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Illustration: Janina Schmidt

„Wenn du am Straßenstrich entlang kommst, bleib nicht stehen!”

Fürs Ausgehen takelt man sich bekanntlich auf. Das ist heute so - das war vor 40 Jahren schon so, als meine Mutter sich noch ins Nightlife stürzte. Nur die Locations waren vielleicht etwas anders: Statt Techno-Parties oder Clubbings ging sie auf Bälle und in schicke Bars.  

Zu meiner Zeit war der Hotspot dann doch erheblich siffiger: die Wiener Pratersauna. Weil ursprünglich ein waschechter Sauna-Club, versammelte sich in dieser Gegend auch der Straßenstrich. Für meine Mutter Grund genug, in Schnappatmung zu verfallen. Und wenn es einen Ratschlag gibt, mit dem man mehr Fragen aufwirft als beantwortet, dann ist es ihrer: „Wenn du am Straßenstrich entlang kommst, bleib nicht stehen! Sonst denken die Prostituierten, du willst ihnen ihr Revier streitig machen, und attackieren dich.“  

Die erste Frage, die mir dazu einfiel: Woher weiß sie das? Diese Frage hat sie mir beantwortet: Auf dem Heimweg vom Feiern blieb sie wegen einer roten Ampel am Straßenrand stehen. Aus dem nichts stürmte eine wutentbrannte, für November einen viel zu kurzen Pelz tragende Dame auf sie zu und verscheuchte sie mit den Worten: „Das ist mein Platz! Du klaust mir nicht die Kunden!“ Meine zweite Frage war: Wie sehr hatte sie sich denn aufgebrezelt? Darüber schweigt die Familienchronik bis heute.  

Ob mir dieser Ratschlag geholfen hat, ist schwer zu sagen. Verstört hat er mich auf alle Fälle. Aber Fakt ist: Ich bin nie neben einer Prostituierten stehen geblieben und wurde daher auch nie von einer attackiert. Allerdings neige ich nach dieser Story leider auch verstärkt zum Ignorieren roter Ampeln.

Viktoria Klimpfinger

„Jeder verdient die Beziehung, die er erträgt”

Wann immer sich ein Gespräch um eine konfliktreiche oder in irgendeiner Form ungesunde Beziehung dreht, steuert meine Mutter früher oder später diesen Satz bei. Lange habe ich ihn als eine Mischung aus Kalenderspruch und Naturgesetz hingenommen. Bis ich ihn als Ratschlag erkannt habe, musste ich erst einigermaßen erwachsen werden.

Es gibt Beziehungen, in denen schon das Einräumen des Kühlschranks regelmäßig zum Streit führt, weil einer von beiden selbst das falsch macht. Und es gibt Beziehungen, in denen einer so lange zurücksteckt, bis er vollkommen hinter dem „Wir” verschwindet. Solche Beziehungen gibt es nur, weil sie jemand erträgt. Das Mantra meiner Mutter habe ich mir nach einiger Beobachtungszeit so übersetzt: Niemand zwingt dich zu ertragen. Wenn du die lästige Macke des anderen gern erträgst, weil das Beziehungsglück überwiegt, dann beschwer dich nicht. Aber wenn es mehr ist als das und es sich auch nicht ändern lässt, dann trau dich zu sagen: Das ertrage ich nicht. Ich habe was Besseres verdient.

Dank dieses Ratschlags kann ich meine Langzeit-Beziehungen an einem Finger abzählen. Und er hat ein gutes Stück meines Selbstwertgefühls bewahrt. Meine Mutter hat nicht immer auf ihren eigenen Rat gehört – sie hat selbst lange ertragen. Seit sie beschlossen hat, das nicht mehr zu tun, ist sie sehr viel glücklicher.

Aus der jetzt-Redaktion

„Nie ohne Unterhemd raus, sonst kriegst du eine Nierenbeckenentzündung”

Als Teenagerin fand ich Unterhemden extrem uncool. Die Hüfthose mit dem Nietengürtel sah halt viel besser aus, wenn darüber und unter dem Saum der kurzen Cordjacke noch ein bisschen Haut zu sehen war. Avril Lavigne trug auch keine Unterhemden. Meine Freundinnen auch nicht. Und überhaupt waren Unterhemden was für Kleinkinder oder Omas.  

Also fror ich mich durch die Winter meiner frühen Adoleszenz und meine Mutter ereilten regelmäßig Kälteschauer, wenn sie meine Hüfte hervorblitzen sah, selbst, wenn sie dabei in einem geheizten Raum stand. „Du verkühlst dir die Nieren!“, sagte sie und wie schmerzhaft  eine Nierenbeckenentzündung sei, ich solle doch BITTE ein Unterhemd anziehen. Meine Nieren waren für mich allerdings bloß etwas, von dem ich im Biologieunterricht schon mal gehört hatte. Aber solange ich sie nicht sehen oder spüren konnte, waren sie mir herzlich egal.  

Und dann, irgendwann mit Anfang Zwanzig, als ich schon nicht mehr daheim wohnte, erwischte es mich: Ich bekam die besagte Nierenbeckenentzündung. Ich weiß noch, dass ich nachts mit höllischen Rückenschmerzen aufwachte und seltsamerweise (oder natürlich?) als erstes dachte: „Oh Gott, das sind bestimmt die Nieren!“ Ich googelte Nierenerkrankungen und nachdem ich drei Stunden durchgehalten hatte, rief ich um sechs Uhr morgens wen an? Meine Mutter natürlich. Die mir zum Glück keinen Vortrag über Unterhemden hielt, sondern mich sofort zum Arzt schickte. Und so saß ich später an diesem Morgen im Wartezimmer eines Urologen, litt fürchterlich, ließ mich von einer irre empathischen Dialyse-Patientin trösten (der es mit Sicherheit sehr viel schlechter ging als mir) und dachte immer wieder: „Mama hatte sososooo Recht!“  

Nach dieser Episode trug ich immer Unterhemden. Eine Zeit lang im Winter sogar einen extra Nierenwärmer aus Wolle. Und ich trage bis heute Unterhemden, wenn die Außentemperatur unter zehn Grad sinkt. Bis 20 Grad stecke ich zumindest mein T-Shirt in die Hose. Außer bei größter Hitze praktiziere ich so gut es geht die luftdichte Abriegelung aller Rumpfteile.

Nadja Schlüter

„Einen Doktor macht man nicht, einen Doktor heiratet man”

Bei uns zu Hause gab es nie, weder für mich, noch für meine Schwester, konkrete Ratschläge, wie der richtige Mann an unserer Seite auszusehen habe. Natürlich wurde jeder potenzielle Anwärter misstrauisch beäugt und ihm kritische Fragen gestellt. Nicht fehlen durfte auch die obligatorische, im Familienkreis ausgesprochene Drohung, ihn mit dem Luftgewehr (das der Legende nach auf dem Dachboden lag und von dessen Anwesenheit geschweige denn Funktionstüchtigkeit sich niemals jemand überzeugen konnte) vom Hof zu jagen.

Das einzige, was mein (doktortiteltragender) Vater gerne zu sagen pflegte war: „Einen Doktor macht man nicht, einen Doktor heiratet man.” Er wollte damit wahrscheinlich klarstellen, dass eine Doktorarbeit eine ziemliche Plackerei ist und man sich die Mühe besser nicht macht und sich den Doktortitel lieber auf einem einfacheren Weg aneignet.

Früher, da fand ich diesen Ratschlag hauptsächlich nervig und vielleicht auch ein kleines bisschen witzig. Später, als sich meine Interessengebiete von Teenie-Themen hin zu gesellschaftspolitisch relevanteren Dingen verlagerten, merke ich, wie sexistisch dieser Spruch doch war und wie wenig er zu der Lebensrealität unserer Familie passte. Damit war die Weisheit als einer der peinlichen Papa-Sprüche abgehakt.

Meine Mutter hatte sich den Doktortitel meines Vaters nie zu eigen gemacht. Wenn doch einmal ein an Frau Dr. adressierter Brief ins Haus flatterte, sagte sie: „Ach, so schlecht sieht das ja gar nicht aus...”. Aber das wars dann auch. Es wurde mir auch nie als ein erstrebenswertes Ziel vermittelt, mich auf den Erfolgen einer anderen Person auszuruhen und mich ausschließlich dem gut Aussehen hinzugeben.

Ich bin mir absolut sicher, dass ich, als wenig erfolgreiche und wenig strebsame stille Teilhaberin an der Seite eines erfolgreichen Mannes, nie das wäre, was sich mein Vater für mich wünschte. Ich kann ihn nicht mehr fragen, er ist vor zwei Jahren verstorben. Eigentlich hatte ich nie vor, einen Doktor zu machen. Seit seinem Tod ist der Wunsch in mir entstanden, doch noch zu promovieren, damit ich sagen kann: „Ich mache meinen Doktor selber, ich brauche ihn nicht heiraten. In your face!”

Berit Dießelkämper

„Jedes Piercing, das eine Körperstelle durchbohrt, stoppt deinen Chi-Fluss”

Wenn es um Gesundheit geht, hegt meine Mutter immer schon große Skepsis gegenüber der Schulmedizin. Nicht auf die Seelenreinigungs- und Wünschelruten-Art, sondern eher auf die Wir-sollten-uns-nicht-mit-Pillen-zuschütten-Weise. Das brachte sie dann irgendwann auf die chinesische Medizin. Ganz vorsichtig jubelte sie meiner Schwester und mir immer wieder alternative Behandlungen für unsere Schnupfen und Auas unter. Chi-Pads zum Beispiel – der absolute Hammer: Man klebt sie sich über Nacht auf die Fußsohlen und sie entziehen dem Körper Schadstoffe. Woran man das merkt? Am nächsten Morgen sind die weißen Pads plötzlich teerschwarz. Und abseits des coolen Effekts geht es einem dann tatsächlich besser – behaupte ich.  

Mit 15 oder 16, wollte ich mindestens drei Piercings. Ohne Einverständniserklärung der Eltern war das aber nicht möglich. Meine Mutter war dagegen, denn: „Jedes Piercing, das eine Körperstelle durchbohrt, stoppt deinen Chi-Fluss. Das ist nicht gut für dein Immunsystem und dann wirst du krank.“ 

Woran sie nicht dachte: Ich hatte Ohrlöcher! Auf die Frage, was mein Chi wohl dazu sagt, dass sie mir mit drei Jahren die Ohrläppchen durchstechen ließ, bin ich leider erst nach der Pubertät gekommen. Sei’s drum: Mit diesen körpereigenen Schlupflöchern konnte ich arbeiten. Um sich das Ohr aufzudehnen, braucht man nämlich keine Einverständniserklärung. Man geht einfach in einen Laden, kauft sich eine Dehnungsschnecke und dehnt los.  

Meine Mutter reagierte mit Ärger, Enttäuschung und intensivem Meckern über mein Chi, aber schließlich ließ sie mich machen. Und immerhin blieb es dann auch bei einem Durchmesser von niedlichen acht Millimetern – die sich für mich krassen Punk aber anfühlten wie 30. Alles unter einem Zentimeter würde problemlos wieder zuwachsen, hatte mir der metallüberzogene Typ im Piercing-Studio eingeredet.

Ob mein kleines Dehnungsloch tatsächlich mein Chi zum Stocken gebracht hat, konnte ich leider nicht herausfinden. Bereut hab ich’s trotzdem: Das unheilvolle Loch ist nämlich nie ganz zugewachsen. Vielleicht hat sich mein Chi ja mit meinem Karma abgesprochen?

Viktoria Klimpfinger

„Teebaumöl auf Mückenstiche und auf Pickel”

Ich habe wirklich viel versucht. Damals, als ich 13, 14 Jahre alt war und Akne hatte. Zum Beispiel jeden Abend Sauerkraut essen. Oder Apfelessig trinken. Oder diese Crème und jenes Puder. Bis meine Mutter mit einem Mittelchen auf mich zukam, auf das sie bei sämtlichen Hautveränderungen, vom Mückenstich bis zum Mitesser, schwor: Teebaumöl. Das trockne alles aus und desinfiziere. Ein echtes Wundermittel!  

Also tupfte ich jeden Abend mein Gesicht mit Teebaumöl ein. Erst mit den Fingern und dann – ein Folgeratschlag meiner Mutter – mit Wattestäbchen. Bakterien vermeiden und so. Das Teebaumöl stank widerlich, also stank auch ich widerlich und mein Kopfkissenbezug ebenfalls. Aber nun ja, als ungeküsste Akne-Teenagerin war das egal – es gab ja eh niemanden, der an meine Kopfkissen hätte riechen wollen.  

Das Ergebnis war allerdings oft mäßig. In vielen Fällen passierte nichts außer Gestank. Und es gab auch die Fälle, in denen das Teebaumöl, weil zu oft und zu verzweifelt aufgetragen, mir  die obere Hautschicht wegätzte, was alles nur noch schlimmer machte, weil der Pickel immer noch da, jetzt aber noch sichtbarer war. Trotzdem behielt ich die Therapie bei. Irgendwas musste ich ja tun! Ich setzte sie erst ab, als ich eine tatsächlich wirksame Lösung fand (die, das muss ich fairerweise dazusagen, auch von meiner Mutter vorgeschlagen wurde): Ich lies mir die Pille verschreiben.  

Trotzdem konnte ich lange nicht ganz vom Teebaumöl lassen. Nachdem ich ausgezogen und zum Glück längst aknefrei war, kaufte ich ein Fläschchen, weil ich der Überzeugung war, man müsse Teebaumöl im Haus haben. Manchmal trug ich es sogar auf. Bei einem Umzug habe ich die fast volle, klebrige Flasche dann weggeworfen. Ein bisschen wehgetan hat mir das schon.

Nadja Schlüter

Und zum Abschluss noch ein Rat von Opa:  

„Such dir einen Mann nach seinem Bücherregal aus”

Meine Familie ist, vorsichtig formuliert, sehr bildungsbewusst. Bereits in der Grundschule wurde mir vermittelt: Sportnoten sind egal, was zählt, ist eine gute Allgemeinbildung. Mit 15 war mir das allerdings sehr egal, Jungs, deren Hobbys aus Dosenbier, Playstation und passivem Fußball bestanden, fand ich am alleraufregendsten. Immer, wenn diese Liebeleien dann zu Ende gingen, hatte meine Familie natürlich direkt den Grund erkannt: Ein Mann, der gerne Fußball guckt aber noch nie ein Buch von innen angeschaut hat - das konnte ja nicht gut gehen.

Eines Tages nahm mein Großvater mich also beiseite und gab mir einen sehr ernst gemeinten Ratschlag: „Eine Beziehung funktioniert nur, wenn man aus der gleichen Schublade kommt”, sagte er. Ich muss ziemlich blöd geschaut haben, Sozialtheorien und die Ständegesellschaft interessierten mich eher weniger. Also versuchte er es noch einmal anders: „Schau bei einem Mann einfach als erstes auf sein Bücherregal. Wenn dort Dinge stehen, die dich auch interessieren, dann habt ihr gute Chancen miteinander glücklich zu werden.”

Natürlich ist das eine ziemlich bourgeoise Denkweise, aber ich muss zugeben: Opa hatte nicht Unrecht. Also das mit den Schubladen ist Quark, aber das mit den Büchern... ich persönlich lese mittlerweile sehr gerne und scanne bei jedem Menschen, den ich kennenlerne, als erstes das Bücherregal. Hat er oder sie keines, ist das nicht automatisch ein Ausschlusskriterium, aber auf jeden Fall verdächtig. Stehen dort drin nur Fitness- und Ernährungsratgeber oder Harry Potter, ebenfalls.

Und wenn ein Mann dann tatsächlich ein interessantes Buch im Regal stehen hat, das ich vielleicht auch mal lesen wollte, ist das sowieso der allerbeste Gesprächseinstieg - egal, ob was draus wird oder nicht.

Charlotte Haunhorst

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