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Illustration: Daniela Rudolf

Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich meine Mutter gebeten, mich im Judo-Verein anzumelden. Ich war zu der Zeit ein großer Fan von Chuck Norris. Taekwondo und Karate waren meiner Mutter allerdings zu brutal, deswegen einigten wir uns auf Judo. Als ich die Halle betrat, in der der Kurs stattfand, waren dort außer mir nur siebenjährige Jungs und Mädchen, die mir alle bis zur Hüfte reichten. Um die Peinlichkeit noch zu steigern, war ich trotzdem der Schlechteste.

Wie sich zeigte, hatte meine Mutter mich aus Versehen im Fortgeschrittenen-Bambini-Kurs angemeldet. Als es mir auch nach fünf Versuchen nicht gelungen war, eine Judo-Rolle auf der Matte vorzuführen, und die Grundschüler hinter mir schon Bauchschmerzen vor Lachen hatten, nahm mich der Lehrmeister zur Seite und meinte, dass dieser Kurs nicht das Richtige für mich sei. Mit Tränen in den Augen fuhr ich auf meinem Fahrrad wieder nach Hause. Diese 15 Minuten Judo-Training waren die einzige Kampferfahrung, die ich bisher gemacht habe.

Heute, 24 Jahre später, starre ich auf meinen Laptop und gucke ein Youtube-Tutorial: „Kung Fu for Beginners“. Zwei Kerle stehen in einem Hinterhof und führen Kicks vor. Ich stehe währenddessen in der Küche meiner Mutter und trete aus Versehen ihre Etagere vom Esstisch. Das gibt nachher bestimmt Ärger, mir ist trotzdem lieber, das dreistöckige Gestell geht zu Bruch, statt dass mir jemand meine Nase zertrümmert. Die ist nämlich massiv bedroht, seit meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat und ich vorübergehend wieder bei meiner Mutter wohne. Dazu muss ich vorausschicken, dass meine Mutter eigentlich eine sehr friedliche Frau ist. Es gibt aber fünf Dinge, die sie auf die Palme treiben:

1. Der Film „Judge Dredd“ („So ein Unsinn.“)

2. Handy-Aufladekarten („Kapiert doch kein Mensch.“)

3. Donald Trump (bedarf keiner weiteren Erklärung)

4. Jumbo-Kreuzfahrtschiffe vor Venedig („Eine Schande.“)

5. Falschparker

Sobald Mama ein widerrechtlich abgestelltes Fahrzeug erspäht, zückt sie ihren Block

Letzteres liegt vor allem daran, dass sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzt. Das führt leider dazu, dass sie am Samstag bei schönem Wetter nicht wandern geht wie andere Senioren, sondern die Straße vor unserem Haus auf- und abmarschiert und Autos aufschreibt, die keinen Parkschein oder Anwohnerausweis haben. Sobald sie ein widerrechtlich abgestelltes Fahrzeug erspäht, zückt sie einen kleinen Block mit gelben Post-its und schreibt darauf: „Sie stehen im Halteverbot. Fahren Sie ihr Auto weg oder ich melde Sie der Polizei!!!“ Danach pappt sie ihn an die Frontscheibe des Wagens.

Meine Mutter ist nun mal der Meinung, es könne nicht angehen, dass Anwohner in ihrer eigenen Straße keinen freien Parkplatz finden. Sie selbst fährt übrigens kein Auto, das nur als Randnotiz.

Natürlich schreibt meine Mutter nicht ihren Namen unter diese Hinweise. Trotzdem hat ein BMW-Fahrer gestern irgendwie herausgefunden, wer ihm die Drohung an sein Auto geklebt hat – und vor allem: wo die Person wohnt. Meine Mutter war gerade beim Einkaufen, als der Herr plötzlich an unserer Tür klingelte. Ich dachte, es wäre der DHL-Bote und drückte auf den Türöffner. Ich hatte gerade noch auf der Terrasse gedöst und trug lediglich Shorts und ein T-Shirt, als ein aufgebrachter Kerl Anfang 40 mit stämmiger Statur vor mir stand und mich anbrüllte, was der Quatsch mit dem Zettel solle. Dabei wedelte er mit dem Post-it so heftig vor meiner Nase, dass ich mir nicht sicher war, ob er mir damit drohen wollte oder ob die Notiz bloß an seinem Finger pappte und er versuchte, sie abzuschütteln. Aber auch so plumpste mein Herz vor Angst zwei Stockwerke hinunter und versteckte sich zitternd hinter meinem Magen wie ein Kleinkind hinter den Beinen seines Papis.

Jetzt schlägt er bestimmt gleich zu. Bauchmuskeln anspannen, dann tut es vielleicht nicht so weh

Ich habe immer gedacht, wenn ich mich mal prügeln sollte, dann wegen einer Frau. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass diese Frau meine Mama sein würde. Unser Diskurs über die drohende Anzeige lief folgendermaßen ab:

Fremder (brüllend): „Sie ticken wohl nicht mehr ganz richtig!“

Ich (in Gedanken): „Ob so ein Faustschlag wohl schmerzhafter ist als neulich, wo ich mir den Daumen am Kicker-Tisch eingequetscht habe?“

Fremder (brüllend): „Wissen Sie was? Ich sollte Sie verklagen. Wegen Verschandelung meines Eigentums.“

Ich (in Gedanken): „Jetzt schlägt er bestimmt gleich zu. Okay, Kau- und Bauchmuskeln anspannen, dann tut es vielleicht nicht so weh.“

Fremder (brüllend): „Wenn Sie mir noch einmal so einen Scheiß-Zettel ans Auto kleben, dann lernen Sie mich kennen, das garantiere ich Ihnen!“

Ich (angestrengt und in Gedanken): „Oh Gott, lange kann ich die Spannung nicht mehr halten. Ich muss gleich pupsen. Wann schlägt er denn nun endlich zu?“

Tatsächlich ist am Ende gar nichts passiert. Als dem Mann die Puste ausging, versicherte ich ihm, dass niemand vorhabe, zur Polizei zu gehen. Und, dass ich mit meiner Mutter ein ernstes Wort reden würde, damit sie in Zukunft aufhört, unbescholtene Fahrzeughalter zu belästigen.

Gut, dass ich diese Kolumne anonym schreibe, dachte ich, als ich die Tür schließlich mit einem Aufatmen wieder schloss. Sonst wüsste der Mann vermutlich, dass ich genauso gut der Stubenfliege, die hier gerade durch die Küche surrt, befehlen könnte, nicht mehr gegen die Fensterscheibe zu fliegen. Weder die Fliege noch meine Mutter hören auf mich. Ich werde meine Youtube-Kung-Fu-Ausbildung also fortsetzen müssen. Aber nicht mehr heute. Jetzt muss ich erstmal in die Stadt und eine neue Etagere kaufen. Sonst habe ich heute Abend gleich den nächsten Kampf. Und gegen Mama kann ich nicht gewinnen.

Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Seine Mutter ist zwar mit dieser Kolumne einverstanden, möchte aber nicht mit ihren Freundinnen darüber reden müssen.

Du bist jünger als 60 und bereit, unseren Autor aufzunehmen, damit er nicht mehr bei seiner Mama wohnen muss? Dann schreib ihm am besten direkt an: Mutter.Soehnchen83@gmx.de

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