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Hetero-Männer sieht man in Deutschland eher selten aneinander anlehnen oder Händchenhalten.

Foto: unsplash / Steven Spassov Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

nach dem Ende einer langen Beziehung bin ich derzeit etwas auf Kuschel-Entzug. Mehr als der Sex fehlen mir die kleinen Momente: Wenn man mitten in der Nacht wach wird, sich an den Freund kuschelt und beruhigt weiterschläft. Umso mehr genieße ich die zurückgewonnene Zeit

und den Körperkontakt mit Freundinnen. Denn liebevolle Zuneigung –

ohne jegliche sexuelle Hintergedanken – gibt es nicht nur in einer Beziehung. Kuscheln unter Freunden zeigt: Da ist jemand, der dich mag und der will, dass es dir gut geht. Es symbolisiert Vertrautheit.

Als ich mich am Osterwochenende also mit zwei Freundinnen im Park

sonnte – eine Freundin lag mit dem Kopf auf dem Bauch der anderen,

während diese mit ihren Fingerspitzen meinen Kopf kraulte – fiel mir auf,

dass die Jungs neben uns sich nicht einmal annähernd berührten. Weder

am Arm, noch an den Beinen, noch am kleinen Zeh. Klar, sie saßen jetzt

nicht weit weg voneinander, aber eben auch nicht so nah, dass sie sich

ständig und bewusst berührt hätten.

Ihr nennt euch „Bruder“, kuschelt wenn dann aber nur mit leiblichen Geschwistern

Ich dachte darüber nach, in welchen Momenten heterosexuelle Männer

in der Öffentlichkeit Zuneigung zeigen. In den Sinn kamen mir nur eure

gekünstelten Begrüßungsrituale. Die hölzerne Prozedur wirkt auf uns

eher wie ein Muss und nicht wie ein herzliches Hallo unter Freuden. Ein

Handschlag und anschließendes mittelstarkes Rückenklatschen, als hätte sich der Freund gegenüber soeben verschluckt, zählt für uns nicht unbedingt als liebevolle Zuneigung. Und auch der Faustgruß outet euch

eher als Berührungs-Legastheniker. Eine Männerfreundschaft mit körperlicher Nähe, so wie die von J.D. und Turk aus Scrubs, scheint in der Realität nicht wirklich zu existieren. Aber warum? Wo bleibt eure sogenannte Bromance? Ihr nennt euch „Bruder“, kuschelt wenn dann aber nur mit leiblichen Geschwistern.

Also sagt mal: Woher kommen eure Berührungsängste? Wovor habt ihr

Angst? Wirklich davor, als homosexuell oder bi zu gelten? Verzichtet ihr

deshalb auf die Nähe von Kumpels? Ist kuscheln bei euch zwangsweise

mit einem Partner verbunden? Aber mit wem kuschelt ihr, wenn ihr Single seid? Würdet ihr gerne mehr kuscheln? Wenn ja, was hindert euch daran, eure Gefühle zu zeigen? Oder kuschelt ihr nur nicht in der Öffentlichkeit?

Und was ist, wenn ihr mal so einen richtig beschissenen Tag hattet? Wir

vergraben unsere Köpfe dann in den Armen unserer Freundinnen und

lassen sie dort solange stecken, bis der Optimismus langsam zurückkommt. Warum existiert ein „Drückst du mich mal kurz“ bei euch nicht? Ihr seid doch auch soziale Wesen und Zuneigung und Nähe meist aus der Kindheit gewohnt. Vermisst ihr das nicht?

Es heißt: „Wahre Liebe gibt es nur unter Männern“. Doch gehört zur wahren Liebe nicht auch ein wenig Zärtlichkeit?

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

ihr habt recht, irgendwie sind wir da nicht so locker wie ihr. Wir wissen

auch, dass Körperkontakt vollkommen ohne Hintergedanken geht. Trotzdem kuscheln die meisten von uns, wenn überhaupt, eher mit der besten Freundin als mit dem besten Freund. Das liegt zum einen daran, dass wir nicht wollen, dass da eine sexuelle Stimmung unter Kumpels entsteht. Ihr wollt ja sicher auch keine sexuelle Stimmung zwischen euch und eurer besten Freundin, oder?

In unserer Gesellschaft wird körperliche Nähe zwischen Männern eigentlich immer direkt sexualisiert. Wenn zwei Frauen in der

U-Bahn Händchen halten, gehen wir nicht automatisch davon aus, dass

sie lesbisch sind. Sie könnten genauso gut zwei Freundinnen sein, die

gerade ein Gespräch führen. Wenn das aber zwei Männer machen, hält

sie jeder für schwul.

Ihr merkt schon: Die „Angst vor dem Schwulsein“, beziehungsweise

dem fälschlicherweise als schwul gelten, spielt hier eine große Rolle.

Auch wenn viele denken, wir sind im Jahr 2019 über sowas hinaus: Ich

würde behaupten, die Mehrzahl der Hetero-Jungs hat immer noch Angst

davor, dass andere denken, sie wären heimlich schwul. Deshalb machen

viele Jungs anderen Jungs keine optischen Komplimente oder geben zu,

dass sie pinke Fußballtrikots eigentlich ganz geil finden.

Wer kuschelt, zeigt sich verletzlich

Darunter sind bestimmt einige, die schlicht und einfach homophob sind.

Sie finden Schwulsein falsch und wollen deshalb nicht für einen schwulen Mann gehalten werden. Einige assoziieren schwul zu sein eher mit

etwas Weiblichem, was natürlich Bullshit ist, denn auch schwule Männer

sind männlich.

Wir haben alle, bestimmt auch viele von euch, immer noch ein gewisses

Bild von Männlichkeit: stark, unverletzbar und hart. Solange das so

bleibt, wollen viele Jungs genau so wirken, um sich männlich zu fühlen.

Wer kuschelt, zeigt sich verletzlich: Er gibt sich in die körperliche

Obhut einer anderen Person und lässt sie in seine Komfort-Zone, ist also

quasi ausgeliefert. Das entspricht nicht den eben genannten Klischees. Deshalb wollen sich viele von uns nicht einfach so von ihrem

Kumpel am Ohr kraulen lassen, obwohl wir das sicher auch irgendwie

schön fänden. Auch auf einer nicht sexuellen Ebene.

Wegen all dem fangen wir im Park nicht an, gedankenverloren mit den lockigen Haaren unserer Kumpels herumzuspielen und ihnen sanft über

den Arm zu streicheln. Wenn ihr jetzt bei dieser Vorstellung lachen

müsst, dann könnt ihr sicher nachvollziehen, warum wir uns nicht gern

gegenseitig anfassen.

Alles in allem klingt das, was ihr über das Kuscheln unter Freunden sagt,

ziemlich gut. Deshalb werde ich beim nächsten Mal meinen besten Kumpel mit einer innigen Umarmung plus Hinterkopf-Handkontakt begrüßen, anstatt ihm einen, zugegebenermaßen ziemlich dämlichen, Fist-Bump zugeben. Ich erzähl dann, wie es war.

Eure Jungs