Mit Mama in der Muckibude

Unser Autor wurde von seiner Freundin verlassen und wohnt wieder bei Mama. Folge 2: Gemeinsames Training.
Illustration: Daniela Rudolf
Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Seine Mutter ist zwar mit dieser Kolumne einverstanden, möchte aber lieber nicht mit all ihren Freundinnen darüber reden müssen. 

Seit drei Jahren sagt unser Hausarzt meiner Mutter, sie solle mehr Sport treiben. Zu Weihnachten habe ich ihr ein Trimm-Dich-Rad gekauft, das nun im Flur als Jacken-Ständer dient. Da liegt jetzt ihr Mantel drauf und mein Hoody darüber, weil meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat und ich jetzt wieder hier wohne, bis ich etwas Neues gefunden habe.

Im Gegensatz zu meiner Mutter mache ich jeden Tag Sport. Seit vorgestern. Die einen stürzen sich nach einer Trennung auf die Akten, ich mich auf die Hanteln. Ich werde bald einen Waschbrettbauch haben und die Frauen werden in der Bar an mir hängen wie nasse Spaghetti an einer Wand.

Ich packe gerade im Flur ein Handtuch in meine Sporttasche, als meine Mutter aus der Küche kommt und fragt: „Gehst du zum Sport?“

„Ja. Bin so in zwei Stunden zurück.“

„Ach“, sagt sie und schaut einen Moment nachdenklich in die Luft. „Weißt du was? Da komme ich mit.“

Ich blicke aufgeschreckt von meiner Tasche hoch wie ein Reh in das Scheinwerferlicht eines heranrasenden Autos. „Wie?“

„Der Arzt hat gemeint, ich müsste mich dringend mehr bewegen, wegen meines Blutdrucks.“

„Ja, vor drei Jahren.“

„Eben. Höchste Zeit, damit endlich anzufangen.“

Wie sich herausstellt, ist meine Mutter bereits seit Jahren in dem gleichen Fitnessstudio wie ich angemeldet, weil ihr Arbeitgeber 50 Prozent der Mitgliedschaft zahlt. Sie ist nur nie hingegangen. Die Gefahr, einem Schlaganfall zu erliegen, konnte sie nicht dazu bewegen. Die Aussicht, etwas mit mir zu unternehmen, schon.

Das Fitnessstudio ist nicht weit, wir gehen zu Fuß.

„Ist das nicht toll? Mutter und Sohn machen zusammen Gymnastik“, frohlockt sie, während wir die Straße entlang laufen.

„Ich mache keine Gymnastik.“

„Nein?“

„Nein! Gymnastik ist, wenn man mit einem Stirnband im Wohnzimmer vor dem Fernseher zur DVD ,Telegym‘ den Hampelmann macht.“

„Und was machst du?“

„Na, Bodybuilding.“

„Aha“, macht sie. „Also dann ist es eben toll, dass Mutter und Sohn zusammen Bodybuilding machen.“

Sie schafft es sogar, dem Wort „Bodybuilding“ seine brachiale Wirkung zu nehmen.

Nachdem wir im Fitnessstudio angekommen und uns umgezogen haben, fragt meine Mutter unten im Geräteraum: „So, womit fangen wir an?“

„Erstmal 20 Minuten laufen“, sage ich und deute auf die Laufbänder hinten an der Wand.   

Ungefähr nach einem halben Kilometer höre ich die Stimme meiner Mutter neben mir: „Darf ich dich kurz unterbrechen?“

„Hä?“ schnaufe ich.

„Ich glaub, du läufst falsch.“

„Was ist los?“

Meine Mutter schaltet ihr Laufband auf eine niedrige Stufe. „Guck mal auf meine Füße.“

In Zeitlupe setzt sie erst die Ferse auf das Gummi und anschließend Stück für Stück den Rest des Schuhs. Es sieht ein bisschen aus, als würde eines von den Golden Girls David Hasselhoff im Intro von Baywatch imitieren.

„Du musst den Fuß abrollen.“

„Ja, ja“, sage ich und laufe weiter.

„Wirklich.“

Nichts ist so unangenehm wie deine Mutter, die dich beim Bankdrücken anfeuert

Ich drücke auf die Stop-Taste auf meinem Laufband. Zeit für eine Ansage. Mit gedämpfter Stimme sage ich: „Es ist in Ordnung, wenn wir zusammen zum Sport gehen. Aber könntest du mich bitte trainieren lassen, wie ich möchte? Außerdem denke ich, dass ich ein bisschen mehr Erfahrung beim Sport habe, als du.“

Sie tut mir sofort ein bisschen leid, jetzt, wo sie so eingeschnappt guckt. Aber es ging nicht anders. Ich schalte mein Laufband wieder höher und auch meine Mutter legt wieder einen Zahn zu.

Fünf Minuten später stellt sich ein Instructor neben mich und meint: „Du, wart mal kurz.“

Oh Mann. Wieder runterschalten. Das ist ja hier wie im Stadtverkehr. „Ja?“

„Du läufst falsch.“

Hinter ihm meine ich ein leises Prusten zu hören.

„Oh, ja?“

„Versuch mal den Fuß beim Aufsetzen abzurollen.“

„Alles klar“, sage ich und rolle den Fuß einmal musterschülermäßig für ihn. Den blöden Fitness-Lehrer kann ich schließlich nicht anpflaumen, wie meine Mutter.

„Genau, so ist es besser“, sagt der Instructor und dreht wieder ab.

„Super, danke.“

„Gerne.“

Dämlicher Klugscheisser. Ich hasse Instructoren, die einen korrigieren. Lieber habe ich einen Haltungsschaden, als das jemand dem ganzen Raum verkündet, dass ich zu blöd für Sport bin.

Heute ist Dienstag, also Brust-Tag. Deswegen gehen wir anschließend rüber in den Freihantelbereich. Und nach drei Minuten lerne ich: Nichts ist so unangenehm wie eine Mutter, die dich beim Bankdrücken anfeuert. Ich würde lieber das Gebrüll eines stiernackigen Drill-Partners ertragen.

Ich kann die hämischen Blicke der anderen Mitglieder um uns herum regelrecht spüren. So beobachtet habe ich mich nichtmal gefühlt, als ich in Wien versehentlich in ein Hardcore-Studio geraten bin, wo selbst die Damen breiter sind als ich. Vielleicht täusche ich mich auch und es liegt an etwas anderem: Ich fühle mich einfach nicht wohl mit meiner Mutter in der Öffentlichkeit. Sie ist mir peinlich, obwohl sie nichts falsch macht. Im Gegenteil: Eigentlich ist sie ein wirklich lieber Mensch und will nur mein Bestes. Aber ich hab immer das Gefühl, mit ihr zusammen zu sein ist, als würde ich meine Schmusedecke mit mir rumtragen. Es ist unmöglich, mit ihr als erwachsener Mann betrachtet zu werden. Hier im Gym gilt das neben all den muskelbepackten Alphamännchen noch viel mehr.

Ich breche das Training ab und sage meine Mutter, dass ich mir etwas gezerrt habe und nach Hause gehe. Daraufhin schlägt sie mir vor, die Sauna aufzusuchen, weil die Wärme der Zerrung gut tue. Ich habe Angst, dass sie da auch mitkommen würde und lehne ab. Das fehlt mir gerade noch.

Du bist jünger als 60 und bereit, unseren Autoren aufzunehmen, damit er nicht mehr bei seiner Mama wohnen muss? Dann schreib ihm am besten direkt an: Mutter.Soehnchen83@gmx.de

Du hast die erste Folge der Muttersöhnchen-Kolumne verpasst? Hier ist sie: