Jungs, mögt ihr vulgäre Sprache bei Frauen nicht?

Findet ihr unweiblich, wenn wir „pissen“ oder „ficken“ sagen?
Von Tabea Mirbach und Niko Kappel

Foto: joexx / photocase.de; Illustration: jetzt

Liebe Jungs,

ihr kennt das bestimmt: Zwei Männer unterhalten sich, einer sagt irgendwann: „Ich geh mal pissen.“ Der andere: „Okay.“ Gespräch beendet (beziehungsweise unterbrochen), niemand sagt was, niemand denkt sich was. Bei Frauen hört sich das eher so an: „Ich geh mal kurz auf Toilette“, oder halt „Ich geh mal pinkeln.“ „Pissen“ oder, extremer noch, „Kacken“ sagen die meisten von uns selten – und uns beschleicht das Gefühl, dass das unter anderem an euch liegt. Beziehungsweise an dem Bild, das ihr, von uns im Kopf habt, das wir unbewusst erfüllen wollen. Denn irgendwo in unseren Hinterköpfen kursiert da noch eine dieser blöden Listen aus der Bravo Girl: „Zehn Dinge, die Jungs an Mädchen nicht mögen.“ Ein Punkt darauf war immer wieder auch das Verwenden von vermeintlich männlichen Kraftausdrücken.

Wenn wir mal schlimme Schimpfwörter oder Worte wie „ficken“, „kacken“ oder „pissen“ verwenden, dann spürt man regelrecht, was andere denken: „Das hat sie jetzt doch nicht echt gesagt, oder?“ Dieser Moment zieht sich dann wie zähes Kaugummi, bis jemand ein anderes Thema anspricht.

Nach dem Fluchen will ich mich sofort dafür entschuldigen

Im vertrauten Umfeld rutschen mir schon mal Ausdrücke raus, die ich in der Öffentlichkeit nicht verwende – wenn ich mich zum Beispiel in Rage geredet habe, weil mich mein Professor oder sonst jemand mal wieder extrem genervt hat. Manchmal will ich die Dinge einfach genauso benennen, wie sie eben sind, ohne etwas schönzufärben oder darauf zu achten, ob das jetzt zu meiner Rolle als Frau in unserer Gesellschaft passt. Und dafür sind eben auch mal derbe und vulgäre Wörter notwendig. Aber: Direkt danach habe ich dieses innere Verlangen, mich für meine Ausdrucksweise zu entschuldigen. Manchmal mache ich das auch. Von euch Jungs habe ich noch nie eine Entschuldigung gehört, wenn ihr euch mal weniger, ich sag mal, „fein“ ausgedrückt habt.

Also, liebe Jungs: Habt ihr ein Problem damit, wenn wir vulgär werden? Und wenn ja: Woran liegt das? Und warum habt ihr bei euch selbst keine Probleme damit?

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

ihr habt uns dieses Mal ziemlich ertappt. Viele von uns halten sich für aufgeklärt und profeministisch, aber bei diesem Thema zeigt ihr uns deutlich, dass wir manchmal im Kopf noch nicht so weit sind, wie wir es gerne wären. Denn tatsächlich zucken wir oft zusammen, wenn eine Frau, die wir noch nicht so gut kennen, in unser Anwesenheit vulgär wird. Auf jeden Fall mehr, als wenn einer unserer Kumpel „pissen“ oder „Fotze“ sagt.

Es gibt leider immer noch viele Männer, die euch Frauen nicht für weiblich genug halten, wenn ihr derb werdet. Das ist extrem toxisch und hinterwäldlerisch, trotzdem passiert es auch den vermeintlich Progressivsten unter uns Jungs. Denn ja: Natürlich sollte eine Frau das Recht haben, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, wann immer sie es will. Es ist totaler Schwachsinn, dass das Jahrhunderte lang nur den Männern vorbehalten war.

Wir finden auch Männer nicht so prickelnd, die proletenhaft durch die Gegend blöken

Einige Männer sehen in euch viel zu oft noch das „schöne Geschlecht“, das sich schwiegertochterlike verhalten sollte. Wenn ihr dann auf einmal euren Professor als „dreckiges Arschloch“ bezeichnet oder sagt, dass ihr jetzt auf dem Klo einen dicken Bob in die Bahn setzen wollt, dann wehrt sich in unserem Kopf dieses kleine Arschloch namens Geschlechterrollenklischee. Wir haben das wohl so gelernt. Aber das ist falsch. Wir Männer sollten das verstehen und ändern.

Dazu muss man aber insgesamt auch mal sagen: Vulgäre Sprache ist nie geil. Wir finden auch Männer nicht so prickelnd, die proletenhaft durch die Gegend blöken, als wären sie Hirsche in der Brunftzeit. Im engeren Freundeskreis ist das was anderes, aber genau da ist der Punkt: Wenn wir es unter guten Kumpels witzig finden, wenn jemand rülpst oder seinen gerade anstehend Klogang metaphorisch beschreibt, dann sollten wir das unseren guten Freundinnen auch zugestehen.

Deshalb, ja! Ihr solltet Dinge unbedingt öfter beim Namen nennen – wenn ihr es denn wollt. Dann checkt es vielleicht auch der letzte Typ, dass auch ihr derb sein dürft, wenn ihr Bock drauf habt. Der größere Teil liegt hier allerdings bei uns. Wir Männer müssen akzeptieren, dass das Frauenbild der perfekten Schwiegertochter endlich in die Mülltonne gehört.

Eure Jungs

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