Wo ich grad schon hier bin, kann ich ja auch...

Wo ich grad schon hier bin, kann ich ja auch...

Fotos: Karolina Szczur / Unsplash / freepik / Collage: jetzt.de

Als ich klein war, hatte meine Oma die Angewohnheit, spontan bei uns aufzutauchen. Ihr Erkennungszeichen war, dass sie zweimal klingelte. Immer, wenn ich mit meinen Geschwistern in unserer tristen Zweizimmerwohnung abhing und es auf einmal zweimal hintereinander läutete, hüpfte mein Herz. Ich rannte zur Tür und konnte es kaum erwarten, meinen Lieblingsmenschen zu begrüßen. Von der plötzlichen Freude über diesen Besuch konnte ich manchmal tagelang zehren. Außerdem trug ich meine gesamte Kindheit über die Vorfreude auf die spontanen Besuche meiner Oma im Herzen. 

Irgendwie schien es früher gesellschaftlich akzeptiert zu sein, spontan vorbeizukommen. Das mag daran liegen, dass die Menschen damals kein Whatsapp hatten, telefonieren teuer war und man sich einfach besuchen musste, um nach dem Rechten zu schauen oder den neuesten Tratsch zu erfahren.  

Aber heute klingelt fast niemand mehr unangekündigt bei mir. In meinem Freundeskreis ist es eher unüblich, sich spontan zu besuchen. Das finde ich schade. Wenn ich zufällig durch eine Gegend schlendere, in der eine Freundin wohnt und ich sie spontan besuchen will, schreibe ich ihr vorher und frage, ob sie da ist und Lust auf ein Treffen hat. Es kam schon vor, dass ich vor der Haustür einer Freundin auf ihre Antwort wartete, obwohl ich mir sicher war, dass sie sich über meinen Besuch freuen würde.

Verabredungen mutieren mittlerweile zum Staatsakt: Um ein Treffen zu organisieren, muss man ewig hin- und herschreiben und wahrscheinlich noch gucken, ob der Mond richtig steht. Wenn dann eine Verabredung ausgemacht ist, schwingt trotzdem immer noch das Gefühl mit, dass sie doch nicht stattfinden könnte. Denn ein Zweizeiler eine halbe Stunde vorm „Termin“ reicht ja, um abzusagen. Wer würde unter diesen Voraussetzungen auf die wahnwitzige Idee kommen, einfach so mal bei jemandem reinzuplatzen? 

Ich frage mich, woran es liegt, dass wir so unspontan geworden sind. Möglicherweise ist unsere neue Spießigkeit daran schuld. Wir planen halt gerne. Ich glaube, wenn wir könnten, würden wir sogar unsere eigene Geburt planen. Planbarkeit und die daraus entstehende Sicherheit finden wir geil. Bloß keine Risiken eingehen. 

Wenn man jemanden spontan besucht, geht man aber unweigerlich ein Risiko ein. Nämlich das Risiko, unwillkommen zu sein. Vielleicht passt es dem Freund oder der Freundin gerade nicht und er oder sie ärgert sich über meinen Besuch? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch. Mir selbst ist es schon passiert, dass ich mich darüber geärgert habe, als eine Freundin unverhofft bei mir klingelte. Ich hatte mich endlich dazu aufgerafft, meine Wohnung aufzuräumen und hatte keine Zeit fürs Plaudern – das redete ich mir jedenfalls ein. Grummelig drückte ich auf den Türöffnerknopf und wartete.

Als das „Haaallooo Nadaaa“ meiner Freundin durchs  Treppenhaus schallte, fiel der Frust von mir ab

Aber als ich meine Freundin die Treppen hoch stapfen hörte und ihr „Haaallooo Nadaaa“ durchs  Treppenhaus schallte, fiel der Frust schlagartig von mir ab. Ich freute mich. Mit einer kleinen Blume in einem brauen Plastiktopf saß Marie in meinem Wohnzimmer inmitten von Wäschebergen. Wir plauderten ewig – und trotzdem schaffte ich noch alles, was ich mir an diesem Tag vorgenommen hatte. Nur in besser gelaunt. 

Mittlerweile freue ich mich immer, wenn mich jemand spontan besuchen kommt. Ich finde, dass das jedes Mal ein realisiertes „Ich denke an Dich“ ist. Man zeigt dem Freund oder der Freundin, dass man sich extra die Mühe gemacht hat vorbeizukommen, weil man ihn oder sie vermisst. Oder weil man einfach gerne Zeit mit diesem Menschen verbringt. Und auch wenn es nicht immer ideal in den Zeitplan des Anderen passt, sieht der das meistens genauso und freut sich.

Wenn wir das nächste mal also einen Menschen besuchen wollen, sollten wir es einfach tun. Schließlich ist es die Schönheit des unverhofften Moments, an die man sich am längsten erinnert. So wie ich mich für immer an meine Oma erinnern werde, wenn es irgendwo zweimal klingelt. 

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