Tage lang nicht zurückruft, ist man nicht direkt ein rücksichtsloses Arschloch, sondern hatte einfach nur wahnsinnig viel zu tun. Kurz gesagt: Wenn auf dem, was zwei Menschen miteinander haben, das Label „Affäre“ klebt, dann heißt das auch, dass sie bitte nicht zu viel erwarten sollen – und vor allem hinterher auch nicht jammern. Wenn „Beziehung“ draufklebt, klar, dann darf man danach leiden wie ein Hund – aber bei sämtlichen Vorstufe hat man sich bitte zusammenzureißen und „erwachsen“ zu sein.

Vor allem vor einem Vorwurf fürchtet Klara sich am meisten: vor dem der Naivität. „Ich mach mich total zum Affen, wenn ich anderen davon erzähle. Vor dir schäme ich mich für nichts und nur deswegen ist das okay“, war ihre Antwort, als ich sie danach fragte, wie ich denn zu der Ehre kommen würde, von ihrem Staatsgeheimnis zu erfahren. Klara hat also Angst, das Naivchen zu sein, und dass jeder, dem sie von ihrem Schmerz erzählt, sie nicht ernst nehmen, sondern ihr bloß das Gefühl geben würde, dass er das Leid ja schon habe kommen sehen. Ja, in den Arm nehmen wäre sicher drin – aber womöglich gepaart mit einem spöttischen Kommentar wie: „Aber es war doch klar, dass daraus nichts Ernstes wird. Ach Herrje, warum verliebst du dich denn auch?!“

Antwort: weil Gefühle nun mal nicht mit dem Ideal „Partnerschaft“ verknüpft und Beziehungen auch nicht der heilige Gral für romantische Zweisamkeit sind. Affären sind nicht zwingend was viel Schlechteres. Nicht nur in einer langjährigen Beziehung entwickeln sich starke Gefühle. Auch eine Affäre kann intensiv sein. Weil man sich vielleicht schnell nahekommt, filmreif-romantische Situationen erlebt oder schreckliche, in denen man gezwungen ist, sich sehr schnell intime Dinge zu erzählen. Und plötzlich schleicht sich bei einem der Wunsch ein, dass es doch mehr als eine Affäre sein soll – auch, wenn das wie bei Klara und Paul ganz anders geplant war.  Bis dann einer das Urteil fällt: Nein, das mit uns, das wird nichts. Klaras Festhalten und die Hoffnung darauf, dass Paul vielleicht am selben Abend noch vor ihrer Tür steht, weil er es sich anders überlegt hat und ihm der Cut schrecklich leidtut, ist völlig menschlich und kein bisschen naiv.

Egal, aus welchem Grund man ihn hat, eines ist garantiert: Liebeskummer ist kaum auszuhalten!

Das Label „Affäre“ bedeutet also nicht automatisch, dass am Ende kein Herz gebrochen wird – oder dass man ein gebrochenes Herz zu ignorieren hat. Liebeskummer diskriminiert nämlich nicht und bleibt unberechenbar. Was bedeutet, dass es jeden treffen kann. Und egal, aus welchem Grund man ihn hat, eines ist garantiert: Liebeskummer ist kaum auszuhalten! Und doppelt so schlimm, wenn man ihn ganz allein ertragen muss.

Schämt euch also nicht und versucht nicht, euch zusammenzureißen, sondern vergrabt euch ruhig für Tage in euren Betten. Lasst euch von euren Freunden mit Verständnis überschütten. Fordert ruhig Taschentücher, Schokolade, eine Liste der kitschigsten Schnulzen und tägliche Besuche ein. Outet euch vor euren Eltern, damit sie euch drücken und euch sagen können, dass alles demnächst wieder gut ist – und wenn sie sagen „Das war doch klar“ oder „Stell dich nicht so an“, dann wehrt euch! Euer Kummer ist echt und er ist gerechtfertigt. Verabschiedet euch endlich von der Vorstellung, dass es nur eine Lebensrealität namens „Beziehung“ gibt, nach der Liebeskummer erlaubt ist. Zeigt, dass ihr gerade traurig seid! Unabhängig von eurer Vorgeschichte: Ihr habt ein Recht auf Liebeskummer!

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