Warum es ganz normal ist, dass Freundschaften auseinandergehen

Erklärt uns der Psychologie-Professor Franz Neyer.
Von Johanna Bouchannafa
Foto: REHvolution / photocase / Bearbeitung: jetzt.de

An Silvester ist es mir aufgefallen. Kurz nach Mitternacht zückte ich mein Handy, um all den Lieblingsmenschen, mit denen ich nicht ins neue Jahr feiern konnte, wenigstens schnell einen Neujahrsgruß zu senden – aber das waren gar nicht mehr so viele. In den vergangenen Jahren ist mein Freundeskreis geschrumpft. Vor allem im Vergleich zu den unzähligen Cliquen, in denen ich mich während Schul- und Studienzeit bewegt habe. Laut Franz Neyer ist das aber gar nicht so ungewöhnlich. Und der muss es wissen. Immerhin forscht Professor Neyer seit über zwanzig Jahren am psychologischen Institut der Uni Jena zum Thema Freundschaft.

„Die Zahl der Freundschaften nimmt ab dem jungen Erwachsenenalter kontinuierlich ab. Dies liegt daran, dass wir mit der Zeit unsere Freundinnen und Freunde sorgfältiger auswählen und die Beziehungen mit ihnen so gestalten, dass sie zu uns passen“, erklärt er.

Aber woran genau sind meine alten Freundschaften zerbrochen? Und war das vielleicht sogar besser so? Um das rauszufinden, habe ich diejenigen gefragt, die es am besten wissen müssten: meine ehemaligen Freunde.

Da wäre zum Beispiel J. Sie und ich sind zusammen zur Schule gegangen. Im Sommer zwischen Abi und Studienanfang waren wir unzertrennlich. Wir haben uns fast jeden Tag gesehen, über die Welt philosophiert, billigen Sangria aus dem Tetrapack getrunken, Männer kennengelernt und wieder in den Wind geschossen. Während ich es kaum erwarten konnte, im Herbst endlich mit dem Studium anzufangen, war J. verhaltener. Obwohl sie mit ihren Noten alles studieren konnte, was sie wollte, entschied sie sich dafür, sich ein Jahr Auszeit zu nehmen. Irgendwie war das der Anfang von unserem persönlichen Ende: J. antwortete immer seltener auf meine Nachrichten, hatte immer weniger Zeit und meldete sich irgendwann gar nicht mehr. Ich war erst wütend und enttäuscht, habe aber dann einfach mit meinem Leben weitergemacht. Immerhin gab es an meiner Uni genügend neue interessante Leute.

„Wenn sich im Leben junger Erwachsener etwas ändert, verändert sich meist der Freundeskreis“

Als ich J. jetzt nach Jahren wieder kontaktiere, habe ich ein komisches Gefühl. Aber sie freut sich über meine Nachricht. Sehr sogar. Sie meint, dass es nichts mit mir persönlich zu tun hatte, dass sie sich immer weiter distanzierte. Vielmehr war es die gesamte Situation, die sie überforderte. Während ich im Hörsaal saß, machte J. die Zukunft Angst. Während ich mit meinem damaligen Freund zusammenkam, wollte J. sich ausprobieren. Auch was Feiern und Männer angeht. Und das wollte sie am liebsten alleine machen – unbeobachtet und ohne Bewertung von außen.

Damit sind J. und ich laut Franz Neyer ein klassisches Beispiel dafür, dass Freundschaften auseinandergehen, wenn verschiedene Lebenswege eingeschlagen werden: „Wenn sich im Leben junger Erwachsener etwas ändert, zum Beispiel der Wohnort gewechselt wird, eine Partnerschaft eingegangen oder eine Familie gegründet wird, verändert sich meist der Freundeskreis. Dies liegt daran, dass sich mit den Lebensumständen auch die Gelegenheiten für Freundschaften verändern und möglicherweise auch die Erwartungen, die man an Freundschaften hat“. 

Die gute Nachricht ist also: Es lag nicht an J. oder mir, dass unsere Freundschaft irgendwann einfach vorbei war. Die schlechte Nachricht: Das war ganz bestimmt nicht die letzte Freundschaft, die auseinanderbricht. Stattdessen gehört es zum Erwachsenwerden dazu, dass alte Freundschaften gelöst und neue eingegangen werden. „Junge Eltern tendieren beispielsweise dazu, sich mit anderen jungen Eltern anzufreunden, weil sie sich über wichtige Themen in der Familie und Erziehung austauschen können“, erklärt Franz Neyer. Dabei ist es normal, dass alte Freundschafen in die Brüche gehen. Eben weil die Art, wie wir unser Leben gestalten, nicht mehr zusammenpasst.

 

Unsere aktuelle Lebensphase ist damit verbunden, mit was für Menschen wir uns umgeben möchten und was für Freunde wir gerade brauchen. Einstellungen und Wünsche, die wir zu Beginn des Studiums noch hatten, verändern sich. Sobald wir heiraten oder uns eine Karriere aufbauen, werden neue Aspekte in unserem Leben wichtig. Unsere Freunde müssen nicht genau denselben Weg gehen, aber doch verstehen, wovon wir sprechen, was wir fühlen und uns wünschen. „Wir freunden uns mit Menschen an, die uns ähnlich sind und mit denen wir Erfahrungen teilen und uns darüber austauschen können. Es ist eher unwahrscheinlich, dass wir Freundinnen und Freunde finden, die überhaupt nichts mit unserer Lebenswelt zu tun haben.“

 

Um ehrlich zu sein, gibt es in meinem Leben aber nicht nur so „harmonische“ Trennungsgeschichten wie mit J. Es gibt auch Freundschaften, die mit einem lauten Knall endeten, und Menschen, mit denen ich bewusst nichts mehr zu tun haben möchte – trotz jahrelanger Freundschaft. Das trifft leider auch auf Freundschaften zu, von denen ich dachte, sie seien in Stein gemeißelt und würden alle schlechten Zeiten überstehen. Dabei gibt es nicht immer einen Schlüsselmoment, der eine Freundschaft beendet. Vielmehr ist es die Summe von Enttäuschungen und das Gefühl, sich einfach entfremdet zu haben. Und auch, wenn diese Art von Freundschaftsende oft am meisten weh tut, ist auch das laut Franz Neyer ganz normal: „Wenn Freundschaften bewusst beendet werden, hat dies wie bei beendeten Partnerschaften meist keinen konkreten Grund, sondern hängt damit zusammen, dass die Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dass immer wieder Konflikte auftauchen, die nicht gelöst werden können, oder andere Enttäuschungen oder Kränkungen nicht bewältigt werden können.“

 

Für echte Freunde ist man da – auch, wenn sie in einer stressigen Phase sind oder nerven

 

Genau wie in einer Liebesbeziehung, ist der Bruch nicht immer plötzlich. Vielmehr sind es mehrere Wochen oder Monate, die sich nicht mehr richtig anfühlen. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch auch, dass man nicht gleich aufgeben sollte, wenn die Freundschaft schwieriger wird. Für echte Freunde ist man da – auch wenn sie gerade in einer stressigen Phase sind oder mal nerven. Denn wie in jeder Beziehung gibt es auch in einer Freundschaft Hoch- und Tiefphasen. „Natürlich sollte man eine gute Freundschaft nie leichtfertig aufs Spiel setzen und um sie kämpfen. Und sich genau überlegen, welchen Preis man zahlt, wenn man sie aufgibt“, erklärt Franz Neyer. Offene Gespräche und Bemühungen können eine mürbe Freundschaft wiederbeleben. Aber eben auch nur, wenn beide Seiten sich darauf einlassen und Interesse daran haben, die Freundschaft aufrecht zu erhalten.

 

Wenn die schlechten Zeiten jedoch eindeutig überwiegen und man das Gefühl hat, einfach nicht mehr auf denselben Nenner zu kommen, ist ein Freundschafts-Aus oft unausweichlich. Das bedeutet aber nicht, dass man gescheitert ist. Stattdessen gibt es auch in jedem schmerzhaften Ende einer Freundschaft etwas Positives. Franz Neyer bringt es auf den Punkt: „Wenn sich eine Freundschaft überlebt, entsteht wieder Raum für etwas Neues. Aber auch eine beendetet Freundschaft hat einen Wert in den gemeinsamen Erfahrungen, die geteilt werden und aus denen man gelernt hat.“

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