Warum immer drumrum reden?

Warum immer drumrum reden?

Foto: suschaa / photocase / Collage: jetzt.de

„Was hast du Donnerstagabend vor?“

„Nichts.“

„Wollen wir was trinken gehen?“

„Nein. Ich will Donnerstagabend alleine zuhause rumhängen und ich weiß auch noch nicht, wann ich das nächste Mal Lust oder Zeit habe. Ich melde mich wieder.“

Wann findet so ein Dialog unter zwei Freunden oder Bekannten statt? Nie. Niemand sagt auf eine Verabredungsanfrage hin „Ich kann heut nicht, denn ich hab heute noch nichts vor und das soll auch so bleiben“ oder „Ich habe keine Lust rumzusitzen und über irgendwas zu reden, ich will lieber im Bademantel ein paar Flohmarktkisten packen und dabei über Kopfhörer Rihanna hören, mitsingen und niemand soll mir dabei zugucken.“ Und wer es doch tut, klemmt mindestens dahinter: „Es ist halt der einzige freie Abend der Woche und den hätte ich gerne für mich! Hoffe, du verstehst. Nichts für ungut!“ Aber warum eigentlich? Selbst wenn man an sieben freien Abenden in Folge seine Ruhe wollte, was wäre daran so anrüchig?

Mein Verdacht ist ja: Die meisten Leute hätten gern viel mehr Zeit für sich. Und gehen trotzdem viel zu oft Verabredungen ein, die ihnen eigentlich zu viel sind. Sie glucken öfter als sie mögen, mit ihren Freunden zusammen, bloß, weil man das eben so macht und man andernfalls fürchten muss, ausgeschlossen oder einer schweren Depression verdächtigt zu werden. Daher auch immer die große beidseitige Erleichterung, wenn einer die Verabredung absagt und der andere antwortet: „Kein Problem, ehrlich gesagt ist es mir auch total recht, viel zu viel los grad, haha!“

Bei Google wird einem zum Thema auch schnell der Suchbegriff „warum brauche ich soviel zeit für mich“ vorgeschlagen, geht man dem etwas hinterher, stößt man auf Foren, in denen Verunsicherte andere Menschen um Hilfe fragen: Wieso ertrügen sie nur zu viel Zeit mit Freunden nicht, wieso sehnten sie sich nach einer gewissen Zeit manchmal einfach nur danach, endlich wieder allein zu sein? Wieso brauchten sie überhaupt soviel Zeit für sich?

Aber kaum jemand traut sich, geradeheraus zu formulieren, dass er einfach keine Lust hat, etwas zu unternehmen

Gern stempeln sich die Betroffenen als besonders introvertiert oder sensible ein, meine These aber ist: Das ist ganz normal. Wann immer ich mit Freunden über das Thema rede, macht sich nach einer Weile der Konsens breit: Wir gehen viel zu oft aus Pflichtgefühl Verabredungen ein, obwohl wir manchmal einfach nur gern unsere Ruhe hätten. Und zwar vor allem und jedem. Eine psychologische Studie aus dem Jahr 2012 zeigte, dass das Leben jenseits von Arbeit und Verpflichtungen kein rein soziales sein sollte, sondern dass Zeit für sich selbst mindestens so wichtig sei wie Zeit mit Freunden. 

Aber kaum jemand traut sich, von vornherein ehrlich und geradeheraus zu formulieren, dass er einfach keine Lust hat, etwas zu unternehmen. Zur Not wird halt gelogen: Super problematisch an dem Tag weil xy, kann da auf keinen Fall, sorry, würde aber total gerne, schade!

Ein ungeschriebenes Gesetz lautet: Wenn man eine Verabredungsanfrage absagt, tut man das nicht ohne nachvollziehbare Gründe: familiäre Angelegenheiten, Krankheit, Arbeit, andere Verabredungen oder Termine. Nicht geltend gemacht werden können: Pure Unlust, Faulheit oder normales Alleinseinbedürfnis.

Schon mit 16 hat man auf traumatische Weise kapieren müssen, dass Ehrlichkeit in Sachen Verabredungen-Absagen nicht gern gesehen ist. Wer es damals gewagt hat, am Freitagabend zu sagen, dass er heute keine Lust hat, mit in den Club zu kommen und stattdessen lieber ein Buch lesen, in die Badewanne gehen oder ganz einfach grundlos seine Ruhe haben will, wurde erstens noch mindestens eine Stunde lang mit diversen Anrufen, SMS-Nachrichten oder Sturmklingeln an der Haustür drangsaliert, halt jetzt bitte doch mitzukommen, um daraufhin entweder gebrochen nachzugeben oder standzuhalten, dafür aber tagelang mit gehässigem Augenzwinkern als Langweiler oder unspontan beschimpft zu werden. Und zusätzlich bis in alle Ewigkeit zu Ausgeh-Anlässen mit einem Stell-dich-nicht-so-an-ist-doch-nur-lustig-gemeinten Bist du dir wirklich sicher, dass du nicht lieber allein in deinem Zimmer rumsitzen willst?-Kommentar versehen zu werden.

Ich liebe meine Freunde und ich weiß aus eigener Erfahrung, aus School-of-life-Videos und Ratgebertexten aus Wartezimmerzeitschriften, dass Zeit mit Freunden und ein großes soziales Netzwerk einer der größten Garanten für Lebenszufriedenheit und seelische Widerstandsfähigkeit sind. Trefft eure Freunde, baut starke Bindungen zu anderen Menschen auf, denn sie bleiben, wenn alles andere den Bach runtergeht. Soweit kapiert!

Bis das Freundetreffen irgendwann von einer Lieblingstätigkeit zur Verpflichtung wird...

Aber spätestens wenn man das einmal rational durchrechnet, wird das zum Problem: Wie viele Freunde, die man regelmäßig sehen möchte, hat man und wie zur Hölle soll das mit einem ausgeglichenen Alltag zusammengehen? Sagen wir sieben bis acht. Plus ein paar lose Bekannte, mit denen man sich mal auf einen Kaffee oder ein Bier verabredet oder die einen alle paar Wochen zu irgendwelchen Veranstaltungen einladen. Plus Familie. Plus Beziehung, wenn man eine hat. Plus Arbeit, plus Hobbys, plus Schlafbedürfnis, Einkaufenmüssen, Waschmaschinereparierenmüssen, Wohnung putzen, Bücher lesen, endlich mal in Ruhe alte Fotos angucken, neue Playlisten erstellen, Fußnägel schneiden, tatenlos auf dem Zimmerteppich rumliegen, allein ins Museum gehen, eine Sprache lernen. Macht insgesamt ziemlich viele Vorhaben. Vor allem, wenn man bedenkt, dass so eine Woche nur sieben Tage hat, ein Monat maximal 31 Tage und man zwischendurch auch einfach mal krank ist oder verreist. Den Gedanken, was es mit diesem Zuviel-wollen-in-zu-wenig-Lebenszeit macht, wenn man auch noch Kinder hat, verdrängen wir lieber komplett.

Und weil es aber eine so verbreitete Annahme ist, dass nichts glücklicher macht, als Freunde zu treffen, und nichts beleidigender ist, als Verabredungen abzusagen, käme niemand jemals auf die Idee, an der Häufigkeit von Verabredungen zu rütteln. Bis das Freundetreffen irgendwann von einer Lieblingstätigkeit zur Verpflichtung wird.

Das muss aufhören! Sagt Verabredungen von vornherein ehrlich ab, wenn sie euch zu viel sind. Sagt, dass ihr einfach eure Ruhe haben wollt. Tut es für euch, tut es für uns alle. Liegt mehr auf Teppichen rum, lest mehr Bücher, schneidet leidenschaftlicher Zehennägel und feiert von morgens bis abends eine Party-for-one, dass ihr den ganzen Tag lang einfach mal nirgends hinmüsst und niemand etwas von euch will. Die Sehnsucht danach, eure Freunde wieder zu sehen, kommt schnell genug. Könnte halt sein, dass sie dann keine Zeit für euch haben. Weil sie allein auf dem Teppich rumliegen und Musik hören wollen. Aber das muss man verkraften. Man muss vieles im Leben verkraften. Früh übt sich.

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