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Collage: Daniela Rudolf, Foto: unsplash

Manchmal träume ich davon, dass die AfD in den Bundestag einzieht. Und das sind keine Albträume. Das ist auch nicht mein fieses Unterbewusstsein, das sich mit der unschönen Realität zu Wort meldet. Und das ist vor allem kein Sympathisieren mit dieser rechtsextremen Partei. Es ist die Hoffnung darauf, dass sich etwas verändert. Irgendetwas.

Und natürlich trage ich nicht dazu bei, dass dieser Traum von Veränderung durch eine Partei, die nicht für Wandel, sondern für Rückschritt steht, verwirklicht wird. Soll heißen: Ich würde niemals AfD wählen. Dieser mein geheimer Wunsch ist dumm und ein rein intuitiver und eigentlich sehr geheimer Wunsch. Diese Sehnsucht, etwas Schlimmes möge passieren, etwas durch und durch Schlechtes, eine politische Katastrophe möge eintreten, zieht sich durch mein Leben wie ein roter Faden.

Zum ersten Mal offenbarte sich mein heimlicher Fetisch vor dem Brexit-Referendum. So sehr ich auch in Diskussionen den Standpunkt einnahm, dass Europa eine Gemeinschaft sein müsse, dass man nur zusammen und vereint stark sein könne, und der um sich greifende Protektionismus höchst gefährlich sei – heimlich hoffte ich manchmal darauf, dass die Briten sich tatsächlich für einen Brexit entscheiden würden. Das konnte ich natürlich niemandem sagen.

Als Donald Trump gewählt wurde, kroch es wieder in mir hoch: ein unbestimmtes Vergnügen am Verderben, eine Lust am Untergang. Ich saß gebannt vorm Bildschirm, ich konnte es kaum fassen. Natürlich war ich erschrocken, als Frau und Mensch  zutiefst angewidert von Trump, und ein wenig unter Schock. Ein anderer Teil von mir hing jedoch mit funkelnden Augen an Trumps Lippen, vollkommen eingenommen von der Faszination des Bösen, die sich in Form eines reichen, weißen, dummen Unternehmers, der es irgendwie geschafft hatte, der mächtigste Mann  der Welt zu werden, entfaltete.

Vielen Leuten erscheint das „Zurück-ins-Früher“ einer AfD wie eine Veränderung 

Ich weiß, dass mein Wunsch von einem Umsturz krude ist, besonders, wenn die Veränderungen darin bestehen, dass Menschen an die Macht kommen, die überhaupt nicht für Wandel oder Fortschritt sorgen wollen, sondern restriktive, menschenverachtende Politik betreiben. Es ist natürlich ein Rückschritt, wenn Fremdenfeindlichkeit wieder salonfähig wird. Das Problem ist nur:  In Deutschland herrscht gefühlt schon so lange eine liberale und wirtschaftsfreundliche Einheitspolitik, so dass vielen Leuten das „Zurück-ins-Früher“ einer AfD wie eine Veränderung erscheinen mag. Dann gibt es zugleich das bescheuerte Verlangen, die AfD in der Praxis scheitern zu sehen. Und zu guter Letzt will man einfach Chaos. Die Auflösung vom Herkömmlichen, ja, auch vom sagenumwobenen Establishment. Daran gekoppelt ist auch mein Wunsch nach einer oberflächlichen Veränderung, einem Schock-Moment, einem Erlebnis, das mich selbst aus meiner politischen Trance rütteln könnte. Eine AfD im Bundestag könnte so ein Moment sein – auch für andere.

Mein Trance-Zustand lässt sich ungefähr so beschreiben: Ich bin gefangen in einem Einheitsbrei aus First-World-Problemen, latentem Schlafmangel, dem Druck, sinnvolle Dinge zu tun und einer um sich greifenden, nicht benennbaren und mich doch immer begleitenden Angst, die sich erbarmungslos in mich hineinfrisst. Wir alle haben Angst: Die Jungen haben Angst vor unbefristeten Arbeitsverträgen, davor, dass es uns einmal nicht so gut gehen wird wie unseren Eltern oder davor, dass wir zu viel am Smartphone hängen und zu wenig lesen. Die Älteren haben Angst vor Altersarmut und davor, dass die jüngere Generation zu viel am Smartphone hängt, keine Kinder mehr kriegt und sie später nicht versorgen kann.

Es ist diese Angst, die mehr als alle andere Gefühle den Wahlkampf dominiert und in unseren Alltag eingreift, auch in meinen: Kann ich abends noch alleine joggen gehen? Gibt es bald die nächste Weltwirtschaftskrise? Fängt Trump einen Atomkrieg an? Richtet sich die Menschheit bald selbst zugrunde? Es ist so absurd, auf der einen Seite zu versuchen, weniger Zucker zu konsumieren oder aluminiumfreies Deo zu benutzen, und gleichzeitig die unterschwellige Sorge um die Apokalypse in sich zu tragen. Und manchmal auch ein bisschen die Hoffnung auf die Apokalypse. Ein heftiges, schnelles und schmerzfreies Ende.

 

Und trotzdem habe ich auch Hoffnung. Nicht darauf, dass wir in einen nationalistisch geprägten Einzelgänger-Staat zurückrutschen. Sondern Hoffnung darauf, dass sich durch eine unliebsame Veränderung zugleich die Haltung der Menschen verändert. Meine Hoffnung ist, dass Menschen aufwachen, wenn Parteien wie die AfD in den Bundestag ziehen. Sich wieder politisch interessieren, engagieren. Aus Nichtwählern sollen zumindest Interessierte werden. Weil, wenn die AfD in den Bundestag zieht, ist das scheiße. So richtig scheiße. Wenn ich daran denke, habe ich nicht mehr so viel Lust aufs Chaos, nicht mehr so viel Spaß an Schlechtem. Am Ende fragt man sich höchstens, wie man so naiv sein konnte, auf etwas Schlechtes zu hoffen, statt selbst etwas für eine Veränderung getan zu haben – ganz ohne nationalistische Parolen oder neoliberale Einheitspolitik. Dann stünde man am Ende zumindest mit besserem Gewissen vor der Apokalypse.

 

 

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