Die Macht der Mädchen

Dass sich Mädchenmagazine und politische Aufklärung nicht ausschließen, beweist die amerikanische Teen Vogue.
Von Mercedes Lauenstein
Cover: Vogue; Collage: jetzt

„Gas light“ lautet der Titel eines Thrillers aus dem Jahr 1938, in dem ein Mann seine Frau systematisch glauben macht, sie werde verrückt. Nacht für Nacht sucht dieser Ehemann im leerstehenden Stockwerk über der gemeinsamen Wohnung nach den alten Juwelen einer verstorbenen Frau. Und immer, wenn er das Licht in der Wohnung der Verstorbenen einschaltet, flackert das Licht in der unteren Wohnung. Seine Frau ahnt nicht, dass ihr eigener Mann den Spuk verursacht. Schlimmer noch: Jedes Mal, wenn sie ihm von dem unerklärlichen Phänomen berichtet, erklärt er sie für verwirrt. Und um das Gefühl bei ihr noch zu verstärken, versteckt er zusätzlich Haushaltsgegenstände vor ihr. Seit der Ausstrahlung des Films in den 30er-Jahren hat der Begriff des „Gas lighting“ Einzug in die amerikanische Alltagssprache gehalten: Es meint das Phänomen, jemanden so zu manipulieren, dass er an seiner eigenen Geistesgesundheit zu zweifeln beginnt.

Seit Montagabend wird im Internet ein Meinungsstück aus der amerikanischen Teen Vogue rauf- und runtergeteilt, in dem die junge, amerikanische Autorin Lauren Duca schreibt, „Gas lighting“ sei genau das, was Trump derzeit mit der Welt betreibe.

Duca listet in ihrem Text zunächst Beispiele für Trumps zahlreiche Behauptungen und Lügen auf, mit denen er Existenzängste und Rassenhass in den Menschen wecke und sie systematisch auf seine Seite ziehe. So weit so bekannt. Dass die meisten seiner Aussagen jeder faktischen Grundlage entbehren, wurde und wird in den Medien immer wieder angeprangert.

Das „Gas lighting“ Trumps, so die Autorin, bestehe nun aber darin, sich angesichts dieser Kritik als Opfer unfairer Berichterstattung und einer gegen ihn gerichteten Medienverschwörung darzustellen. Am besten beweisen das wohl seine Tweets, von denen Duca den folgenden zitiert: „How bad is the New York Times – the most inaccurate coverage constantly. Always trying to belittle. Paper has lost its way!“. Und seine jüngste Reaktion auf die der CIA vorliegenden Indizien dafür, dass russische Hacker einen positiven Einfluss auf Trumps Wahlsieg genommen haben könnten: „These are the same people that said Saddam Hussein had weapons of mass destruction.“

Hochglanzmagazine für weibliche Teenager sind meist leider vor allem eines: sexistischer Brainfuck in Pastellfarben 

Bis hierhin ist der „Gas lighting“-Vergleich einfach nur eine ziemlich treffende Analyse, der vermutlich keine größere Aufmerksamkeit zuteilgeworden wäre. Wenn, ja wenn sie eben nicht in der Teen Vogue erschienen wäre – einem hochglänzenden Fashion- und Lifestylemagazin für Mädchen und junge Frauen. Die euphorischen Reaktionen des Internets zeigen einmal mehr, wie revolutionär es anscheinend auch 2016 noch ist, dass man Leserinnen solcher Hefte eine geistige Bandbreite zutraut, die über die Faszination von Glitzernagelack hinausreicht. Und es zeigt, was für eine außergewöhnliche Stellung die Teen Vogue einnimmt. Denn Hochglanzmagazine für weibliche Teenager sind sonst ja leider meist tatsächlich noch vor allem eines: sexistischer Brainfuck in Pastellfarben.

Wer aber die Teen Vogue kennt, weiß, dass sie sich bereits seit einiger Zeit einen Namen dafür macht, glossy Fashion-News und schöngeistige Lifestyle-Themen auf die lässigste Weise mit politischer Aufklärung, unverklemmtem Feminismus und dem Empowerment gesellschaftlicher Randgruppen zu verbinden. Chefredakteurin des Blattes ist seit Mai dieses Jahres die 29-jährige Afroamerikanerin Elaine Welteroth – die jüngste Chefredakteurin in der Geschichte des Verlagshauses Condé Nast. Unter ihrer Führung sind in dem Magazin bereits diverse gesellschaftlich relevante Themen erschienen: ein Videoreport des Standing Rock Protestes etwa, oder Stücke über Drogenmissbrauch  und widersprüchliche Tweets republikanischer Politiker.

Lauren Ducas Worte gelten nicht nur für die amerikanische Jugend  

Wer jetzt sagt: „Was hat das mit mir zu tun, ist doch weit weg?“, der irrt. Ducas Text betrifft uns alle. Auch in Deutschland wird „Gas lighting“ betrieben, die Bedrohung durch populistische Machthaber, identitäre Bewegungen, Fake-News und Filterblasenproblematik ist auch hier real. Der sexistische Brainfuck in Pastellfarben in Hochglanzmagazinen für weibliche Teenager auch.

It’s time to wake up“, sagt Duca. Und: Stellt in Frage, was ihr lest, checkt die Fakten, vertraut nicht allem, was die Leute sagen oder twittern. „Refuse to accept information simply because it is fed to you, and don’t be afraid to ask questions. That is now the base level of what is required of all Americans. If facts become a point of debate, the very definition of freedom will be called into question.“

Ihre Worte gelten nicht nur für die amerikanische Jugend. Schade, dass man sie noch übersetzen muss. Schade, dass kein vergleichbares deutsches Medium sie schreibt.

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