luegende eltern cover
Foto: FemmeCurieuse / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Von „Ich finde es toll, was du in der Arbeit machst“ bis zu „Oma geht es gut“: Auf Nachfragen bei den Eltern bekommen wir, auch wenn es um ernste Themen geht, manchmal eine Lüge als Antwort aufgetischt. Und das, obwohl wir längst nicht mehr in einem Alter sind, in dem wir beschützt werden müssten. Auch umgekehrt trauen wir uns oft nicht, unseren Eltern die Wahrheit zu sagen. Die Psychologin Elisabeth Raffauf spricht im Interview über Eltern, die ihre ungelösten Konflikte auf ihre Kinder übertragen, und darüber, warum es keine radikale Ehrlichkeit gibt. Ihr Buch „Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen“ ist im Patmos-Verlag erschienen.

jetzt: Unsere Eltern lügen uns häufig noch an, obwohl wir schon lange erwachsen sind. Woran liegt das?

Elisabeth Raffauf: Wenn man die Eltern fragen würde, würden sie sagen: „Ich will mein Kind beschützen.“ Aber in Wirklichkeit ist es meistens etwas anderes: Die Eltern schützen sich selbst, weil sie mit etwas nicht zurechtkommen. Es gibt ja auch dieses psychologische Muster, dass Eltern ihre ungelösten Probleme auf die Kinder übertragen. Wenn nun ein Familienmitglied oder ein Freund stirbt oder sich jemand trennt, haben die Eltern selbst solche Schmerzen, dass sie denken: Ich muss mein Kind davor bewahren. Aber eigentlich wollen sie sich selbst vor einem Umgang mit dem Thema bewahren. Weil sie es selbst nicht gut können oder weil sie hilflos sind. Indem sie das Kind vermeintlich beschützen, nehmen sie ihm natürlich auch die Chance, damit klar zu kommen.

Die Mutter einer Freundin sagt ihr immer erst viel zu spät, wenn es ihr gesundheitlich schlecht geht. Warum hört dieses Lügen nicht auf, obwohl wir doch mittlerweile mit den Situationen umgehen könnten?

Zum einen vielleicht, weil die Eltern ihre ungelösten Konflikte auf die Kinder übertragen. Zum anderen vergessen sie oft, dass das Kind mittlerweile eine ganz andere Möglichkeit hat, mit Realitäten umzugehen. Wenn sie sich das nicht bewusstmachen, kann die Anlügerei zwischen Eltern und Kind bis ins hohe Alter oder bis zum Tod weitergehen. Dazu kommt, dass sich auch die Familienstrukturen in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Viele Eltern denken heute: „Ich muss meinem Kind alle Probleme aus dem Weg schaffen. Dann bin ich eine gute Mutter oder ein guter Vater.“ Das ist aber nicht unbedingt der Fall. Denn so lernt das Kind nie, dass es Probleme selbst meistern kann.

Diese Heimlichtuerei ist also eine Erscheinung unserer Gegenwart?

Es wurde natürlich schon immer verheimtlicht. Aber dieses Gluckenhafte hat auch damit zu tun, dass es eine gewisse Entwicklung gibt: Weg von der „Buschbohnenfamilie“ hin zur „Bohnenstangenfamilie“. Die Gerontologin Ursula Lehr hat diese Begriffe mitgeprägt. Buschbohnenfamilien, damit meint sie Familien, in denen es zum Beispiel viele Geschwisterkinder gab. Heute haben wir eher Bohnenstangenfamilien, bestehend aus einem Elternpaar oder einem Alleinerziehenden und einem Kind. Das ist dann das „Projekt“ der Eltern, das gelingen muss. Für das Kind ist das natürlich eine wahnsinnige Überforderung. Das heißt nicht, dass alle Ein-Kind-Beziehungen so sein müssen, aber die Gefahr, dass auf das Kind ein großer Druck ausgeübt wird, ist natürlich viel größer. Oder dass die Eltern weniger Einflüsse von Außen reinlassen.

„Wenn wir alles immer ungeschminkt sagen würden, wäre das schrecklich“

Kennen Sie das Prinzip der „radikalen Ehrlichkeit“? Viele Menschen probieren aus, nicht zu lügen, sondern immer gleich zu sagen, was sie denken.

Radikale Ehrlichkeit in einer Beziehung gibt es nicht. Wir lügen oft und ohne, dass wir es merken. Wenn dich jemand am Telefon verlangt und du deinem Partner zu verstehen gibst: „Ich bin nicht da.“ Oder wenn man sagt: „Ich habe keine Zeit“, obwohl man noch fünf Minuten hätte. Manchmal möchte man den anderen Menschen auch einfach nicht kränken. Vielleicht finde ich deine neue Frisur furchtbar, aber das sage ich dir doch nicht. Oder ich finde ein Geschenk nicht schön, aber jemand hat sich wahnsinnig Mühe damit gegeben. Wenn wir alles immer ungeschminkt sagen würden, wäre das schrecklich.

Ist das denn überhaupt so schlimm, dass unsere Eltern uns anlügen?

Kinder sind ja nicht blöd. Sie spüren, wenn etwas nicht ausgesprochen ist, wenn etwas nicht stimmt. Das große Risiko dabei ist aber, dass die Kinder das Vertrauen verlieren und sich fragen: Sagt Mama oder Papa mir jetzt die Wahrheit oder nicht? Und andersherum müssen die Kinder, wenn sie erwachsen sind, auch lernen zu sagen: Das ist jetzt die Entscheidung meiner Eltern, mich nicht einzubeziehen.

Es gibt auch Eltern, die ihren Kindern zu viel erzählen.

Oft erfahren Kinder Dinge, die sie wirklich nicht wissen wollen, auch als junge Erwachsene nicht. Streit mit dem Partner, die eigene Sexualität –wenn ich davon meinem Kind erzähle, dann ist das übergriffig, egal, wie alt es ist. Da wäre es gut, wenn die Eltern sagen: „Damit möchte ich dich nicht belasten. Wir klären das zu zweit, das ist nicht dein Thema.“ Aber manche Eltern benutzen ihre Kinder, böse gesagt, als „Sorgen-Mülleimer“ und sprechen über Themen, für die das Kind nicht der angemessene Ansprechpartner ist. Natürlich hat man als Erwachsener dann die Möglichkeit zu sagen: „Mama, ich will das nicht hören.“ Als Kind kann man sich viel schwerer wehren. Gut ist es, wenn man als Erwachsener merkt: Meine Mutter hat mich damals mit etwas belastet, was ich überhaupt nicht auffangen konnte. Wie ist das, wenn ich ihr heute sage: „Geh damit woanders hin, belaste mich nicht damit.“ Schaffe ich das? Dieser Prozess kann dann sehr, sehr schwer sein. Aber man sollte keine Angst davor haben. Es muss ja nicht bedeuten, dass man einander nie wieder sehen will.

„Man ist nicht der Therapeut des anderen, sondern die Mutter und das Kind oder der Vater und das Kind“

Wenn ich so ehrlich zu meinen Eltern bin, ist das nicht undankbar?

Es ist natürlich schwierig, ein Maß zu finden, das muss man ganz sensibel von der Situation abhängig machen. Man sollte sich bewusstmachen: Was brauche ich in dieser Lebenssituation von meinen Eltern? Ist es nur das Gefühl, dass sie mir zutrauen, dass ich meinen Weg gehe? Brauche ich vielleicht Geld? Kann ich in Worte fassen, wo ich zu viel und wo ich zu wenig von meinen Eltern habe? Manche junge Erwachsene sagen, wenn meine Eltern mir etwas geben, habe ich sofort das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen. Nach dem Motto: Es gibt nichts umsonst. Wenn das der Fall ist, ist es gut, das anzusprechen: „Ich habe ein Problem damit, dass ihr mir ein großes Geschenk macht, denn dann muss ich mir wieder fünf Stunden etwas anhören, worauf ich keine Lust habe.“

Aber dann gibt es Stress. Wäre es nicht besser, sich fünf Stunden irgendein Gerede anzuhören?

Man kann nicht immer harmonisch sein. Wenn jemand große Verletzungen hat, dann muss es manchmal auch knallen. Wenn junge Erwachsene mit schwierigen Themen an ihre Eltern herantreten, dann kann es scheppern und die Eltern werden vielleicht aus allen Wolken fallen. Aber man ist nicht der Therapeut des anderen, sondern die Mutter und das Kind oder der Vater und das Kind. Die Angst davor, dass die Eltern sagen könnten „Ich mache die Tür zu, wenn du mir das vorwirfst“, ist groß. Und ja, das passiert auch manchmal. Aber wenn man immer nur gegenseitig eine Schonhaltung fährt, dann weiß man ja gar nicht: Wie kann ich bei meinem Standpunkt bleiben und trotzdem am Ende wieder die Hand reichen?

Noch mehr Texte über erwachsene Kinder: