Jungs, ab wann stresst euch die Familienplanung?

Denkt ihr über Kinder echt erst nach, wenn wir euch darauf ansprechen?
Aus der jetzt-Redaktion

Foto: zettberlin / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

Kinder kriegen, das liegt an uns, den Frauen. Im besten Fall in jungen Jahren, das ist einfach rein biologisch so; denn dass Chromosomenveränderungen beim Kind mit dem steigenden Alter der Mutter häufiger werden, ist medizinischer Fakt. Und auch, wenn ich jetzt schon die ersten Aufschreie höre von wegen „Ich will aber auch nicht uralt sein, wenn ich Vater werde“, so ist es für euch doch noch eine ganz andere, wesentlich bequemere Position. Und das macht uns nervös.

Besonders stressig wird es für uns, wenn wir Single sind. Eine Freundin von mir, die 36 ist, erzählte mir, sie würde schon auch gerne langsam mal Kinder bekommen, aber sie hatte noch nie den richtigen Partner dafür. Diesen „Jetzt müsste ich dann aber mal anfangen“-Gedanken, kennt ihr den auch? Das würde uns mal interessieren.

Denn manchmal kommt es uns nicht so vor: Vor kurzem erzählte ich meinem Freund, dass ich in zwei Jahren gerne schwanger wäre. Ich habe darüber mit ihm schon gefühlt hundertmal gesprochen; nebenbei, aber auch in langen Gesprächen. Ich glaube sogar, in dem Jahr, in dem wir uns kennenlernten. Nie habe ich es als Scherz gemeint, immer war es mir ernst. An diesem Abend sah er mich mit offenem Mund an und sagte: „In zwei Jahren schon? Ist das dein Ernst?“ Ich konnte direkt zusehen, wie er in diesem Moment nachrechnete, wie lange wir uns schon kennen. Es scheint, als sehe er in mir immer noch seine 23-jährige Freundin, die nie alt wird. Dabei sind wir schon sieben Jahre zusammen.

Seitdem haben wir schon öfter und konkreter darüber gesprochen. So wie meine Freundinnen und ich es schon länger tun. Über Elterngeld, über Elternzeit, über den Wiedereinstieg in den Job. Das sind keine exzentrischen Gedanken, wenn man ein Kind haben möchte. Man sollte sie sich sogar im Vorfeld machen. Ab wann macht ihr euch diese Gedanken? Denkt ihr erst darüber nach, wenn wir euch darauf stoßen? Macht euch das Angst?

Denkt ihr manchmal darüber nach, vielleicht ein Stay-at-home-Dad zu sein? Bei mehreren Kindern über Jahre hinweg zu Hause zu bleiben, so wie viele Frauen es seit Jahrzehnten tun? In Deutschland sind Männer, die für ihre Kinder länger als zwei Monate Elternzeit nehmen, immer noch eine Seltenheit. Könnte man an diesem Problem etwas ändern, wenn man es früher ansprechen würde? Wenn ihr vielleicht auch anfangen würdet, früher darüber nachzudenken, so wie wir? Oder tut ihr das vielleicht sogar schon, und sagt uns nur nichts davon?

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

beginnen wir die Antwort mit einer Szene: Familienfeier, wir sind da mit unserer Freundin, stehen so rum mit einem Glas Sekt, neben uns Cousins und Tanten und Onkel und Oma und Opa. Der Cousin hat grade einen Säugling auf dem Arm und erzählt, wie es so ist jetzt mit Kind. Und dann schaut die Oma oder die Tante in unsere Richtung und fragt: „Wann ist es eigentlich bei euch so weit? Ist da noch nix in Planung?“ Wichtig ist, wohin sich bei dieser Frage ihre Blicke richten. Nämlich nicht auf uns, sondern auf unsere Freundin.

Die Szene ist ein sehr gängiges Beispiel dafür, dass der Kinderstress – zumindest der Teil, der von außen kommt – meistens auf euch einprasselt. Es ist gerade in den Onkel-Tanten-Oma-Opa-Generationen noch relativ weit verbreitet, dass bei der Familienplanung die Frau die treibende Kraft und endgültige Entscheiderin ist. Wir sind da in der Nebenrolle, und wahrscheinlich daher auch länger entspannter. Ausnahme vielleicht: Wenn wir Einzelkinder sind und die einzige Hoffnung unserer Eltern, demnächst mal Großeltern zu werden. Dann spüren wir da schon Druck, wenn wir über 30 und seit ein paar Jahren in einer festen Beziehung sind.

Aber selbst wenn die Familie schon nachfragt, glaube ich, dass der Stress nie das Level erreicht, dass ihr aushalten müsst. Weil für uns mit Ende 30 keine Uhr tickt und selbst der größte Kinderverweigerer sich theoretisch mit Ende 40 ja noch mal umentscheiden könnte.

Wir schauen unvorbereitet drein wie in der Schule, als wir in Mathe an der Tafel zu Integralrechnung befragt wurden

Eine andere Szene hast du schon in einer Frage angesprochen: Die „Freundin will über Kinder reden“-Szene. So oder so ähnlich kommt die meinem Eindruck nach in vielen Beziehungen vor: Ihr seid da der Impulsgeberinnen, und wir schauen unvorbereitet bis perplex drein wie in der Schule, als wir in Mathe an der Tafel zu Integralrechnung befragt wurden. Okay, nicht ganz so, der Gedanke an Kinder ist uns definitiv näher als Stammfunktionen. Wir sind ja keine gefühlskalten Gesteinsbrocken und viele von uns denken auch mit unter 30 schon mal drüber nach, dass Vatersein irgendwann mal ganz cool wäre. Aber die Betonung liegt da schon sehr stark auf „irgendwann“ - und zwar ziemlich genau so lange, bis ihr uns deutlich macht, dass dieses Irgendwann in den nächsten Jahren stattfinden sollte. Und deshalb beginnt es auch dann erst in uns zu rattern: Dann erst fragen wir uns, was das eigentlich konkret für unser Leben bedeutet und was genau sich dann ändern wird.

Warum das so ist? Ich glaube, dass es zumindest teilweise an Rollenvorbildern liegt, die uns von klein auf mitgegeben wurden und die uns nicht gerade dazu veranlassen, uns mit einer zukünftigen Rolle als Vater konkret zu befassen. Während ihr zum dritten Geburtstag eine Puppe und einen Spielzeug-Kinderwagen geschenkt bekommen habt, schenkte man uns einen Bagger. Wenn wir später anfangen, ins Kino zu gehen, sind die Blockbuster-Väter größtenteils überfordert und genervt, dick und peinlich, oder so übernatürliche Superheldentypen, die ihre Kinder (und meistens gleich die ganze Welt) vor einer Flutwelle oder einer anderen Katastrophe retten, dabei aber auch maximal unrealistisch sind. Was sie jedenfalls nie sind: ganz normal.

Und unsere eigenen Väter stammen zum Teil noch aus einer Zeit, in der die Vaterrolle vor allem darin bestand, Geld nach Hause zu bringen. Diese Ernährer-Typen sind tendenziell schweigsam, was ihre Gefühle angeht. Sie haben uns zwar zehn Mal erzählt, wie sie auf Geschäftsreise beim Saufen einen großen Deal gemacht haben oder wie sie im Stadion waren, als der HSV 1976 den Europapokal gewonnen hat. Aber über die Freuden des Vaterwerdens haben sie nicht mit uns geredet. Unsere Hauptquelle für solche Informationen sind eher Kumpels, die etwas älter sind als wir und schon Kinder haben. Die erzählen uns, dass sie die ersten Wochen als Papa überwältigend fanden, und wir merken ja auch, dass sie oft total verzückt von ihrem Nachwuchs sind und es sie deshalb gar nicht stört, dass sie am Samstag nicht mit uns bis sieben im Club sind. Dann fangen wir auch an, nachzudenken. Wir bewundern sie ein bisschen, dass sie so coole und moderne Väter sind, die auch länger als zwei Monate daheim bleiben und beiläufig bis stolz ein Baby in ein Tragetuch wickeln und dann mit uns in den Biergarten gehen.

Und circa ab dem Zeitpunkt, an dem mehr als 50 Prozent unserer Kumpels Kinder haben, werden unsere Gedanken mitunter sehr konkret, wenn die Rahmenbedingungen aka glückliche Beziehung passen. Und dann reden wir auch untereinander darüber, wie wir uns das Vatersein vorstellen und was uns daran auch ein bisschen Angst macht. Und wie viel oder wenig wir dann arbeiten wollen und wie behämmert es ist, dass man von manchen Chefs immer noch minderwertiges Karrierepotenzial unterstellt bekommt, wenn man als Mann sechs Monate Elternzeit machen und danach in Teilzeit arbeiten möchte.

Die Autorin möchte anonym bleiben, weil sie ihre Familienplanung lieber nicht ins Internet stellen möchte.

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