muttersoehnchen schwester cover
Illustration: Daniela Rudolf

Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Seine Mutter ist zwar mit dieser Kolumne einverstanden, möchte aber nicht mit ihren Freundinnen darüber reden müssen.

Vor zwei Wochen war meine Schwester zu Besuch. Ich sehe sie nicht oft und habe mich sehr auf ihre Ankunft gefreut. Zugegeben: Das war nicht nur aus Geschwisterliebe. Da war auch ein bisschen Egoismus dabei. Ich dachte, solange meine kleine Schwester hier ist, lässt meine Mutter von mir ein bisschen ab. Seit meine Freundin mit mir Schluss gemacht und ich wieder Zuhause wohne, erdrückt sie mich mit ihrer Fürsorge. Nach drei Monaten im Schoß meiner Mutter konnte nun ruhig meine Schwester mal meinen Platz einnahmen und ein bisschen leiden. 

Aber als ich an ihrem ersten Abend nach Hause kam, saßen die beiden harmonisch wie die Teletubbies im Wohnzimmer und färbten sich gegenseitig die Augenbrauen. Ich wusste noch nicht mal, dass man Augenbrauen überhaupt färben kann. 

In den darauffolgenden Tagen erlebte ich, wie meine Mutter und meine kleine Schwester gemeinsam im Bett lagen und eine ganze Nacht alte Folgen von „Inspector Barnaby“ guckten. Wie meine Mutter und meine kleine Schwester gemeinsam auf dem Sofa strickten und wie meine Mutter und meine kleine Schwester gemeinsam auf dem Balkon Tee tranken.

„Was ist das jetzt für einer?“

„Der heißt Sonnenwende“

„Hmm. Lecker.“

„Nicht wahr? Erinnert mich an bisschen an den Blütenregen, den wir neulich hatten.“

„Stimmt.“

„Wobei... an den Geschmack vom Juweltröpfchen kommt er nicht heran.“

„Findest du? Lass mich noch mal probieren ...“

Dagegen wirkt die Teestunde bei der Queen geradezu wie Kampfsaufen.

Hätte es bei uns Spaghetti zum Abendessen gegeben – die beiden hätten zusammen an einer Nudel gezuzelt wie zwei verliebte Disney-Hunde. Widerlich. Ekelhaft ist das.

Ich bin eifersüchtig. Ich verstehe nicht, warum meine Schwester mit meiner Mutter so gut auskommt

Ja, ich gebe es zu: Ich bin ein bisschen eifersüchtig. Ich verstehe nicht, warum meine Schwester, im Gegensatz zu mir, mit meiner Mutter so gut auskommt. Liegt es am Ende etwa an mir? Eine schwierige Frage.

„Klar liegt das an dir“, sagte meine Schwester. „Du verbringt doch nie Zeit mit ihr.“

„Hallo? Ich wohne hier. Ich verbringe 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche mit ihr.“

„Und wie oft davon unternimmst du etwas mit ihr?“

„Ich war mit ihr neulich in Tallinn.“

„Super, einmal in drei Monaten. Und sonst?“

Ich zögere. „Äh... wir waren zusammen beim Sport!?“

„Hab ich gelesen. Ganz toll. Da hast du sie doch bloß kritisiert.“

„Pff.“

„Lass dich doch mal auf sie ein. Vielleicht überrascht sie dich ja noch.“

Vielleicht hat meine Schwester ja Recht, dachte ich, und nahm mir vor, ihren Rat zu befolgen. Am letzten Wochenende, meine Schwester war bereits wieder abgereist, stand meine Mutter im Flur und griff sich gerade ihre Jacke vom Ergometer, der uns als Gaderobenständer dient.

„Gehst du weg?“ fragte ich sie.

„Ich treff' mich mit Freundinnen.“

„Ah.“

„Komm doch mit. Das wird sicher nett. Wir grillen und Anita hat eine Tochter in deinem Alter.“

Süß. Meine Mutter denkt, es würde immer noch reichen, dass die Kinder im gleichen Alter sind damit sie miteinander auskommen. Aber die Zeiten, in denen man Junge und Mädchen bloß zusammen in den Sandkasten setzen muss, damit sie miteinander spielen, sind leider vorbei. Warum eigentlich?

„Hm“, machte ich. Ich würde lieber zu einer Darmspiegelung gehen als auf ein Grillfest der Freundinnen meiner Mutter. Andererseits hatte ich mir ja vorgenommen, mich mehr auf sie einzulassen. „Also schön“, seufzte ich.

„Wirklich?“ meine Mutter machte ein Gesicht, als hätte ich ihr einen Enkel versprochen.

„Ja.“

„Supi. Du wirst es nicht bereuen.“

Fünfzehn Minuten später habe ich es bereits bereut. Ich saß im Gras auf einem Gartenstuhl und guckte auf einem Beamer die royale Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Die Tochter von Anita war natürlich nicht da. Dafür saßen um mich herum fünf Damen über 60, die alle ihre Begeisterung für dieses Event auf mich übertragen wollten. Das erinnerte mich an die alten Tage, als ich noch mit meiner Freundin zusammen war und ich ihr während des Champions-League-Finales aufgeregt erklärte, warum ein Sieg von Real historisch wäre und Ronaldo in meinen Augen besser als Messi sei. Sie quittierte meine Erläuterungen damals mit dem gleichen Gähnen, das mir nun auf der Gartenparty rausrutschte.

„In den Brautschleier hat man extra kalifornische Mohnblumen gestickt, als Symbol für die Herkunft von Meghan Markle.“

„Aha.“

„Und die Blumenkinder sind alles Patenkinder des Brautpaares.“

„Aha.“

„Die Hüte heißen übrigens Fascinator.“

„Aha.“

Kein Wunder, dass meine Mutter bei Fußballspielen immer das Bedürfnis hat, die Frisuren zu kommentieren, statt sich auf das Geschehen auf dem Rasen zu konzentrieren. Sie kennt es nicht anders. Bei royalen Hochzeiten scheint die Kopfbedeckung ein riesen Thema zu sein.

Kurzum: Es war brutal und ich war erleichtert, als Harry endlich „Ja“ gesagt hatte und meine Mutter sagte: „Wir gehen jetzt.“

Eine Weile musterte ich meine Mutter von der Seite. Wer ist diese Frau?

Im Auto auf dem Rückweg lief das Radio. Natürlich ging es auch hier um die Hochzeit und die Moderatoren spekulierten, wohin Prinz Harry und Meghan Markle in den Flitterwochen fliegen. Am Ende kam man zum Schluss, das es wohl nach Afrika gehen würde, da beide große Fans des Kontinents seien.

„Oh ja“, seufzte meine Mutter. „Da würde ich auch gerne nochmal hin.“

„Du warst schon mal in Afrika?“, fragte ich erstaunt.

„Da schaust du, was? Ich war nicht immer die tüdelige Mutti.“

„Aber du fühlst dich doch schon unwohl, wenn du in München mit der U-Bahn fährst.“

„Tja. Wart mal ab, was die Zeit aus dir macht.“

„Wo warst du da?“

„Ach“, sagte meine Mutter. „Botswana, Namibia, Südafrika ...“

„Krass.“

„Südafrika war wirklich krass.“

„Warum?“

Und dann erzählte meine Mutter mir eine Geschichte, wie sie am Strand von Kapstadt eines Nachts in eine Schießerei geraten ist. Meine spannendste Anekdote hingegen handelt lediglich davon, wie mein Zahnarzt mal androhte, dass mir eventuell ein Weisheitszahn gezogen werden musste – und dann, nach dem Studium der Röntgenbilder, zum Glück aber doch drin bleiben konnte. Ich erfuhr von meiner Mutter, dass sie auch mal ein Jahr in Tokio gearbeitet hat und außerdem brüchig Finnisch spricht. Eine Weile musterte ich sie von der Seite, während sie das Auto nach Hause steuerte. Wer ist diese Frau? Und dann schlich sich an diesem frühen Samstagabend ein merkwürdiger Gedanke in meinen Kopf: Vielleicht ist meine Mutter doch nicht so uncool, wie ich bislang dachte

Du bist jünger als 60 und bereit, unseren Autoren aufzunehmen, damit er nicht mehr bei seiner Mama wohnen muss? Dann schreib ihm am besten direkt an: Mutter.Soehnchen83@gmx.de

Mehr aus unserer Muttersöhnchen-Kolumne: