Jungs, warum tanzt ihr so gehemmt?

Was hält euch zurück, wenn wir unsere innere Shakira entfesseln?
Von Charlotte Haunhorst und Quentin Lichtblau

Bildrechte: citypixx.com, Seleneos / photocase.de; Illustration: jetzt

Liebe Jungs,

ich kann nicht besonders gut tanzen. Vielleicht liegt es an meiner Herkunft, der Genpool meiner Familie ist sehr norddeutsch-limitiert, eine leidenschaftliche Südländerin hat da nie mitgemischt. Vielleicht hängt es aber auch mit meiner fehlenden Musikalität zusammen, bereits mein Großvater attestierte mir beim Klavierüben als Kind „Holzfingerchen“.

Und trotzdem tanze ich sehr gerne. Es gibt äußerst fragwürdiges Bildmaterial von mir, auf dem ich pseudo-feurig meine Haare schüttle, einen sehr schlechten Discofox hinlege, ja, ich möchte auch nicht ausschließen, dass ich mit 16 sehr gerne den fiesen „Freundinnen tanzen aneinander runter“-Move zelebriert habe. Ich kann mich für all das nicht so richtig schämen, weil mir tanzen einfach Spaß macht. Partys, auf denen (schlecht) getanzt wird, sind einfach immer besser als solche, bei denen alle in dunklen Ecken stehen und sich an ihren Getränken festhalten. Und ich weiß, dass viele Mädchen das ähnlich sehen: Seit ich in Clubs reinkomme, bin ich am Wochenende oft mit Freundinnen tanzen gegangen.

Wir sind Shakira – ihr der Wackeldackel

Natürlich waren und sind an diesen Abenden auch Jungs dabei, aber irgendwie wirkt ihr dabei selten so, als hättet ihr richtig Bock. Stattdessen beobachte ich da oft eine Spaltung der Gruppe: Während wir Mädchen schon auf die Tanzfläche stürmen, wenn dort sonst noch niemand unterwegs ist, geht ihr erstmal an die Bar. Pichelt euch dort so lange einen rein, bis euer Pegel auf einem Level ist, dass ihr unsere Bitte „Jetzt komm doch endlich tanzen!“ nicht mehr so richtig gut wegargumentieren könnt und euch auf die Tanzfläche zerren lasst. Dort passiert dann etwas, das ich mal freundlich als „One, two, step“ bezeichnen würde: Ihr wippt ein bisschen von einem Fuß auf den anderen, wackelt mit dem Kopf leicht hin und her und starrt dabei die meiste Zeit betreten in euer Glas oder sucht nach Vorwänden, es nochmal auffüllen zu lassen. Und während wir Mädchen bereits unsere innere Shakira rauskehren, die Arme in die Luft reißen und laut mitsingen, macht ihr weiter den Wackeldackel.

Natürlich gibt es keine Jungs-Mädchen-Fragen ohne Ausnahmen: Tatsächlich scheint bei manchen von euch mit entsprechendem Pegel ein Schalter umzukippen und ihr mutiert zu Mitgliedern einer Boyband, die leider nie gecastet wurde. Geht beim Tanzen in die Knie, imitiert mit den Fäusten einen Herzschlag vor eurer Brust oder hebt mit einer imaginären Schippe einen Vorgarten aus. Selbst wenn echte Leidenschaft dahintersteckt, werde ich allerdings nie das Gefühl los, dass ihre auch diese Moves eigentlich ironisch meint. Dass sie eure Art sind, doch noch ein bisschen die Sau rauszulassen ohne euch später schämen zu müssen. War ja nur Spaß.

Deshalb meine Frage: Jungs, warum tanzt ihr so gehemmt? Mögt ihr einfach die Bewegung auf Musik nicht? Habt ihr Angst, euch zu blamieren? Denkt ihr vielleicht sogar so etwas dämliches wie, „Tanzen ist unmännlich?“. Und, einfach um in dieser Kolumne auch mal einen fiesen Kalenderspruch einzubauen: Habt ihr nie was von „Tanze, als würde dich niemand sehen, liebe, als wäre dein Herz nie gebrochen worden, singe, als würde dich niemand hören und lebe als gäbe es kein Morgen“ gehört (das soll Mark Twain geschrieben haben? WTF)?

Eure Mädchen

PS: Um das noch zu klären, zum PUR-Partymix Arm-in-Arm grölend zu hüpfen, zählt nicht als Tanzen.

Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

der PUR-Partymix beschallt wohl eher Partys in Norddeutschland, den kenne ich gar nicht. Und es gibt Menschen, die bezeugen können, dass ich schon zu einigen Anlässen weit mehr als den One-two-step gemacht habe. Aber klar, die Richtung stimmt schon: Was das Tanzen angeht, wurde – zumindest in meinen Kreisen – seltenst eine Tanzfläche als erstes von Männern gestürmt.

Der Grund ist simpel und komplex zugleich: Wer tanzt, gibt etwas preis, macht sich angreifbar. Eine leere Tanzfläche einzunehmen, bedeutet automatisch: Alle Augen sind auf den Tänzer gerichtet. Hier souverän abzugehen, erfordert Mut – und der lohnt sich gefühlt nur, wenn man sich seiner Moves verdammt sicher ist. Und da gibt es natürlich schon einige: Naturtalente, ausgebildete Tänzer, Breakdancer, Voguer und so weiter. Für alle anderen ist die Gefahr, sich lächerlich zu machen, gefühlt immer etwas zu groß.

Hinter dieser Risikoscheu steht ein Verständnis von Coolness, dessen zentrales Element Regungslosigkeit ist. Der gefühlskalte Lover, der innerlich tote Killer, der apathische Schönling – sehr viele Parade-Hollywood-Männerrollen basieren auf der maximalen Unterdrückung jeglichen Gefühls, selbst wenn sie sich nur über minimalste Regungen ausdrückt. Viele Männer haben dieses Verständnis restlos verinnerlicht, sodass jeder Ausbruch eine Gefahr darstellt.

Tanzen ist so eine Gefahr: Tanz heißt immer Ausdruck, Emotion, Loslassen, alles Dinge, die dem eigenartigen Rollenbild des „coolen Typen“ widersprechen. Und auch Eigenschaften, die viele Männer eher Frauen oder Homosexuellen zuschreiben – und schwul oder weiblich zu wirken ist für verunsicherte Männer leider auch etwas sehr Unheimliches.

Vielleicht ist Marschieren auch ein Reflex, der sich bei deutschen Männern beim Klang von Musik ganz automatisch einstellt

Außerdem ist Tanzen rational nicht fassbar, es ist naiv und kindlich. Der tanzende Mann fühlt sich also oft wie eine einzige Lästeroberfläche für andere. Um sich gewissermaßen von den eigenen Bewegungen zu distanzieren, ziehen viele deswegen die ironische Ebene ein und machen „lustige“ Handgesten (gespreizter Zeige- und Mittelfinger vor den Augen entlang), die lang vor „Pulp Fiction“ schon niemanden mehr zum Lachen gebracht haben.

Viele versuchen auch, das Tanzen trotz innerer Widerstände auf seinen rationalen Kern herunterzubrechen, was dann dem von dir beschriebenen Tippeln von links nach rechts entspricht. Da kann man nichts falsch machen, Hauptsache den Takt halten, links, zwo, drei, vier. Vielleicht ist Marschieren auch ein Reflex, der sich bei deutschen Männern beim Klang von Musik ganz automatisch einstellt.

Trotz alldem bin ich mir sicher, dass in jedem Typen mit einem nicht völlig kaputten Rhythmusgefühl die Anlagen für einen großartigen oder wenigstens passablen Tänzer stecken. Was viele dazu brauchen: Eine nicht ganz leere Tanzfläche, die Möglichkeit, wenigstens ein bisschen unterzugehen und, nun ja, Alkohol schadet in diesem Fall auch nicht. Bestenfalls noch andere Männer auf der Tanzfläche, die mit ihren Bewegungen ausdrücken: Du darfst jetzt auch tanzen, wir werden dich nicht auslachen, du bist immer noch ein ganz toller Mann, wirklich. Von eurer Seite hilft außerdem ganz banale Bestätigung. Wenn das, was wir da abziehen, gut aussieht, bitte sagt es uns. So richtig kleinkindmäßig: Toll machst du das! Guter Junge! Sollte es aber ganz fürchterlich aussehen, dann sagt es uns auf gar keinen Fall (einzige Ausnahme: dieser Pulp-Fiction-Bullshit.)

Wer nämlich einmal gehört hat, dass er nicht tanzen kann, lässt es für immer sein.

Eure Jungs

  • teilen
  • schließen