jungs laestern cover
Illustration: Daniela Rudolf

Liebe Jungs,

als ich mich kürzlich mit alten Schulfreundinnen auf ein Bier traf, dauerte es keine Stunde, bis die Handys gezückt wurden. Nicht, um sich die neuesten Seehofer- und Merkel-Memes anzuschauen, sondern um die Profile Nicht-Anwesender auf Instagram zu durchforsten. 

Der Klatsch und Tratsch startete und bestätigte meine Theorie mal wieder: Wir können es einfach nicht lassen, das Aussehen und Styling unserer Mitmenschen –  in dem Fall unserer ehemaligen Mitschülerinnen – hinter ihrem Rücken zu sezieren. Wir brauchen das negative Gewäsch, um aus einem smalltalklastigen Abend etwas Besonderes zu machen.

Erst ist es nur ein nüchterner Informationsaustausch, in dem alle auf den gleichen Stand gebracht werden. Auf meinem Kneipenabend lief das ungefähr so ab: „Wusstet ihr schon, dass Lisa neuerdings einen Kurzhaarschnitt trägt?“ Oder: „Maria bekommt jetzt schon ihr zweites Kind.“ Haben alle zustimmend genickt, zieht man als nächstes mit großer Freude über die Mängel besagter Personen her. Wie zum Beispiel, dass Lisas rote schulterlange Haare immer ein absoluter Hingucker waren und ihrem Gesicht mehr geschmeichelt haben als die kurzen Stoppeln auf ihrem Kopf. Und dass Maria die Zeit mit ihrem Nachwuchs gerade ziemlich genießt, ist auch nur halb so wichtig wie die Tatsache, dass sie um die zehn Kilo zugenommen haben muss.

Das Ganze ist aber nicht nur reine Missgunst, sondern so pflegen wir auch unsere Freundschaft. Lästereien sind sozialer Schmierstoff. Da sind wir ein wenig wie die Waschweiber im Mittelalter. Oder wie Affen, die sich lausen.

Doch wenn ihr dazukommt, liebe Jungs, setzt ihr dem Gossip ein Ende. Der ungünstige Haarschnitt oder der Schwangerschaftsspeck eurer ehemaligen Mitschülerinnen interessiert euch überhaupt nicht – und auch nicht, was aus euren ehemaligen Mitschülern geworden ist. Ihr wechselt einfach das Thema. Eure Kernfrage lautet: „Wie läuft's?“

Mal abgesehen von ein paar Witzen über die große Nase eures Kumpels, frotzelt ihr nur selten an irgendwem herum

Selbstverständlich geht es dabei nicht um uns, sondern um die Arbeit. Oder ihr erzählt euch Geschichten wie die, dass ihr in der vergangenen Nacht ziemlich betrunken in eine Verkehrskontrolle geraten seid und das Pustegerät auf jeden Fall kaputt gewesen sein muss. Ihr redet über Autos, den Besuch beim Arzt, weil Verletzung am Sprunggelenk, die Partys, auf denen ihr wart oder auf die ihr geht, die Berge, auf denen ihr wart oder auf die ihr geht, den Urlaub oder darüber, welche Wirkung die Mischung aus Cola und Rotwein am vergangenen Wochenende auf euch hatte. Aber über andere Menschen redet ihr fast nie. Ausnahme: Irgendein Bekannter ist überdurchschnittliche sportlich. Nimmt am Triathlon teil oder an einem 24-Stunden-Mountainbike-Rennen. Das erregt dann eure Aufmerksamkeit, weil es euch beeindruckt. 

Kurz gesagt: Mal abgesehen von ein paar Witzen über die auffällig große Nase eures besten Kumpels, frotzelt ihr nur sehr selten an irgendwem herum. Dass Lästern mit euch fast unmöglich ist, bestätigt sogar eine Studie der University of Ottawa in Kanada. Dafür haben die Forscher 290 kanadische Studierende zwischen 17 und 30 Jahren gefragt, wie sehr sie ihre Geschlechtsgenossen als Konkurrenz wahrnehmen, wie oft sie lästern und ob sie sich für ihren Gossip im Nachhinein schämen. Das Ergebnis: Männer lästern nur ab und zu und verbreiten vor allem weniger Gerüchte als Frauen. Wir Frauen hingegen würden dadurch oft potenzielle Rivalinnen ausstechen wollen. Und besonders fies werden wir angeblich dann, wenn wir um eure Aufmerksamkeit buhlen. Na toll! Jetzt seid ihr auch noch der Grund dafür, dass wir negatives Karma anhäufen, ohne euch selbst was zuschulden kommen zu lassen!

Wir wüssten nun gerne: Warum macht ihr nicht mit beim Lästern? Interessiert ihr euch wirklich nicht für das Leben und die Schwächen anderer? Habt ihr einen anderen sozialen Schmierstoff – und wenn ja, welchen? Oder habt ihr vielleicht kein so großes Verlangen danach, euch mit euren Mitmenschen zu vergleichen und müsst darum auch nicht schlecht über andere sprechen, um sie als Konkurrenz zu deinstallieren? Uns interessiert wirklich brennend: Lästert ihr wirklich nicht oder nur, wenn wir nicht dabei sind?

Die Jungsantwort:

Jungs-Antwort

Liebe Mädchen,

ein Bekannter will an einem beschissenen Triathlon teilnehmen? Wir so: „Quarterlife-Crisis? Oder ist der schon weit über 30 – so haarausfalltechnisch sieht er zumindest so aus... Ist er deswegen neuerdings auf  der Suche nach einem Sinn seiner Existenz als durschnittlicher Lauch? Wahrscheinlich trägt er dabei diese bescheuerten Radler-Latzhosen, die eher in ein Fetischvideo als auf ein Rennrad gehören. Und das Rennrad erst, für was Menschen Geld ausgeben! Als ob er sich damit von seiner Nichtigkeit freikaufen könnte, das Ding verstaubt doch im Keller, noch ehe der mal die drei Kilometer zu  seiner widerlichen PR-Agentur zurückgelegt hat, wo er tagtäglich seine Restseele verkauft. Triathlon! Was 'ne Witzfigur!“

Gerade hätte ich fast die Frage vergessen. Sie ist leicht zu beantworten: Ja, wir lästern, viel und gern. Wir würden durchaus behaupten, dass wir euch dabei in puncto Gehässigkeit in nichts nachstehen. Wir glauben aber doch, dass es den ein oder anderen Unterschied gibt.

Wir gestehen uns viel weniger ein, dass unser Lästern Lästern ist

Da wäre zum einen, dass wir uns viel weniger eingestehen, dass unser Lästern Lästern ist. Ihr scheint dabei ja – soweit ich das aus der Frage herauslese – völlig bewusst und mit einem Satanslächeln die Grenze des Anstands zu überschreiten, also in eine Art „Vergessen wir mal kurz alle Regeln – jetzt wird abgelästert“-Modus zu verfallen. Offenbar zückt ihr dann die Smartphones und die komplette Timeline wird durch den Fleischwolf gedreht, verstehe ich das richtig? Wenn ja: Das klingt schon sehr böse.

Wir würden unsere Lästereien wohl eher als berechtigte Kritik an einer verkommenen Person verstehen. Wahrheiten, die ausgesprochen werden müssen, keine bewussten Gehässigkeiten. Sie sind auch weniger geplant, als ihr das beschrieben habt, aber sie passieren. Wenn ihr das live miterleben wollt, dann fragt doch einfach mal einen von uns nach dem Verbleib unserer damaligen Rivalen in der Schule. Wie unsere Kollegen so sind. Der Freund der Mitbewohnerin. Ihr werdet garantiert irgendwann einen Treffer landen.

Was aber auch erklären könnte, warum wir euch weniger verlästert vorkommen, ist die höhere Solidarität von uns Männern untereinander. Dank des Patriarchats können wir uns unserer herausragenden Rolle im sozialen Umfeld, im Job usw. relativ sicher sein. Wegen dieser Entspanntheit ziehen wir uns gegenseitig auf der Karriereleiter nach oben, bilden bei jeglichem sozialen Anlass eine Gruppe, die oft schon nach ein paar Stunden zu einer Art brüderlichen Einheit wird. Für Abgrenzung und Lästereien ist da nicht so viel Platz, auch wenn es natürlich durchaus Konkurrenz unter Männern gibt.

Ihr hingegen steht oft von Beginn an in einer Art skeptischem Abstand zueinander. In einem Umfeld, das für Frauen eben nicht automatisch eine komfortable Position bereithält, wächst die Konkurrenz – und damit wohl auch der Nährboden für Lästereien. Aber bevor jemand mich bei der nächsten Lästerrunde einen Mansplainer schimpft: Ihr könntet das sicher besser erklären.

Eure Jungs

Was die Mädchen auch noch gerne wüssten: